„Die Präsenz von Ukrainer*innen in Polen ist zu einem politisch brisanten Thema geworden“, sagt Daryna Sydorenko von der Nichtregierungsorganisation Alliance 24/08 und Koordinatorin von „Observatory of Hate – See. Monitor. React“ - einer Organisation, die anti-ukrainische Hassreden, Desinformationen und Gewalttaten gegen Ukrainer*innen in Polen beobachtet.
Im Rahmen dieser Arbeit sucht Sydorenko nach feindseligen Narrativen und verfolgt, wie diese zwischen anonymen Social-Media-Konten, Telegram-Kanälen, Politiker*innen und Mainstream-Medien in Polen zirkulieren. Erste Beobachtungen ergaben einen klaren Zusammenhang zwischen der Zunahme feindseliger Äußerungen auf polnischsprachigen Telegram-Kanälen und realen Aggressionen gegenüber ukrainischen Geflüchteten.
„In den letzten zwei Jahren haben wir auf Facebook, TikTok, Telegram und sogar auf LinkedIn einen sprunghaften Anstieg negativer Kommentare über Ukrainer*innen festgestellt“, sagt Sydorenko.
In den Monaten nach Beginn der groß angelegten Invasion Russlands im Februar 2022 war die Zustimmung zur Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge mit 94 Prozent außergewöhnlich hoch. Im Juli 2026 sprachen sich jedoch 52 Prozent der befragten Polen und Polinnen gegen die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen aus, während nur noch 42 Prozent dies weiterhin befürworteten. Die Meinungen zum Umgang mit dem Krieg in der Ukraine gehen je nach Thema auseinander: Flüchtlinge, Militärhilfe, Handel, die EU-Mitgliedschaft der Ukraine und die künftigen Grenzen des Landes führen zu unterschiedlichen Reaktionen. Auch das historische Gedächtnis ist nicht das Gleiche in Polen und der Ukraine, was ebenfalls zu Meinungsverschiedenheiten führt.
Die Wolhynien-Frage
Polen hat ein komplexes Verhältnis zu seinem östlichen Nachbarn, insbesondere was die Geschichte nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg betrifft. Das umstrittenste Thema ist die Gewalt in Wolhynien, Ostgalizien und der Region Chełm, wo früher viele Ukrainer*innen, Polen und Polinnen sowie Juden und Jüdinnen zusammenlebten.
Ukrainische Aufständische verübten dort zwischen 1943 und 1945 Massenangriffe auf polnische Zivilist*innen, die zum Tod von bis zu hunderttausend Menschen führten. Dabei handelte es sich um ethnische Säuberung, um jegliche polnische Souveränität über Gebiete mit ukrainischer Bevölkerungsmehrheit zu verhindern, die für einen zukünftigen ukrainischen Staat beansprucht wurden.
Polen, darunter auch Mitglieder der Heimatarmee, führten daraufhin Vergeltungsangriffe gegen ukrainische Zivilisten und Zivilistinnen durch, bei denen bis zu zwanzigtausend Menschen ums Leben kamen. Historiker*innen streiten noch immer über die genaue Zahl der Opfer, die Einstufung als Völkermord, die Chronologie, den Grad der Koordination durch verschiedene Organisationen sowie den breiteren politischen und kriegsbezogenen Kontext.
Diese Tragödie, die in der polnischen Öffentlichkeit lange relativ wenig Beachtung fand, ist im Laufe des letzten Jahrzehnts wieder zu einem wichtigen Thema geworden. Dies ist auf die Einführung des nationalen Gedenktages am 11. Juli durch das Parlament im Jahr 2016 zurückzuführen.
So gaben 2008 nur 20 Prozent der Polen und Polinnen an, viel über die Massaker in Wolhynien zu wissen, während 41 Prozent noch nie davon gehört hatten. 2023 hingegen gaben 64 Prozent an, gut darüber informiert zu sein, und 92 Prozent erklärten, von den Ereignissen zu wissen.
Das wiederkehrende Geschichtsbewusstsein fiel mit einer Zeit zusammen, in der die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sowohl ungewöhnlich eng als auch konfliktreich waren. Nach dem Kriegsausbruch im Februar 2022 wurde Polen zu einem der wichtigsten Unterstützer der Ukraine. Fast eine Million ukrainische Flüchtlinge haben seitdem in Polen Schutz gefunden und die polnische Gesellschaft hat lange umfangreiche Hilfe geleistet. Gleichzeitig gab es immer mehr Streitigkeiten über Getreideimporte, Landwirtschaft, Flüchtlingspolitik und militärische Unterstützung sowohl in der polnischen als auch der ukrainischen Innenpolitik.
Parallel dazu haben Polen und die Ukraine die Zusammenarbeit bei der Suche und Exhumierung von Opfern aus dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen. Im Juli 2026 begannen polnische Spezialist*innen nach Genehmigung durch die ukrainischen Behörden mit Exhumierungen an den Standorten der ehemaligen Dörfer Ostrówki und Wola Ostrowiecka in Wolhynien.
