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Belfast während der Abschaltung der Covid-19-Pandemie, Mai 2020.

In Belfast stellt der Virus politische Allianzen in Frage

In Belfast waren die Erfahrungen der Menschen mit dem Coronavirus eher der Situation in Irland vergleichbar als den englischen Verhältnissen, beispielsweise in London. Trotzdem war Nordirland den gleichen Regelungen ausgesetzt, die im gesamten United Kingdom galten. Wenn das normale Leben zurückkehrt, werden sich die in dieser Krisenzeit gelernten Lektionen an der Wahlurne auswirken, schreibt Jan Carson.

Veröffentlicht auf 4 Juni 2020 um 09:00
Lovebelfast  | Belfast während der Abschaltung der Covid-19-Pandemie, Mai 2020.

Kürzlich bekam ich eine Email von einer Freundin aus Kontinentaleuropa. Sie sei froh zu hören, dass Irland den Lockdown hinter sich habe. Wieder einmal musste ich ihr erklären, dass ich eigentlich keine Irin bin. “Es ist kompliziert”, schrieb ich. Das heißt auf gut Nordirisch soviel wie: “setz dich hin, es dauert eine Weile, das zu erklären”. Obwohl Belfast, wo ich seit 20 Jahren lebe, in Nordirland liegt, also auf der irischen Insel, durch die eine momentan unauffällige Grenze zur Republik Irland verläuft, obwohl ich neben einem deutlich abgenutzteren britischen Pass einen irischen Pass besitze, freilich, obwohl meine Verlegerin Irin ist und mein letzter Roman The Fire Starters den Literaturpreis der EU für Irland erhielt, bin ich formell keine Irin. Oder doch? In Belfast hängt es davon ab, wen man fragt und an welchem Tag man diese Frage stellt.

In der Covid-19-Krise haben viele Nordiren sich gewünscht, sie wären Iren. Das ist ein kühner Anspruch für jemanden, der in East Belfast wohnt, einem überwiegend  protestantischen, historisch der Union mit dem United Kingdom (UK) zuneigenden Stadtteil. Während die Regierung in Westminster einen wirren und oft zerstrittenen Eindruck machte, uneinig darüber war, wann Schulen geschlossen und geöffnet werden sollten, keine ordentliche Versorgung von Krankenhäusern hinbekam und Probleme hatte, die Folgen für die Wirtschaft anzugehen, steuerte in Dublin, hundert Meilen südlich von uns, der irische Taoiseach oder Premierminister Leo Varadkar sein Land durch die Pandemie, mit Weisheit, Mitgefühl und – vielleicht am wichtigsten – mit einigem Erfolg. Wir im Norden konnten da nur neidisch zuschauen. Es gab Zeiten, in denen wir uns nicht nur aus geographischen Gründen Dublin näher fühlten als London.

Obwohl man über die Erstellung von Statistiken kontrovers diskutiert, ist klar, dass die Pandemie das United Kingdom besonders hart getroffen hat. Im Vergleich zu ähnlichen Nationalstaaten sind hier die Todeszahlen und die Infektionsrate katastrophal hoch gewesen. Aber obwohl Nordirland zum UK gehört, hatten unsere Erfahrungen mit Covid-19 mehr gemein mit denen in der Republik Irland als in den Nationen des Vereinigten Königreichs. Hier war die Stimmung ähnlich ernst, aber ruhig, und die Wirkung des Virus, wiewohl tragisch, weniger verheerend als anfangs vorhergesagt.

Bis vor kurzem war mir meine britische Identität sehr bewusst, aber in Belfast zu sitzen und die täglichen Verlautbarungen aus Downing Street zu sehen, war eine zunehmend befremdliche Erfahrung. Mir kommen Zweifel, nicht nur an Boris Johnsons Führungsqualitäten, seinem Umgang mit der Pandemie, seiner törichten Betonung einer Herdenimmunität zu Beginn, seiner Unfähigkeit, für ausreichend Schutzausrüstung zu sorgen oder auch nur die ständig steigenden Todeszahlen richtig anzuerkennen. Mich beschleicht zudem der Verdacht, dass die gegenwärtige Tory Regierung (und wohl auch die meisten ihrer Vorgänger) weder viel von Nordirland versteht, noch sich besonders dafür interessiert.

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Dieses Gefühl ist nicht neu. Mein Vertrauen in die britische Regierung war schon lange vor Covid-19 geschwunden. Da war vor ein paar Monaten Johnsons Hinauswurf von Julian Smith, dem Minister für Nordirland. In dessen kurzer Amtszeit war, nach einer dreijährigen Unterbrechung, die Assembly, das nordirische Parlament, wieder zusammengetreten. Smith wurde von allen Teilen der Bevölkerung respektiert (keine kleine Leistung in Belfast), und er schien die Stadt sogar zu mögen. Ich fand seine Entlassung absolut unlogisch und alles andere als im Interesse Nordirlands. Zuvor musste Nordirland hinnehmen, dass Theresa May unsere Aktien in den Brexit-Verhandlungen verspielte, und natürlich wäre es sträflich, den Brexit selbst unerwähnt zu lassen. Als es dem Rest des Vereinigten Königreichs langsam dämmerte, dass sich David Camerons EU-Referendum massiv auswirken würde auf Nordirland mit seiner realen Grenze zur EU und seiner konfliktreichen Vergangenheit, da fühlten sich viele von uns im Norden wieder einmal missverstanden, vernachlässigt, unwichtig.

