Presseschau Aus dem hohen Nord(west)en

Grund zur Hoffnung: Datenanalysen erlauben eine positive Sicht auf den Klimawandel

Hannah Ritchies optimistische Sicht auf den Klimaschutz, Frankreichs Plan zur Emissionsreduzierung und Irlands gefährdete Süßwasserperlmuscheln. Darüber berichten unabhängige Medien in Nordwesteuropa diesen Monat.

Veröffentlicht auf 18 Januar 2024 um 10:33

Das erste Buch von Hannah Ritchie, Not The End Of The World: How We Can Be the First Generation to Build a Sustainable Planet, wurde im März 2022 unter dem Titel The First Generation veröffentlicht. Jeder, der die Entwicklungen des Klimaaktivismus verfolgt, wird den früheren Titel als eine Gegenantwort auf die apokalyptische Sicht von Gruppen wie The Last Generation erkennen, die Thomas Schnee im Januar 2023 auf Voxeurop und in der französischen Zeitung Alternatives Economiques vorgestellt hat. Ritchie, eine schottische Datenwissenschaftlerin und Forschungsleiterin bei Our World in Data, argumentiert, dass die Daten durchaus einen optimistischen Blick auf den Klimaschutz zulassen. The Guardian hat einen langen Auszug aus Ritchies Buch sowie ein Interview mit ihr veröffentlicht.   

In dem von Killian Fox geführten Interview erklärt Ritchie ihre Unzufriedenheit mit den „Weltuntergangsprognosen” einiger wohlmeinender Klimawissenschaftler und -aktivisten. „Wir müssen ein Gefühl der Dringlichkeit vermitteln, denn es steht viel auf dem Spiel, aber es wird oft die Botschaft vermittelt, dass wir nichts dagegen tun können. Nach dem Motto, es ist zu spät, wir sind dem Untergang geweiht, also genießt das Leben. Das ist eine sehr kontraproduktive Botschaft, denn sie ist nicht wahr, und sie schließt jegliche Handlungsmöglichkeit aus. Außerdem sind Weltuntergangsprognosen ein Traum für Klimaleugner, die schlechte Vorhersagen als Waffe einsetzen und sagen: 'Schaut her, man kann den Wissenschaftlern nicht trauen, sie haben sich schon einmal geirrt, warum sollten wir jetzt auf sie hören?’”


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In dem zitierten Auszug aus ihrem Buch beschreibt Ritchie ihren Weg vom Pessimismus zum Optimismus. Bezeichnenderweise wurde Ritchies anfänglich düstere Sichtweise durch die zunehmende Berichterstattung über das Thema befeuert. „Je mehr ich zum Thema Umwelt las, desto besessener wurde ich davon. Je entschlossener ich wurde, mich zu informieren, desto mehr geriet ich in einen Strudel aus Artikeln, Geschichten und Videos.” Ein bekannter Prozess im gesamten sozialen und politischen Bereich: Ohne Zugang zu den entsprechenden Daten passiert es leicht, sich durch die Zunahme der Berichterstattung über ein bestimmtes Phänomen mitreißen zu lassen und davon auszugehen, dass die Lage ganz furchtbar dramatisch ist. 

Wie so oft änderte sich auch Ritchies Perspektive, als sie anfing, die Daten zu untersuchen. Als besonders aufschlussreich nennt die Autorin den Climate Action Tracker, der die Klimapolitik, -ziele und -versprechen aller Länder verfolgt. Ritchie räumt zwar ein, dass die derzeitige Klimapolitik zu einer „schrecklichen” Erderwärmung von 2,5 °C bis 2,9 °C führen wird, diese Prognose jedoch bis 2100 auf 2,1 °C sinken kann, wenn jedes Land seine aktualisierten und rechtsverbindlichen Klimazusagen umsetzt und erfüllt. 

Ritchie weist zudem auch auf einen wirtschaftlichen Grund zum Optimismus hin: immer  günstiger werdende erneuerbare Energiequellen. „Zwischen 2009 und 2019 haben sich Photovoltaik und Windenergie in nur einem Jahrzehnt von den teuersten zu den günstigsten Energiequellen entwickelt. Der Preis für Solarstrom ist um 89 % gesunken, der für Onshore-Windkraft um 70 %. Sie sind jetzt billiger als Kohle. [...] [Die Staats- und Regierungschefs müssen nicht mehr die schwierige Wahl zwischen Klimaschutz und Energieversorgung ihrer Bevölkerung treffen. Die Entscheidung für eine kohlenstoffarme Energieversorgung ist mittlerweile die günstigere Alternative geworden und es ist verblüffend, wie schnell sich dieser Wandel vollzogen hat.”

