Somewhere in England, March 2023. Mikhaylo in front of an AS-90 British howitzer. Mikhaylo vor einer britischer AS-90 Haubitze. | Foto: ©Théo Prouvost

In England und Estland trainieren ukrainische Soldaten „motivierter als je zuvor“ für die im Frühjahr geplante Offensive

Da im Mai eine neue Offensive der ukrainischen Armee erwartet wird, beschleunigt sich die Ausbildung ukrainischer Soldaten in mehreren europäischen Ländern. Unser Sonderkorrespondent konnte die Ausbildung mehrerer von ihnen in England und Estland miterleben.

Veröffentlicht am 26 April 2023
Somewhere in England, March 2023. Mikhaylo in front of an AS-90 British howitzer. Mikhaylo vor einer britischer AS-90 Haubitze. | Foto: ©Théo Prouvost
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Die ersten Kanonenschüsse ertönen um 9.55 Uhr, kurz bevor ein heftiger Regenschauer über das schlammige Gelände hereinbricht. Auf den AS-90-Haubitzen weht die ukrainische Flagge hoch oben neben dem Union Jack. Sergeant Burnfield greift zu ihrem Walkie-Talkie und gibt den sechs Raupenfahrzeugen den Befehl, das Feuer zu eröffnen: In weniger als einer halben Stunde werden fast fünfzig Schuss Munition abgefeuert. Die ukrainischen Soldaten werden dreißig dieser Haubitzen aus London mit in ihr Land nehmen.

Im Umkreis von dreißig Kilometern um den größten Truppenübungsplatz auf britischem Boden herrscht gähnende Leere. Diese 3.000 Kilometer von der Frontlinie entfernten Ebenen im Südwesten Englands, die von den Raupen der Panzer umgepflügt werden, müssen  auf Wunsch des Militärs geheim bleiben. Es handelt sich um einen der vier Stützpunkte, an denen die Briten seit Beginn des Konflikts über 10.000 ukrainische Soldaten ausgebildet haben.

Der 33-jährige Mikhaylo ist einer von ihnen. Er ist Vater eines vierjährigen Sohnes und arbeitete als Spezialist für landwirtschaftliche Maschinen in der Oblast (Region) Tschernihiw im Norden der Ukraine. Seine Ausbildung begann vor drei Wochen: „Ich bin unmittelbar nach der Befreiung meiner Stadt zur Armee gegangen. Ich muss mein Bestes geben, um das Vaterland zu schützen“.

Ein britischer Ausbilder überprüft ukrainische Artilleristen in einer AS-90-Haubitze. | Foto: ©Theodore Donguy
Ein britischer Ausbilder überprüft ukrainische Artilleristen in einer AS-90-Haubitze. | Foto: ©Theodore Donguy

Aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen lassen die Ukrainer nur ihre Augen sehen. Sie unterscheiden sich von den britischen Ausbildern durch ihre Jacken ohne Tarnmuster.

Wer sind diese Soldaten in der Ausbildung?

Die Hälfte der an diesem Tag anwesenden 150 Rekruten hat bereits die Grausamkeiten der Front erlebt. Die Auswahl der Soldaten, die ans andere Ende Europas geschickt werden, wirft Fragen auf.


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Laut Emmanuel Dupuy, Präsident des Institut Prospective et Sécurité en Europe (IPSE), ist diese Ausbildung hauptsächlich für Kadetten, also Offiziere in der Ausbildung, gedacht. Doch an den Haubitzen sind die ranghohen Ukrainer in der Minderheit und lassen Männern Platz, die mit der Artillerie vertraut sind. Yuriy kennt den Krieg seit der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014: „Dieses Training ermöglicht es mir vor allem, meine Technik zu verbessern und viel präzisere Schüsse abzugeben“. Die Kanone, an der Yuriy trainiert, verfügt über eine Reichweite von bis zu 25 Kilometern.

London sorgt für eine kontrollierte Kommunikation

An diesem Freitagmorgen wohnten 18 Journalisten den Manövern bei. Die Logistik rund um die Reporter war extrem präzise; ein gelungener PR-Coup für die British Army. Davon zeugt die Akkreditierung, die innerhalb weniger Tage vergeben wurde, während die Übungen der Europäischen Union sehr vertraulich und für die Presse unzugänglich bleiben. Emmanuel Dupuy erklärt dies wie folgt: „Die Unternehmenskultur der britischen Streitkräfte zeichnet sich seit jeher durch umfassende Kommunikation aus“. Er hebt die öffentliche Diplomatie hervor, die die Briten perfekt beherrschen.

Diese Übungen in den westlichsten Ländern Europas werfen dennoch Fragen auf, denn Polen bietet ein perfektes Übungsfeld. Um Tausende Ukrainer nach Frankreich, Deutschland oder auch ins Vereinigte Königreich zu bringen, ist eine äußerst komplexe und teure Logistik erforderlich.  

Polen, Dreh- und Angelpunkt der internationalen Hilfe

Wenn die Westmächte der Meinung sind, dass die Ukrainer wieder kampffähig sind, tritt Polen auf den Plan. Bei der militärischen Unterstützung ist das Land der zentrale Akteur in der westlichen Strategie.

