Ideen Europa, die Kolonien und die Erinnerung

Um die Wunden der Kolonialisierung zu heilen, sollten wir ihren Opfern Denkmäler setzen

In Syrakus auf Sizilien steht ein Denkmal für die in Afrika gefallenen Italiener, das einst auf Intiative von Benito Mussolini errichtet wurde. Es ist ein Sinnbild für das Verhältnis Italiens und ganz Europas zu seiner kolonialen Vergangenheit, und steht für die Überlegungen, die in jüngster Zeit im Zuge der Proteste nach dem Beispiel der „Black Lives Matter“-Bewegung in den USA aufgekommen sind. Die italienisch-somalische Schriftstellerin Igiaba Scego spricht von einer Wunde, die geheilt werden muss, indem man bei ihren Symbolen anfängt.

Veröffentlicht auf 10 Juli 2020 um 11:00
Tonio86 | Wikimedia  | Das Denkmal für die in Afrika gefallenen Italiener in Syrakus.

Syrakus ist einer der faszinierendsten Orte in Italien und man kann dort einige aufschlussreiche Erkenntnisse gewinnen. Schon der römische Schriftsteller und Philosoph Cicero nannte die Stadt die schönste der „Magna Græcia“ des antiken Süditaliens. Hier verliefen die Handelswege der Griechen und der Phönizier und bis zur Eroberung durch die Römer war Syrakus ein wichtiger Verkehrsknotepunkt im Mittelmeerraum. Wie ganz Sizilien hat die Stadt Beutezüge, Eroberungen, Aufstieg und Niedergang erlebt. Im Laufe der Zeit sind Araber, Byzantiner, Normannen, Schwaben und Aragonier hier durchgezogen und haben in der atemberaubenden Landschaft ihre Spuren hinterlassen.

Was viele nicht wissen: Syrakus war einer der berühmtesten und am stärksten gebeutelten Vorposten des Faschismus. Dass Mussolini die Stadt als „Kolonial-Hauptstadt“ bezeichnete, war kein Zufall: von der Küste vor Syrakus ging in den 1930er Jahren die Eroberung Afrikas aus. Das faschistische Regime nutzte die günstige geografische Lage für die Versorgung seiner Truppen mit Lebensmitteln, Waffen und anderen Gütern. Zwischen Syrakus und dem kolonisierten Libyen bestand eine Schiffsverbindung und sogar ein Postdienst, der von Syrakus über Libyen bis nach Mogadischu und Asmara reichte. Die sizilianische Stadt war über Unterwasserkabel mit Tripolis und Benghazi verbunden. Dass sie eine Zeitlang im Zentrum dieser kolonialen Geschichte stand, darauf sind manche noch heute (zu Unrecht) besonders stolz. Lange dauerte dieser Zustand jedoch nicht: mit den Jahren wurden andere sizilianische Außenposten wie Catania wichtiger als Syrakus.

Von der ganzen faschistischen und vor allem kolonialen Vergangenheit ist heute nur ein monumentaler Komplex erhalten geblieben, der als „Denkmal für die in Afrika gefallenen Italiener“ bezeichnet wird und unangefochten über der Piazza dei Cappuccini an der dem Meer zugewandten Seite der Stadt thront. Die Einwohner und auch die Touristen gehen dorthin, um die Aussicht – eine der schönsten der Stadt – zu genießen. Kaum jemand beachtet die Statuen und fragt sich, was sie bedeuten. Die Geschichte dieses monumentalen Bauwerks ist interessant und typisch für einen europäischen Trend, die Kolonialgeschichte zu vergessen oder noch schlimmer: zu bagatellisieren. Ein Teil der Vergangenheit, über den man lieber nicht spricht. 

Vergangenheit, die zwar in den Institutionen und den einzelnen italienischen Familien, in denen vielleicht ein Großvater, Vater oder Onkel damals in Afrika waren, nicht erwähnt wird, die aber dennoch ab und zu aufblitzt: in einer Liedzeile, einem dahergesagten Satz in einem Film (zum Beispiel in dem italienischen Klassiker „I soliti ignoti“ (Diebe haben’s schwer, 1958), als Vittorio Gassman bei der vorgetäuschten Rettung von Carla Gravina zu den vermeintlichen Angreifern sagt: „Hey, was glaubt Ihr wo Ihr seid? Wir sind hier nicht in Abessinien sondern in einem zivilisierten Land!“). Manchmal auch auf Zeitschriftentiteln, in Familienfotos oder eben in einem Denkmal wie dem in Syrakus.

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Die Geschichte dieses Denkmals nachzuvollziehen ist spannend, denn anhand der Verbindungen, die in Syrakus zusammenlaufen, wird deutlich, wieso derzeit (in einer Welle, die durch die amerikanische Bewegung „Black Lives Matter“ ausgelöst wurde) in ganz Europa, von Bristol bis Brüssel, viele Menschen der Ansicht sind, dass die Debatte über diese koloniale Vergangenheit dringend geführt werden muss. Denn aus der kolonialen Vergangenheit Europas entsteht die Diskriminierung von heute. Genau diese kolonialen Zusammenhänge zeigt uns das Denkmal in Syrakus. Anhand dieser Fallstudie sollten sich alle Italiener und auch Europäer bewusst machen, wodurch diese europäische Unterdrückungsbewegung möglich war.

