Stellen Sie sich vor, wie Europa im Jahr 2040 aussehen wird

Die Europäische Kommission hat soeben ihr Ziel vorgestellt, die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2040 gegenüber dem Stand von 1990 um 90 % zu senken. Das lang erwartete, sehr heikle Ziel folgt den ehrgeizigen Empfehlungen des wissenschaftlichen Beirats der EU. Unser Blick auf die europäische Medienberichterstattung über Umwelt und Klima in einem langen Januar, mit Display Europe.

Veröffentlicht auf 8 Februar 2024 um 10:48

Die Zivilgesellschaft reagierte heftig auf die Vorstellung der EU-Vision für 2040. Die NGOs bestanden darauf, dass der endgültige Text im Vergleich zu einem ersten Entwurf, der in den letzten Wochen zirkulierte, besonders freundlich in Bezug auf die Landwirtschaft ist. Michel De Muelenaere schrieb in Le Soir, dass die Debatten zu diesem Thema unter der belgischen Ratspräsidentschaft schwierig werden dürften. Wir erlebten „eine historisch hohe Beschleunigung des Klimawandels im Jahr 2023, gekennzeichnet durch eine Erwärmung, die zum ersten Mal 1,48°C über dem vorindustriellen Niveau liegt“, weshalb die Diskussionen selbstverständlich sein sollten – aber das sind sie nicht.

Sowohl das neue Ziel als auch das gesamte Erscheinungsbild Europas in 16 Jahren erfordern ein hohes Maß an Vorstellungskraft.

Jon Henley, Sam Jones und Lorenzo Tondo haben für The Guardian die ersten Nachrichten aus dem Straßburger Plenum aufgespürt: Die EU hat ihre Pläne, den Einsatz chemischer Pestizide bis zum Ende des Jahrzehnts zu begrenzen, verworfen. Der ursprüngliche Vorschlag – Teil des grünen Übergangs der EU – „ist zu einem Symbol der Polarisierung geworden“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrem Beitrag. Die wichtigsten Punkte des Kommissionsvorschlags werden von Ajit Niranjan in einem weiteren Artikel des Guardian detailliert beschrieben.

Während dieser Artikel geschrieben wurde, ertönten die Hupen von über tausend Traktoren in den Straßen von Brüssel. Sie gehören den französischen, italienischen, niederländischen, spanischen und deutschen Landwirt*innen, die den dritten Tag in Folge das Viertel der europäischen Institutionen stürmten, während ein Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs und -chefinnen der Europäischen Union zusammenkam, um über den Haushalt für die kommenden Jahre zu beraten. Mehr über die Wut der Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, erfahren Sie inder Presseschau von Francesca Barca.

Aber auch hier gilt es aufzupassen, denn der Teufel steckt im Detail, und nicht alle Landwirt*innen marschieren gegen die EU-Politik als Ganzes. Die Biobauern und -bäuerinnen erkennen, dass das eigentliche Problem der Klimawandel ist, sagt Lorène Lavocat in Reporterre. Auf der Messe „Millésime Bio“ in Montpellier löst der Klimawandel trotz der äußerlichen Ruhe der Winzer*innen tiefe Besorgnis aus. Seine verheerenden Auswirkungen auf den okzitanischen Weinbau sind nicht zu übersehen. Ausgedehnte Dürreperioden, Überschwemmungen und Krankheiten bedrohen die Erträge und gefährden das finanzielle Überleben vieler Landwirt*innen. Als Reaktion auf den Klimanotstand reichen die Lösungen von der Bewässerung, die von Biobauern und -bäuerinnen skeptisch betrachtet wird, bis hin zur Anpassung der Anbaumethoden und der Diversifizierung der Kulturen.

Die spanische Region Katalonien leidet unterdessen unter einer Dürrekatastrophe. Nachdem die Wasserreserven um 16 % gesunken sind, befinden sich mehrere Gebiete im Inneren des Beckens in Not. Maldito Clima schlägt Maßnahmen wie die Begrenzung des Wasserverbrauchs auf 200 Liter pro Person und Tag, das Verbot der privaten Nutzung und der Freizeitnutzung und die Beschränkung der Bewässerung von Kulturen wie Obst- und Olivenbäumen auf das Nötigste vor. Sollte sich die Situation nicht verbessern, sind zwei weitere Phasen mit stärkeren Einschränkungen für die Regionen vorgesehen, die nur durch Stauseen versorgt werden.

