Presseschau Core Europe

Menschenhändler auf freiem Fuß und Europas Autowirtschaft im freien Fall

In unserer Presseschau aus Mittel- und Südwesteuropa, die wir in Zusammenarbeit mit Display Europe erstellen, befassen wir uns diesen Monat mit dem Niedergang der tschechischen und slowakischen Automobilindustrie und der Freilassung von Menschenhändlern in Ungarn.

Veröffentlicht auf 22 Januar 2024 um 18:55

Einst Dreh- und Angelpunkt der Automobilindustrie, steht Europa heute im Schatten der USA und Chinas, das Land, das sich zum weltweit führenden Autoexporteur aufgeschwungen hat. Dieser Paradigmenwechsel bedroht die europäische Autoindustrie nicht nur weltweit, sondern auch innerhalb ihrer eigenen Grenzen. Die härtesten Konsequenzen tragen bereits die Tschechische Republik und die Slowakei, die aufgrund ihrer hohen Pro-Kopf-Autoproduktion „Europas Detroit” genannt werden. Besonders in Gefahr ist der slowakische Automobilsektor, der die Hälfte der Exporte und der Industrieproduktion des Landes ausmacht. Die Tageszeitung Pravda aus Bratislava verweist diesbezüglich auf eine Studie von Bloomberg und dem slowakischen Think-Tank Globsec, die alles andere als optimistisch in die Zukunft blicken lässt: Der laufende Wandel in der Branche könnte bis zu 85.000 Arbeitsplätze vernichten - das entspricht 4,5 Prozent des Arbeitsmarktes, so die düstere Prognose.  

Obwohl die lokalen Automobilhersteller darauf setzen, dass die slowakische Produktion nahtlos auf hochmoderne Elektrofahrzeuge umgestellt werden kann, würde dies einen drastischen Produktionsrückgang bedeuten: von rund 200 beweglichen Teilen in konventionellen Fahrzeugen auf 20 Teile in elektrischen Fahrzeugen - ein Wandel, der einem Erdbeben gleichkommt. Die Vereinfachung der Produktion würde das Aus für kleinere Zulieferer bedeuten, die einst integraler Bestandteil der Produktionskette waren, sich aber auf nun überflüssig gewordene Komponenten wie Auspuffanlagen, Einspritzdüsen und Getriebe spezialisiert haben. Dieser Kommentar in Pravda bringt das mulmige Gefühl der Branche auf den Punkt: Der Wettlauf um die Produktion von E-Autos geht zu schnell voran, als dass der traditionelle Automobilsektor mithalten könnte. Daher wird die alte Industrie - und die mit ihr verbundenen Existenzen - bei diesem Übergang wahrscheinlich auf der Strecke bleiben. 

In seinem nachdenklich stimmenden Beitrag für die Prager Lidové noviny beschwört der tschechische Wirtschaftswissenschaftler Lukáš Kovanda gar das Gespenst von Detroit herauf, eine Stadt, die zum Symbol für industriellen Niedergang und wirtschaftlichen Ruin geworden ist. Bedrückende Aussichten für die Tschechische Republik und die Slowakei. Kovanda geht davon aus, dass die beiden Länder, die bis dato ein wichtiges Rädchen im Getriebe des europäischen Automobilsektors waren, einen ähnlichen Weg einschlagen könnten und mit steigender Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben werden. Kovanda weist zudem auf ein entscheidendes Defizit hin: die Tatsache, dass es den beiden Ländern nicht gelungen ist, Investoren für die Batterieproduktion zu gewinnen - ein Sektor, den ihre Kollegen aus Visegrád, Ungarn und Polen dagegen mit insgesamt zwölf Batteriefabriken rechtzeitig ausgebaut haben.


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Kovanda schiebt dabei einen Teil der Schuld auf die „übereifrige Förderung der Elektromobilität” seitens der Europäischen Union. Dieser durch die Grüne Agenda und den Green Deal vorangetriebene Wandel vollzieht sich seiner Meinung nach zu schnell, wodurch die osteuropäischen Automobilhersteller ungewollt benachteiligt werden, vor allem gegenüber chinesischen Konkurrenten, die im Gegensatz zu EU-Herstellern nicht an so strenge Umweltnormen gebunden sind. Im Wettbewerb der globalen Automobilindustrie sind die europäischen Komponentenhersteller mit einer ganz nüchternen Wahrheit konfrontiert: Allein ihre Kosten für die Materialbeschaffung übersteigen den Preis, zu dem chinesische Firmen das fertige Produkt auf den Markt bringen.

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Im Rennen um die Vorherrschaft der Elektrofahrzeuge befindet sich mit Italien noch ein anderer bedeutender Automobilhersteller im Hintertreffen: Lediglich 3 % der in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres verkauften Autos waren in Italien E-Autos, was deutlich unter dem westeuropäischen Durchschnitt von 16 % liegt. Die schleppende Akzeptanz wird zum Teil auf die unzureichende Ladeinfrastruktur jenseits der Ballungsräume zurückgeführt. La Repubblica aus Rom berichtet über die Lösungsstrategie der italienischen Regierung. Diese will der altehrwürdigen italienischen Autoflotte neues Leben einhauchen, indem der Besitz von E-Wagen auch weniger Privilegierten zugänglich gemacht werden soll. Außerdem soll der Verkauf von Elektroautos durch das begehrte Gütesiegel „Made in Italy” angekurbelt werden.


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Menschenhändler in Ungarn auf freiem Fuß

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Die Europäische Union hat Ungarns Vorgehen teils heftig kritisiert, allen voran Österreich. In Wien hatten im Mai lautstarke Proteste stattgefunden und es wurde auf den Widerspruch zwischen Ungarns harter Anti-Migrationspolitik und der Nachsicht gegenüber denjenigen, die illegale Grenzübertritte erleichtern, hingewiesen. Ein Paradox, das den europäischen Nachbarn also nicht entgangen ist.

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Der Einfluss der katalanischen Separatisten auf die sozialistische Regierung Sanchez

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Darüber hinaus wurde eine Amnestie für die katalanische Führungsriege unter Carles Puigdemont ausgehandelt, die nach dem illegalen Unabhängigkeitsreferendum für Katalonien von 2017 angeklagt und aufgelöst worden war, woraufhin Puigdemont ins Ausland geflohen war. Die nun geltende Straffreiheit soll auch vor rechtlichen Gegenmaßnahmen seitens der EU-Institutionen geschützt werden. 

Die Vereinbarung sieht außerdem eine Rückkehrstrategie für Unternehmen vor, die seit 2017 aus Katalonien geflohen sind, und stellt die staatliche Übernahme der Kosten für den öffentlichen Nahverkehr in Katalonien sicher, um dem Vorwurf einer systematischen Unterfinanzierung entgegenzuwirken.

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ECF, Display Europe, European Union

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