Französisch macht intelligent!

Unregelmäßige Verben, unwahrscheinliche Endungen, willkürliche Genera, alle Grammatiker stimmen zu: Französisch ist eine schwere Sprache. Erklärt ihre Kompliziertheit die Leistungen französischer Mathematiker?

Veröffentlicht auf 27 Mai 2009 um 15:35
Montage : Nidia Sánchez - Presseurop

Grammatiker können mich richtig zum Lachen bringen. Sie beschreiben die französische Sprache als schrecklich schwierig und kompliziert, voller Verknüpfungen, die es mit gewandten Fingern zu lösen gilt. Einer nach dem anderen bringen sie die Widersprüche, die Ungewissheiten unserer Sprache vor, stellen sie als ein Gespinst von Unsinnigkeiten dar, mit ihren unangleichbaren Partizipien, ihren singulären Pluralformen, ihren veralteten Zeiten... Ihren Beschreibungen zufolge ginge es in der armen französischen Sprache ganz schön drunter und drüber!

Nehmen wir zum Beispiel den Genus, der im Französischen so zufallsbegründet scheint, während Gegenstände doch im Ungarischen – oder im Englischen – weder männlich noch weiblich sind. Ach, das Ungarische! Das Englische! Sächliche Artikel aller Länder, vereinigt euch! Gewiss, es gibt keinen intelligenten Grund für "la table" (Tisch) und "le bureau" (Schreibtisch), für "la rose" (Rose) und "le lys" (Lilie) – aber sei’s drum, soll es doch die Magyaren verunsichern!

Ich möchte nun diesen Vorwürfen entgegentreten und eine völlig willkürliche Annahme aufstellen: Ist vielleicht gerade diese Subtilität, mit ihren Kanten und Spitzen, eine der geheimen Stärken des Französischen? Na? "La rose et le lys..."

Ich bin sehr überrascht über die Versicherungen dieses jungen Mathematikers, der freiweg behauptet, die französischen Mathematikforscher seien international die leistungsstärksten, eben weil sie sich des Französischen und nicht wie die anderen Wissenschaften des Englischen bedienen. Derartige Äußerungen werden ein bisschen schnell übergangen... Hat die Komplexität unserer Sprache, die eben durch diesen fabelhaften Wirrwarr aus völlig irrationaler grammatikalischer Männlichkeit und Weiblichkeit so ungewiss und schwankend geworden ist, dass sie uns keinen stabilen Boden bietet, mit dieser Veranlagung für die Mathematik zu tun? Begünstigt diese fein ziselierte Sprache den Balanceakt, der beim Eintauchen in die Mathematik auf diesem so abstrakten Niveau Voraussetzung ist, so dass sich ein in einer "irrationellen" Sprache versierter Geist besser auf den absurden Wahnsinn der Forschung einstellt, auf ein Gebiet, in dem 2 plus 2 nicht unbedingt 4 ergeben? Oje! In welches Labyrinth führt uns dieser Gedanke? Es gibt tatsächlich – außer dem Fakt, dass es seit Jahrhunderten so üblich ist – keinen vernünftigen Grund dafür, dass "le lys" männlich und "la rose" weiblich sein muss. Keinen! Doch vielleicht verleiht diese Absurdität, auf die gesamte Sprache übertragen, dem französischen Muttersprachler eine misstrauische oder zumindest eine wachsame Einstellung? Ich meine, vielleicht schafft ja dieses bewegliche Erdreich einen Teil der günstigen Bedingungen für die Entwicklung des mathematischen Geistes, und erklärt das Geheimnis, warum die französischen, die frankophonen Mathematiker weltweit an der Spitze der Forschung stehen? Oh, ich sehe schon beim Leser die Zweifel aufkommen! Vielleicht zwingt keine andere Sprache unter den verwandten westlichen Sprachen dem Sprecher auf, immer auf der Hut zu sein, immer zu überlegen und alle Endungen anzugleichen, wie es das Französische an allen Ecken und Enden des Satzes fordert...

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