Ideen Britischen Referendum

Man schätzt die Dinge erst, wenn sie nicht mehr da sind, liebe Mitbürger und -bürgerinnen

Die EU zu verlassen wäre ein schlimmer Fehler für Briten, die auf dem Kontinent leben, und auch für den Ruf Großbritanniens – sagt der gebürtige Brite und europäische Journalist und Autor Alex Taylor.

Veröffentlicht am 22 Juni 2016 um 06:56

Vergangenen Freitag war ich zufällig in Brüssel und hatte ein paar Stunden Zeit. Da ging ich zum Europäischen Parlament und tat etwas, das mir zuvor niemals in den Sinn gekommen wäre. Ich ging in einen Souvenirladen, kaufte eine europäische Flagge und verschickte auf Twitter ein Foto von mir und dieser Flagge vor einem Gebäude, in dem ich schon unzählige Fernsehsendungen produziert habe.

„You don’t know what you got till it’s gone“ (man schätzt die Dinge erst, wenn sie nicht mehr da sind) singt Joni Mitchell. Drei Tage nachdem ich dies schreibe, besteht eine realistische Möglichkeit, dass mein Land dafür abstimmt, sich selbst aus dem größten Binnenmarkt der Welt und einer politischen und kulturellen Union hinauszuwerfen. Wie jede Institution hat auch diese ihre Fehler, aber sie hat auf unserem Kontinent über 70 Jahre lang den Frieden erhalten (das ist eine beachtliche Leistung – vergessliche Zeitgenossen mögen einen Blick in ein beliebiges Geschichtsbuch werfen).

In diesem Zusammenhang erschien mir die Tatsache, „Europäer“ zu sein, plötzlich sehr wertvoll und ziemlich zerbrechlich. Stimmt Großbritannien für einen Austritt (die jüngsten Umfragen sind zu knapp, um Prognosen abzugeben), sind nicht nur meine Landsleute in Großbritannien, sondern auch 2 Millionen Briten, die in anderen EU-Ländern leben und arbeiten, keine EU-Bürger mehr.

Das macht mir ganz persönlich sehr große Sorgen. Als „Expats“ (ein Begriff, der generell für Immigranten verwendet wird, die eben Europäer sind) werden uns unter Umständen unser Wohnsitz, unsere Krankenversicherung, unser Arbeitsplatz und unsere Rentenansprüche weggenommen. Und um noch Salz in die Wunde zu streuen, sind diejenigen unter uns, die Großbritannien vor über 15 Jahren verlassen haben, noch nicht einmal berechtigt, in einem Referendum mit abzustimmen, in dem wir am meisten zu verlieren haben.

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In der immer hysterischeren Debatte über die EU zum Thema Immigration – dem Hauptargument der „Leave“- Kampagne (stark genug, um ihnen in der vergangenen Woche einige Punkte Vorsprung zu verschaffen) wurde unser Problem bisher komplett ignoriert. „Freizügigkeit“ wird in den britischen Medien ständig behandelt, als wäre sie eine Einbahnstraße – nach Großbritannien. Nirgendwo und von niemandem wird erwähnt, dass fast ebenso viele von uns mit den Jahren davon profitiert und den Ärmelkanal in die andere Richtung überquert haben, weg von den „Kreidefelsen von Dover“.

In Spanien leben beispielsweise geschätzt 800.000 britische Rentner. Wollen wir wirklich jede Menge sehr gute (und billige!) polnische und rumänische Krankenschwestern, die Steuern zahlen und unsere Kranken und Alten in Großbritannien pflegen, gegen Horden von Expats (die meisten davon im Rentenalter) tauschen, die an ihrem jetzigen Wohnort dann nicht mehr willkommen sein werden?

Dieser Punkt kommt in der Kampagne nie zur Sprache, wird aber zu einem großen Problem, wenn es zum Brexit kommt. Schon gibt es düstere Andeutungen in diese Richtung. Mariano Rajoy, der spanische Premierminister, meinte erst letzte Woche, dass Briten, die in Spanien leben, nicht erwarten könnten, bei einem Austritt Großbritanniens weiterhin die gleichen Rechte zu genießen. In Frankreich ebenso. Warum sollten Bürger eines Landes, das freiwillig aus der EU ausgetreten ist, weiterhin die Privilegien dieses Clubs genießen? Wenn man aus einem Fitnessclub austritt, erwartet man auch nicht, die Räumlichkeiten weiter nutzen zu können.

Auf einer tieferen Ebene ist die Debatte besorgniserregend, weil die überwiegend europafeindliche Presse (in Großbritannien werden täglich 13 Millionen Zeitungen verkauft, daher haben sie ein beträchtliches Gewicht!) nun schon seit Monaten mit dem Gedanken hausieren geht, dass Großbritannien durch die „Freizügigkeit“ überfallen werde und darunter leide. Der Vorsitzende der UKIP, Nigel Farage, brachte letzten Donnerstag ein besonders scheußliches Poster heraus, auf dem Hunderte syrischer Flüchtlinge abgebildet sind (Großbritannien hat nur 2000 aufgenommen, verglichen mit einer Million in Deutschland), das die Ängste bedient und den fremdenfeindlichen Tenor der Kampagne unterstreicht.

Wenn wir die EU verlassen, verweigern wir womöglich künftigen Generationen junger Briten dieses Recht. Sie werden nicht mehr in der Lage sein, das zu tun, was ich glücklicherweise vor 30 Jahren tun konnte – mein Leben als echter Bürger Europas in einem anderen EU-Land zu leben und exakt so behandelt zu werden wie die Einheimischen.

Ich war immer stolz auf mein Land und seinen riesigen Beitrag zur europäischen und zur Weltgeschichte. Wenn meine Landsleute für den Austritt stimmen, werde ich noch am Freitag einen französischen Pass beantragen – ohne jede Garantie, dass ich und Hunderttausende andere von uns einen bekommen werden. Darüber hinaus werde ich mich schämen, dass es mein Land ist, das womöglich die Auflösung der Europäischen Union angestoßen hat – einer Sache, die wir für selbstverständlich halten und auf die wir alle sehr viel stolzer sein sollten.

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