Opinion Die Euro 2020, Ungarn und LGBT-Rechte

Homoliberalismus ist keine Antwort auf homophoben Nationalismus

Regierungen, Unternehmen und Organisationen, die die Verletzung von LGBTQIA+-Rechten in anderen Ländern wie Ungarn während der Fußball-Europameisterschaft verurteilen, sollten das billige „Pink-Washing“ bleiben lassen. Stattdessen sollten sie handeln und die LGBTQIA+-Community im Ausland und im eigenen Land schützen, meint der Politikwissenschaftler (und Fußballfan) Cas Mudde.

Veröffentlicht auf 30 Juni 2021 um 10:15

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: als Unterstützer einer liberalen Demokratie, der Rechte queerer Menschen und ja, auch der „Mannschaft“, wie die deutsche Nationalelf auf der ganzen Welt genannt wird, habe ich den Ausgleich von Leon Goretzka gegen die überraschend starken Ungarn und auch seine „One Love“-Geste hart gefeiert. Aber ebenso teile ich das Unbehagen des Redakteurs Jeremy Cliffe vom New Statesman darüber, dass die ungarischen Fußballer und deren Fans quasi für die intolerante Politik ihres autoritären Staatschefs in Sippenhaft genommen wurden. Das ganze „die liberale Welt gegen Ungarn/die UEFA“ erscheint mir etwas daneben.

Selbstverständlich ist die UEFA, wie die meisten großen Sportorganisationen, unglaublich scheinheilig, wenn sie hinsichtlich der Vermischung von Sport und Politik einen selektiven Ansatz wählt. Selbst wenn man außer Acht lässt, dass Sport immer politisch ist, weil dabei kulturelle und politische Normen zum Ausdruck kommen, ist ein internationales Turnier von Mannschaften, die politische Einheiten wie Länder repräsentieren, schon vom Aufbau her eine höchst politische Angelegenheit.

Aber die UEFA bewirbt eine Kampagne „Equal Game“ und will damit „gegen Diskriminierung“ aufgrund von (zumindest) geschlechtlicher und ethnischer Identität und Sexualität kämpfen – in der polarisierten Welt von heute in zutiefst politisches Thema. Ja, Ungarns autoritärer Regierungschef Viktor Orbán hat den Fußball ausdrücklich in seine nationalistische und populistische Kampagne einbezogen und massive staatliche Gelder in Stadien privater Eigentümer investiert. Aber ich möchte mich gerne auf die Scheinheiligkeit der anderen Seite konzentrieren, die ein wenig untergegangen ist.

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Seit mehr als zehn Jahren greift Orbán in Ungarn die liberale Demokratie an und erntet so gut wie keinen Widerspruch, wenn er die Rechte von Migranten, Frauen und Arbeitern schwächt. Und ausgerechnet jetzt wird es nicht nur wegen des neuen strengen Gesetzes, das „LGBT-Inhalte“ in Schulen kriminalisiert, sondern scheinbar noch mehr wegen der Politisierung dieses Themas bei der EURO 2020 den meisten anderen EU-Mitgliedstaaten „zu viel“? Sind „Homo-Rechte“ diesen Politikern wirklich so wichtig oder geht es hier um etwas ganz anderes?

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