Journalisten von fünf Kontinenten versuchen, die Übungen der ukrainischen Artillerie festzuhalten. ©Theodore Donguy
Journalisten von fünf Kontinenten versuchen, die Übungen der ukrainischen Artillerie festzuhalten. Foto: ©Theodore Donguy

Die ukrainischen Truppen, die von Kiew zur Ausbildung ausgewählt werden, fliegen über den Flughafen Rzeszow-Jasionka, ebenso wie 80% der humanitären und militärischen Hilfe. Vor der Invasion war der Flughafen eine Anlaufstelle für Billigfluggesellschaften. Jetzt ist sein Rollfeld Schauplatz eines unaufhörlichen Balletts von Militärfrachtflugzeugen. Züge und Lastwagen übernehmen dann die Weiterfahrt in die 100 Kilometer weiter östlich gelegene Ukraine. Diese Strecke werden  Mikhaylo und Yuriy nach ihrer Rückkehr aus England nehmen.

Jasionka ist ein Spiegelbild dessen, was Polen seit März 2022 ist: das Eingangstor für europäische Hilfe an die Ukraine (die USA haben ihren eigenen Stützpunkt in Mielec). Emmanuel Dupuy spricht von einer „Polonisierung der NATO-Macht“ – eine Premiere für ein Land, das aufgrund seiner illiberalen Politik oft marginalisiert wird. Bis Ende 2023 wird Polen voraussichtlich 4 % seines BIP für seinen Verteidigungshaushalt bereitstellen und damit  das höchste Ausgabenniveau unter den NATO-Ländern erreichen.

Die baltischen Staaten,Speerspitze der NATO

Unter dem Bündnis der Bukarester Neun ist Polen nicht die einzige Nation, die sich auf der internationalen Bühne behauptet. Die NATO stützt sich auch auf die drei baltischen Staaten, unter denen Estland das Aushängeschild ist.

Wenn man die Hilfe für die Ukraine in Relation zum BIP setzt, ist Estland das großzügigste Land (1,07 % seines BIP), gefolgt von den Nachbarn Lettland und Litauen. Zum Vergleich: Für die USA beträgt dieser Prozentsatz nur 0,40 %. Die russische Invasion scheint die Karten des NATO-Verteidigungsprogramms in Europa neu verteilt zu haben, ob es dem deutsch-französischen Paar nun gefällt oder nicht.

Estland ist eines der Länder, die am härtesten mit Moskau ins Gericht gehen, obwohl es an Russland grenzt. „Die Esten bereiten sich ständig auf den Krieg vor“, bestätigt Katerina Kesa, Dozentin am Inalco. In Estland, Lettland und Litauen ist das militärische Training der Ukrainer für Journalisten nahezu unzugänglich: Es gibt zahlreiche Einschränkungen, und die Übungen werden streng geheim gehalten.

Tallinn setzt auf den Militärdienst als Vorbereitung

Zusätzlich zu seinem Engagement bei der Ausbildung des ukrainischen Militärs baut Estland auch seine Verteidigungsfähigkeit aus und bereitet sich auf eine hypothetische russische Invasion auf eigenem Boden vor. Verteidigungsminister Hanno Pevkur erläutert der ukrainischen Zeitung The Kyiv Independent die Ziele Tallinns: „Die estnische Armee soll bis zum Jahresende von 10.000 Soldaten auf 20.000 aufgestockt werden.“

Um dies zu erreichen, verfolgt man eine etwas ungewöhnliche Strategie. Während des Wehrdienstes, der obligatorisch ist und 11 Monate dauert, können die Wehrdienstleistenden nun ihre Kameraden in der Einheit auswählen. Weil die europäischen Armeen Mühe haben, neue Soldaten anzuziehen, ist es jungen Wehrpflichtigen tatsächlich erlaubt, in derselben Einheit zu dienen wie ihre Freunde. Die Auswahl erfolgt über eine Liste, die sie zuvor erstellen.

Ein junger estnischer Wehrpflichtiger inspiziert die Tarnung einer K-9 Thunder-Haubitze. | Foto: ©Theodore Donguy
Ein junger estnischer Wehrpflichtiger inspiziert die Tarnung einer K-9 Thunder-Haubitze. | Foto: ©Theodore Donguy

An diesem Dienstag, dem 7. März, üben die Wehrdienstleistenden auf dem Militärstützpunkt Tapa im Osten Estlands mit K-9 Thunder-Haubitzen, dem Äquivalent der britischen AS-90. In ihrer Kaserne, in der 3.200 Soldaten untergebracht sind, treffen sie manchmal auf Männer mit der gelb-blauen Flagge auf dem Arm, die ebenfalls in der Ausbildung sind.

Das Durchschnittsalter der Einheit beträgt nicht mehr als 23 Jahre. Das Thermometer zeigt -14 °C an, aber die gute Laune der Gruppe wärmt. Während sie auf den Ausbilder warten, der kommen soll, um die Tarnung zu überprüfen, lachen die zehn jungen Männer, ziehen sich gegenseitig auf und teilen sich eine Zigarette. Laask, ein Mittzwanziger aus Tallinn, der nun die Einheit leitet, berichtet: „Nach einer ersten dreizehnwöchigen Ausbildung ist das Training taktischer geworden, und wir können uns nun als Spezialisten bezeichnen. Es ist toll, mit einer so großen Haubitze schießen zu können!“.

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