In dieser ganzen Zeit dachte ich ernsthaft über die irische Staatsbürgerschaft nach. Dank der Regelungen des Karfreitagsabkommens von 1998 bin ich berechtigt, diese zu beantragen. Meine gefühlte Identität war immer primär an eine Gemeinschaft oder Gemeinde geknüpft, und da die irische Schriftstellergemeinde so offen, warmherzig und inspirierend ist, habe ich schon vor Jahren aufgehört, mich als britische Autorin zu verstehen. Obendrein ist Irland noch nie so aufgeschlossen und liberal gewesen wie heute. Die Volksbefragungen zur gleichgeschlechtlichen Ehe (2015) und zur Legalisierung von Abtreibungen (2018) haben Gesetzesverfahren im Bereich der Menschenrechte befördert, früher als ähnliche Änderungen im Norden.

Die Tatsache, dass mein irischer Pass meinen Status als EU-Bürgerin dauerhaft garantiert, hat mein Denken auch beeinflusst. Die in meinen Augen ruhige, klare politische Führung durch Varadkar und Präsident Michael D. Higgins haben mein Dilemma nur verstärkt. Wenn morgen ein Referendum über die Grenze anstünde, hätte ich riesige Bedenken, für eine langfristige Mitgliedschaft Nordirlands im UK zu stimmen. Umfragen in der letzten Zeit deuten an, dass ich damit nicht allein bin. Zudem ist es bezeichnend, dass sich in der Coronakrise die Erste Ministerin Nordirlands, Arlene Foster, und die Stormont Assembly wie Schottland und Wales gegen jene Maßnahmen entschieden haben, mit denen der Premierminister den Lockdown lockern will. Nie sind die Risse innerhalb des Vereinigten Königreichs wohl deutlicher zutage getreten.

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Aber dies ist nicht die Zeit für ein Grenzreferendum oder andere drastische Entscheidungen. Die Menschen Nordirlands sind vollauf damit beschäftigt, zusammenzuarbeiten, kulturelle und politische Grenzlinien zu überschreiten, um diese Krise zu überleben. In Portadown haben wir erlebt, wie Loyalisten die Absage ihrer traditionellen Freudenfeuer am 11. Juli friedlich hingenommen und ihr Holz dafür benutzt haben, gigantische Skulpturen zugunsten des nationalen Gesundheitsdiensts NHS zu errichten. In einer Gemeinde außerhalb von Derry haben protestantische und katholische Kirchen ihre Ressourcen zusammengelegt, um Einwohnern, die mit Covid-19 zu kämpfen haben, praktische Unterstützung anzubieten. Meine eigene Arbeit mit älteren Damen aus der Falls Road und der Shankhill Road, einer berüchtigten, konfessionell gespaltenen und noch immer von einer “Friedensmauer” durchtrennten Gegend Belfasts, musste ins Internet verlagert werden, bemüht sich durch das Erzählen von Geschichten aber weiter um Eintracht. In mancher Hinsicht hat die Pandemie unsere beiden Bevölkerungsgruppen angenähert.

Auch Lokalpolitiker sind in ihrer Reaktion auf die Krise einigermaßen einträchtig vorgegangen. Es ist ermutigend zu sehen, wie Abgeordnete der nordirischen Assembly politische Differenzen im Interesse des Gemeinwohls überwinden. Dennoch sind auch hier, während die Wochen ins Land gingen, erste Risse zutage getreten. Man war sich uneinig, wann die Kirchen wieder öffnen sollten, und die Democratic Unionist Party (DUP) und Sinn Féin beziehen wieder ihre traditionell gegensätzlichen Positionen. Kaum verwunderlich, dass der Vorschlag der unionistischen Politiker, sich Hilfe bei der britischen Armee zu holen, bei den irischen Nationalisten extrem unpopulär ist. Die fundamentalen Probleme Nordirlands sind nicht verschwunden. Die Pandemie hat das fehlende Vertrauen der Öffentlichkeit in die politische Führung auf lokaler und regierungsamtlicher Ebene deutlich gemacht. Wenn das normale Leben, wie auch immer es aussehen wird, zurückkehrt, werden sich die in dieser Krisenzeit gelernten Lektionen zwangsläufig an der Wahlurne auswirken. Das muss nicht schlecht sein.

Dieser Artikel ist Teil des Debates Digital-Projekts, einer Reihe digital veröffentlichter Inhalte, darunter Texte und Live-Diskussionen von einigen der herausragenden Schriftsteller, Wissenschaftler und öffentlichen Intellektuellen, die Teil des Debates on Europe-Netzwerks sind. Eine Online-Diskussion mit den Autoren findet am 9. Juni um 19.00 Uhr MESZ statt und wird auf YouTube gestreamt.

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