Zunächst muss man wissen, dass das Denkmal nicht während der 20 Jahre der faschistischen Diktatur an seinem heutigen Standort am Meer an der Piazza dei Capuccini errichtet wurde, sondern lange nach Kriegsende, im Jahr 1952, als Italien längst eine Republik war. Die italienische Regierung hatte seinerzeit mit diesem schweren Erbe aus Carrara-Marmor und weißem Stein zu kämpfen, denn das Denkmal war nach den Vorstellungen einer anderen Zeit entstanden. Romano Romanelli, ein Bildhauer aus einer berühmten florentinischen Künstlerfamilie, hatte es 1938 entworfen und es sollte eigentlich in der „kaiserlichen“ Stadt Addis Abeba aufgestellt werden. Im Zentrum der afrikanischen Stadt sollte es das von Benito Mussolini und seinen Schergen Badoglio und Graziani errichtete anachronistische Imperium verherrlichen, das diese mithilfe von Massakern, von der Genfer Konvention geächtetem Gas und Vergewaltigungen errichtet hatten. Mit dem zweiten Weltkrieg endeten aber auch die faschistischen Ruhmesfantasien und das Monument wurde eingelagert. Einige Teile wurden gestohlen oder sind mit der Zeit kaputt gegangen. 

Nach Kriegsende wusste das republikanische Italien nicht so recht, was es mit diesem Klotz anfangen sollte, beschloss aber dennoch, das Denkmal aufzustellen. Syrakus wurde damals wegen seiner zwanzigjährigen Verbindungen zu den so brutal eroberten Kolonien ausgewählt. Eine merkwürdige Entscheidung für ein Land, das behauptete, mit dem Faschismus abgeschlossen zu haben. Natürlich litt Italien (wie viele europäische Länder) damals noch unter den Kriegsfolgen. Viele Menschen, die während des Faschismus an der Macht gewesen waren, hatten ihre Ämter noch immer inne, wie der Film „Anni facili“ von Luigi Zampa nach einer Erzählung von Vitalino Brancati aus dem Jahr 1953 eindrucksvoll zeigt. Zampa war gerade erst von Rodolfo Graziani, einem Beamten, der in Libyen und Ostafrika Massaker verübt hatte, verklagt worden. In den 1950er Jahren, also in der Zeit, in der das Denkmal in Syrakus errichtet wurde, engagierte sich Italien auch über die italienische Treuhandverwaltung von Somalia (AFIS) in seiner ehemaligen Kolonie.

Zur Verdeutlichung: Italien, also das Land, das Somalia kolonialisiert hatte, wurde von den Vereinten Nationen damit beauftragt, dem somalischen Volk die Demokratie nahezubringen. Somalia musste also die Demütigung durch die früheren Unterdrücker hinnehmen, um seine Unabhängigkeit zu erlangen. Dennoch bestand in Italien von den Christdemokraten (die seinerzeit an der Macht waren) bis zur kommunistischen Partei (die die Opposition anführte) ein parteiübergreifender Konsens und der Wille, das koloniale Abenteuer zu einem guten Abschluss zu bringen, um Italiens guten Ruf aufzubauen.

Um das Denkmal wurde öffentlich und heftig gestritten, denn die Stadt Syrakus war von diesem toxischen Geschenk nicht gerade begeistert. In einer demokratischen Republik wollte keine Stadt als faschistisch gelten – und das Denkmal war eindeutig faschistisch. Das Ganze hatte die Form eines Schiffes, dessen Bug gen Afrika wies. Auf diesem Schiff standen Bronzestatuen, die die Toten aller Truppengattungen darstellten, darunter auch ein Askari, also ein afrikanischer Soldat (Eritreer oder Somalier) aus den Kolonien. Außerdem gab es Flachreliefs mit Kriegsszenen und einer den in Afrika gefallenen Legionären gewidmeten Kapelle. Alles in allem ein ernstes Problem für Syrakus! Was also tun?

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Abgesehen von dem Streit war der Stadt das Ganze sehr peinlich, denn man diskutierte darüber, das Denkmal aufzustellen und alle faschistischen Merkmale zu entfernen. Auch der Name des Denkmals war ein großes Problem, denn die Vorschläge erinnerten alle an die Zeit der faschistischen Diktatur, wie zum Beispiel „Denkmal für die Eroberung des Reiches“, und waren zu verstörend. Schließlich fand man einen Kompromiss, um all die in den Landschaften abgebildeten faschistischen Soldaten zu verstecken: man fügte die Bronzestatue eines Arbeiters hinzu und taufte das Monument ganz allgemein und unverbindlich „für die italienischen Arbeiter in Afrika“. Das ist der offizielle Name, weitaus gebräuchlicher ist jedoch die Bezeichnung „Denkmal für die in Afrika gefallenen Italiener“. Tatsache ist: das Denkmal steht dort und war seit seiner Errichtung nie umstritten.