Beim Thema Klimawandel ist es unmöglich, diese Untersuchung von Matthew Green, Merel de Buck und Birte Schohaus auf Follow the money nicht zu erwähnen. Sie fanden interne Dokumente des Energiekonzerns Shell, die bis in die 1970er Jahre zurückreichen und zeigen, dass sich das Unternehmen schon früh der möglichen Klimaschädlichkeit seiner Produkte aus fossilen Brennstoffen bewusst war. Die Akten wurden durch umfangreiche Recherchen von Vatan Hüzeir, einem Klimaaktivisten und Doktoranden, aufgedeckt und sind auch auf DeSmog veröffentlicht worden. Die Enthüllungen könnten für laufende und künftige Gerichtsverfahren gegen Shell von Bedeutung sein, da sie auch die internen Diskussionen des Unternehmens über die Notwendigkeit von Vorsichtsmaßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels offenlegen.

Stéphane Horel hob auf Le Monde eine weitere schreckliche Wahrheit hervor: Sogenannte ‚ewige Schadstoffe‘ (PFAS) sind buchstäblich in unsere Körper gelangt. Nichtregierungsorganisationen haben das Vorhandensein von PFAS im Blut von einem Dutzend führender europäischer Politiker*innen gemessen. Unter ihnen wurde auch der ehemalige Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, der ein Verbot dieser Stoffe fordert, positiv getestet.

Eine weitere Untersuchung, von Adam Haertle für den polnischen Nachrichtendienst Zaufana Trzecia Strona (übersetzt auf Englisch von BadCyber), zeigt, dass ein polnischer Zug, der Impuls 45WE, der von Newag hergestellt wurde, nach der Wartung durch ein unabhängiges Unternehmen, Serwis Pojazdów Szynowych (SPS), das die Wartungsausschreibung gegen Newag gewonnen hatte, mysteriöse Pannen erlebte. Als die Züge nach der Wartung nicht mehr ansprangen, wurde das Hacker-Team Dragon mit der Untersuchung beauftragt. Ihre Analyse deckte neben anderen Sabotagemechanismen eine Software auf, die die Züge außer Betrieb setzt, wenn sie außerhalb der Newag-Einrichtungen gewartet werden. Diese Entdeckung deutet auf absichtliche Fehlfunktionen hin, um Konkurrenten zu schwächen, was an den Dieselgate-Skandal erinnert – nur das es hier um Züge geht. Die Ergebnisse haben mögliche unethische Praktiken in der Eisenbahnindustrie aufgezeigt. Der Eisenbahnexperte Jon Worth berichtet ebenfalls ausführlich über dieses Thema.

Auf Scena9, interviewte Oana Filip Liviu Chelcea (übersetzt ins Englische von Eurozine), Anthropologe und Professor an der Universität Bukarest, darüber, wie wir Wasser als selbstverständlich ansehen. Chelcea erklärte, dass Wasser, das für die soziale Dynamik von zentraler Bedeutung ist, unsere Konsumgewohnheiten angesichts der ökologischen Herausforderungen widerspiegelt. Westliche Gesellschaften nehmen Trinkwasser als reichlich vorhanden und individuell wahr. Chelceas Studie zur Wasserinfrastruktur analysiert die Kultur des in Flaschen abgefüllten Wassers in Rumänien und führt ihre Ursprünge auf historische Gesundheitsvorstellungen und aristokratischen Tourismus zurück. Das Wiederaufleben von Plastik, angetrieben durch Gesundheitstrends, steht im Kontrast zu Rumäniens reichlich vorhandenem Leitungswasser. Inmitten des Klimawandels drohen Wasserknappheit und Qualitätsprobleme, die eine Änderung der Verbrauchsgewohnheiten und des öffentlichen Diskurses erforderlich machen. Wasserraub und -konflikte, die seit jeher weit verbreitet sind, nehmen mit dem Klimawandel zu und verschärfen die Herausforderungen weltweit.

Weitere Themen

Eine Studie des Think-Tanks European Council on Foreign Relations (ECFR) sagt voraus, dass ein deutlicher Rechtsruck im neuen EU-Parlament eine „Anti-Klima“-Koalition hervorbringen würde. Sollte diese die Anzahl der Sitze dominieren, würde sie das Makroprojekt des Europäischen Green Deal gerade in seiner politisch schwierigsten Phase, der lokalen Umsetzung, erheblich untergraben, „was Auswirkungen auf die Klimasouveränität der EU haben wird“. Noch hängt sehr viel von der nationalen Politik ab. Greta Hirschberg betrachtete für Voxeurop die Rolle der Medien bei der Gestaltung des öffentlichen Diskurses in Schweden und Dänemark als kontrastreiche Beispiele für Umweltkommunikation.

In Zusammenarbeit mit Display Europe, kofinanziert von der Europäischen Union. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die des Autors/der Autoren und spiegeln nicht unbedingt die der Europäischen Union oder der Generaldirektion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologie wider. Weder die Europäische Union noch die Bewilligungsbehörde können für sie verantwortlich gemacht werden.
ECF, Display Europe, European Union

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