Bus in Bukarest. (AFP)

Heizung statt leerer Versprechen!

Die Rumänen haben es zur Zeit schwer; sie stecken mitten in der Wirtschaftskrise, haben seit Mitte Oktober keine Regierung und häufig keine Elektrizität. Während sich die Politiker streiten, wird der Graben zu den anderen europäischen Ländern immer tiefer, sorgt sich der Leitartikler der Tageszeitung Adevarul.

Veröffentlicht auf 22 Oktober 2009 um 15:18
Bus in Bukarest. (AFP)

Ich schalte den Fernseher ein: Katastrophe! Bilder aus den Schulen der Stadt Brasov in Siebenbürgen: Die Kleinen sitzen eingemummt bis hoch an die Ohren frierend in den Klassen. Die Heizung wurde wegen der Schulden abgeschaltet. Und keiner scheint sich darum zu kümmern! Das von einem Journalisten in einer Klasse angebrachte Thermometer zeigt 12° Celsius an. Eine Mutter gibt ihrem Sohn keine Stulle mehr mit in die Schule, sondern... Nurofen [über die Kopfschmerzen hinaus sind einer kürzlich erschienenen Studie zufolge 8 bis 9-jährige rumänische Schulkinder depressiv und abgestumpft].

Eine andere Reportage: Im Krankenhaus von Zlatna [auch in Siebenbürgen] haben die Heizkörper seit letztem Jahr kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Sie sind genauso kalt wie die Patienten, die von hier aus in eine bessere Welt aufbrechen. Diejenigen, die sich noch sträuben, kauern sich unter drei Lagen von Decken in Embryonalhaltung zusammen. In den Zimmern ist die Temperatur nur zwei bis drei Grad höher als draußen. Eine wegen all der Kleidungsstücke, die sie trägt, kugelrunde Frau beschwert sich, wegen einer Krankheit hierher gekommen zu sein und mit einer anderen wieder zu gehen...

Dies sind aber nicht die Hauptthemen der Tagesschau. Hier werden die neuesten Neuigkeiten gezeigt, der 'Klatsch'. Die ersten zehn Minuten sind Basescu-Geoana-Antonescu-Oprescu-Croitoru-Johannis gewidmet [dem rumänischen Präsidenten und den derzeitigen politischen Hauptakteuren]. Glauben Sie, dass sich die oben genannten Personen, für die das Schlottern schon zum unbedingten Reflex geworden ist, an den leeren Versprechen, Albernheiten und politischen Strategien 'erwärmen' können? Was sie brauchen, sind sofortige Lösungen. Jetzt, und nicht nächstes Jahr. Heute, nicht morgen. Sonst wird das "prosperierende Rumänien" von übermorgen sie nicht mehr über der Erde, sondern unter ihr vorfinden...

Lichtjahre von Finnland entfernt

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Aber leider sind sie das tatsächliche Rumänien, ein reales Rumänien, das von Europa unglaublich weit entfernt und doch so stolz ist, ihm anzugehören. Ich wechsle den Kanal. Auf CNN gibt es eine Nachricht, bei der mir die Kinnlade herunter fällt: "Finnland ist das erste Land der Welt, das einen Breitband-Internetzugang zum Bürgerrecht erklärt. Ab Juli 2010 sind die Telekommunikationsgesellschaften dazu verpflichtet, allen Finnen Internetverbindungen mit einer Schnelligkeit von mindestens 1 Megabyte pro Sekunde bereit zu stellen." Wir sind der Meinung, dass man "in unserer modernen Gesellschaft nicht ohne Internet auskommen kann. Eine Internetverbindung ist genauso notwendig wie Bankleistungen, Wasser und Elektrizität", erklärt ein finnischer Beamter. Auch das ist Europa. So etwas gibt es auch im Jahre 2009! Wie viele Lichtjahre ist Rumänien davon entfernt?

Befinden wir uns in einer anderen Galaxie? Sollen sie doch zu uns kommen, um zu lernen, wie man weder ohne Wasser noch Elektrizität oder Wärme leben kann! Diejenigen, die in dem Deutschen Klaus Johannis, dem Bürgermeister von Sibiu (Hermannstadt, ehemalige Europäische Kulturhauptstadt) und möglichen künftigen Ministerpräsidenten einer Koalition zwischen der sozialdemokratischen Partei, der liberalen Partei und der Union der Ungarn (UDMR), einen Retter der Nation sehen, irren sich. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und man ändert ein Land nicht mit einem Deutschen. Vielleicht mit einigen Hunderttausend, die die heutigen Staatsbeamten ersetzen würden. Aber wissen Sie was? Um sicher zu gehen bräuchten wir, wenn ich es mir genau überlege, ungefähr 22 Millionen...

KONTEXT

Der Krieg der Ministerpräsidenten

Am 13. Oktober führte das rumänische Parlament den Sturz der Regierung von Emil Boc herbei. Der Bürgermeister von Sibiu, Klaus Johannis, wurde vom Parlament zum Regierungschef ernannt, während der Präsident Traian Basescu den Technokraten Lucian Croitoru damit beauftragte, eine Regierung zu bilden. "Die neue Regierung wird für den 23. Oktober erwartet, aber die Chancen sind groß, dass sie keine Zustimmung vom Parlament erhält", warnt Romania Libera.

Diese Situation könnte die Wirtschaftskrise, die das Land beutelt, noch verstärken, weil der Internationale Währungsfonds aufgrund eines fehlenden Ansprechpartners eine für Ende Oktober vorgesehene Überweisung von 3,5 Milliarden Euro aufgeschoben hat. Allerdings könnte das Tauziehen zwischen dem Abgeordneten und dem Präsidenten bis zum 22. November andauern. An diesem Tag wird der Präsident neu gewählt.

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