Diese Geschichte aus Syrakus zeigt uns etwas sehr Wesentliches: viele Erinnerungen im Zusammenhang mit der kolonialen Vergangenheit Italiens und ganz Europas wurden verstärkt und historisch eingeordnet, während sich gleichzeitig die Demokratien in Europa nach der Katastrophe des zweiten Weltkriegs konsolidierten. In seinem Werk Politiques de l'inimité (Politik der Feindschaft) betont der kamerunische Pilosoph Achille Mbembe, dass „der zivile Frieden im Westen zu einem großen Teil darauf beruht, dass die Gewalt und die Brutstätten der Gräueltaten weit entfernt [...] und über die ganze Welt verstreut sind“. Weiter schreibt er, dass diese „Gesellschaft der guten Sitten“, wie er sie bezeichnet, „erst durch neue Formen der Bereicherung und des Konsums möglich wird, die eine Folge der Kolonialisierung sind“.

Das ist durchaus spürbar: in seinem grundlegenden Werk „Culture et impérialisme“ (Kultur und Imperialismus) schreibt Edward Said, die literarische Kultur Europas sei von Kolonialismus und Brutalität durchsetzt. Als Beispiel nennt Said das Buch „Mansfield Park“ von Jane Austen. Beim Lesen des Buches wird klar, wie der Reichtum der Familie Bertram, um die es in dem Werk geht, aus einer Kolonie stammt: Antigua wird im Text zwölf Mal erwähnt. Und wenn die Protagonistin es wagt, eine Frage zur Sklaverei zu stellen, erntet sie nur Schweigen. Zurück zu Mbembe. Er schreibt: „Das System der Kolonialisierung und der Sklaverei [...] ist der bittere Bodensatz der Demokratie und [...] ist genau der Aspekt, [...] der die Freiheit korrumpiert und unweigerlich zu ihrer Zersetzung führt“.

Auffanglager für Migranten oder Gefängnisse sind heute das, was früher die Kolonien und Plantagen waren. Redet man also über Vergangenheit mit ihren Kolonien und ihren Sklavenhaltern, dann muss man auch über unsere heute existierenden Demokratien nachdenken und Fragen stellen, die nicht nur in der Vergangenheit sondern auch in der Gegenwart Wut auslösen. In Großbritannien, genauer gesagt in Bristol, wurde das Denkmal des Sklavenhändlers Edward Colston nach jahrelangen Demonstrationen, Petitionen zur Änderung der Gedenktafel und Kundgebungen entfernt. Die Diskussion dreht sich nicht nur um die britische koloniale Vergangenheit (an deren Folgen die ehemals von Ihrer Majestät verwalteten Gebiete noch heute leiden), sondern auch um die Gegenwart. Die Brexit-Kampagne beruhte fast ausschließlich auf Rassismus und die Coronavirus-Epidemie in Europa wirft ein Schlaglicht auf die allgegenwärtige soziale Ungleichheit.

Die Bürger fordern eine andere und gerechtere Gesellschaft, ganz gleich ob es nun um die Statue von König Leopold II in Belgien geht (er hat Kolonien errichtet) oder um jene des Journalisten und ehemaligen kolonialistischen Würdenträgers Indro Montanelli in Italien. Selbstverständlich ist jedes Denkmal für sich zu betrachten. Die Befreiung vom Kolonialismus darf sich nicht nur auf die Entfernung seiner Symbole beschränken (auch wenn das in einigen Fällen die einzig mögliche Lösung ist), sondern muss auch neue Wege eröffnen. Man könnte dem Orignalmonument zum Beispiel Elemente hinzufügen, die den historischen Kontext erläutern und dem Betrachter einen kritischen und nicht kolonialen Blick auf die Vergangenheit ermöglichen.

Moderne Demokratien brauchen eine Politik der Beziehungen. Dazu behört auch eine Überarbeitung der Lehrpläne (und Schulbücher), um der Kolonialzeit und der Sklaverei ihren Platz im Geschichtsunterricht zu sichern. Als Nächstes (aber nicht nachrangig) ist eine echte Präsenz von Organisationen, die über Jahrhunderte als zweitrangig für das Leben und das Funktionieren der Nationen betrachtet wurden, erforderlich und von grundlegender Bedeutung. Mit anderen Worten: die Räume, in denen wir leben, müssten zu echten transkulturellen Räumen umgebaut werden. In einem Europa, das immer stärker zusammenwächst, können wir es uns nicht mehr leisten, dass die Gesellschaft von einer Handvoll weißer Männer dominiert wird.

Wir brauchen alle Farben, alle Geschlechter und alle Religionen. Im öffentlichen Raum brauchen wir immer mehr „heilende“ Denkmäler, damit die Unterdrückten in den Städten eigene Räume erhalten, die Ihnen gewidmet sind. Früher oder später muss daher in Syrakus (und nicht nur dort) ein Denkmal oder ein Fresko zu Ehren der Opfer des italienischen und europäischen Kolonialismus entstehen, damit all die Schäden, die dadurch angerichtet wurden, nicht in Vergessenheit geraten, und damit wir alle gemeinsam eine neue Zukunft aufbauen können.

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