Aber auch wenn Ritchies Optimismus gut tut, gibt es noch lange keinen Grund, sich zurückzulehnen. Céline Schoen berichtet in Alter Échos über den Rechtsruck der Europäischen Volkspartei (EVP), der größten Fraktion im EU- Parlament, insbesondere in der Klimapolitik. Schoen beginnt ihren Bericht mit der hart umkämpften Abstimmung vom 12. Juli über das Gesetz zur Wiederherstellung der Natur, das die Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet, ein Fünftel ihrer natürlichen Ökosysteme an Land und im Meer wiederherzustellen. Die EVP hatte sich mit den Fraktionen rechts von ihr, also den Europäischen Konservativen und Reformisten (ECR) und Identität und Demokratie (ID), zusammengetan, um das Gesetz mit der umstrittenen Begründung abzulehnen, dass es den Landwirten und der Ernährungssicherheit schaden würde. 

Während von den kleineren Fraktionen des Parlaments Klimaskepsis- oder gar Verweigerung zu erwarten ist, ist der Flirt der EVP mit den Rechten besonders beunruhigend, wenn es um die wichtige Frage des Klimaschutzes geht. 


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Umweltplan: Der Moment der Wahrheit für die Regierung

Antoine de Ravignan | Alternatives Economiques | 2. Januar | FR

In Frankreich beginnt 2024 der Plan der Regierung Macron, die Treibhausgasemissionen des Landes bis 2030 um ein Drittel zu reduzieren. Wie Antoine de Ravignan erklärt, sieht der Plan vor, die Emissionen in den nächsten sieben Jahren um den gleichen Betrag zu senken wie in den letzten dreißig Jahren, und diese Reduktionsrate dann beizubehalten. Kein leichtes Unterfangen.

Neben anderen Zielen sollen bis 2030 15 % der Autos zu 100 % elektrisch betrieben werden, gegenüber 1 % im Jahr 2022. Das Netz der Radwege wird laut Ankündigung von 57.000 auf 150.000 Kilometer erweitert. Der Anteil der mit Öl beheizten Hauptwohnsitze soll von 9,5 auf 3,6 % sinken, und der Anteil der Biobetriebe an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche soll sich von 11 auf 21 % verdoppeln. 

Der Journalist spricht mit Experten darüber, ob dieser Plan realistisch ist und stellt dabei so manche Ungereimtheiten fest: So sind die Herausforderungen bei der Errichtung von Wind- und Solaranlagen, die Zweifel an der Steigerung der Kernenergieproduktion und die zu geringen Investitionen in erneuerbare Wärmequellen, Biomethan und Biokraftstoffe der zweiten Generation nur einige der Probleme, die dazu führen könnten, dass der Plan sein optimistisches Ziel verfehlt.

Irlands gefährdete Süßwasserperlmuscheln stehen unter EU-Schutz, aber das hat ihnen nichts genützt

Ella McSweeney | The Irish Times | 16. Dezember | EN

Süßwasserperlmuscheln gelten als wichtiger Indikator für die lokale Umwelt, da sie Aufschluss über den Zustand der Flusswasserqualität geben. Ihre Entwicklung erfordert sauberes, sauerstoffreiches Wasser in gesunden, frei fließenden Flüssen. Faktoren wie Entwässerung, Intensivierung der Landwirtschaft, Verschlammung, Wasserverschmutzung und Veränderungen in den Ökosystemen der Hochmoore haben jedoch dazu geführt, dass die Zahl der Muscheln in ganz Europa seit den 1980er-Jahren um 90 Prozent zurückgegangen ist. „In Irland”, schreibt Ella McSweeney, „befindet sich ihre Anzahl jetzt im freien Fall.”

Trotz des gesetzlichen Schutzes dieser Muscheln nach irischem und europäischem Recht stehen die Schutzbemühungen vor beträchtlichen Herausforderungen. Pläne, die 2009 für besondere Schutzgebiete entworfen wurden, sind noch nicht unterzeichnet, und eine für 2020 geplante Überprüfung des Gesamtstatus dieser Spezies in Irland mit Empfehlungen für Sofortmaßnahmen steht noch aus. McSweeney weist auch darauf hin, dass das Land im Juni 2023 vor dem Gerichtshof der Europäischen Union verklagt wurde, weil es die Gesetze über geschützte Lebensräume nicht umgesetzt hat. Wenn die Regierung keine Pläne zur Behebung der Situation vorlegt, muss das Land mit täglichen Geldstrafen rechnen.

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