„Eine der Forderungen [rechtsextremer] Gruppen war die Exhumierung der Opfer der Massaker in Wolhynien [...] Als die Exhumierungen begannen, stellte sich allerdings heraus, dass sie ihnen eigentlich egal waren“ – Anna Mierzyńska
„Zu einer seriösen Debatte gehört, einander zuzuhören, die Meinungen beider Seiten zu berücksichtigen und neue Entwicklungen zu bedenken“, meint die polnische Journalistin und Social Media-Analystin Anna Mierzyńska. Sie befasst sich mit anti-ukrainischen Desinformationen. Das Problem, so sagt sie, sei, dass Schilderungen historischer Gräueltaten jetzt immer häufiger mit negativen Berichten über Ukrainer*innen in Zusammenhang gebracht werden. Laut Mierzyńska ist diese historische Komponente Teil eines umfassenderen Narrativs geworden, das darauf abzielt, die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen.
„Eine der Forderungen [rechtsextremer] Gruppen war die Exhumierung der Opfer der Massaker in Wolhynien“, sagt sie. „Als die Exhumierungen begannen, stellte sich allerdings heraus, dass sie ihnen eigentlich egal waren.“
Es geht also weniger um historische Wiedergutmachung als um die Verbreitung anti-ukrainischer Botschaften. Anna Mierzyńska identifiziert dabei mehrere, häufig wiederkehrende Themen: Ukrainer*innen, die als Bedrohung für die Einheimischen dargestellt werden, die Instrumentalisierung der Massaker in Wolhynien, sowie Behauptungen, dass Ukrainer*innen nach dem russisch-ukrainischen Krieg polnisches Territorium beanspruchen könnten. Frühere Botschaften gegen Ukrainer*innen konzentrierten sich eher darauf, dass sie den Polen und Polinnen Arbeitsplätze, Gesundheitsversorgung sowie Plätze in Schulen und Kindergärten wegnehmen.
„Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine werden [diese Narrative] zusammen mit aktuellen Berichten über von ukrainischen Staatsbürger*innen in Polen begangene Straftaten verbreitet, wobei es sich oft um Fakenews handelt“, erklärt Mierzyńska.
„Die gängigsten Narrative zielen darauf ab, die Menschen davon abzuhalten, Ukrainer*innen weiter zu unterstützen“, sagt sie. „Ukrainische Flüchtlinge werden für historische Gräueltaten verantwortlich gemacht, die in Polen jetzt wieder heraufbeschworen werden“: Die Gewalt in den 1940er-Jahren wird als Beweis dafür genommen, wie schlecht sich in Polen lebende Ukrainer*innen heute verhalten.
Von der Geschichte in den Newsfeed
Das gleiche Spiel findet auf polnischsprachigen Telegram-Kanälen statt, die von Menschen genutzt werden, die sich als ausgeschlossen betrachten und nach alternativen Informationen suchen. „Sie sind unzufrieden mit der Art und Weise, wie Nachrichten von etablierten, verifizierten Medien präsentiert werden, oder sie haben das Gefühl, dass diese ihre Ansichten nicht widerspiegeln.“
Anna Mierzyńskas Team fand polnische Medienberichte, in denen die ukrainische Staatsangehörigkeit eines Verdächtigen hervorgehoben wurde, obwohl dies nicht relevant war. In einem Fall zum Beispiel, bei dem es um Geldfälschung ging, waren zwei Verdächtige Polen, einer Ukrainer und einer Russe. In der Überschrift jedoch wurde nur der ukrainische Staatsangehörige erwähnt.
Parallel zu diesen Berichten kursieren historische Narrative. Darin wird zum Beispiel behauptet, dass in der Westukraine kürzlich eine „Banderisten-Schule“ gegründet worden sei und sich die Ideologie von Stepan Bandera – dem Anführer der ukrainischen Nationalbewegung während und nach dem Zweiten Weltkrieg – wieder ausbreite. Diese Botschaften tauchen im Zusammenhang mit Diskussionen über die Ukrainische Aufständischenarmee (UPA), die Massaker in Wolhynien und die laufenden Exhumierungen auf. „Bei einem verbalen Angriff auf ukrainische Jugendliche in Polen wurden diese als ‚Banderisten-Kinder‘ bezeichnet und aufgefordert, in die Ukraine zurückzukehren“, erklärt die Journalistin.
In einem anderen Fall wurde auf Telegram ein Video verbreitet, das zeigt, wie ein Ukrainer einen Strafzettel bekommt. In den Kommentaren wurde seine Abschiebung gefordert. „Auf den Kanälen wird versucht, die Ukrainer*innen als arrogante Menschen darzustellen, die gegen polnische Gesetze verstoßen und polnische Gastfreundschaft missbrauchen“, sagt Sydorenko.
Wie schnell sich Hass im Internet zu verbalen und sogar körperlichen Übergriffen ausweitet, zeigte sich im Juli in Breslau, wo ein ukrainisches Paar vor einem Supermarkt angegriffen wurde, nur weil es Ukrainisch sprach.
Sydorenko sagt, die Feindseligkeit äußere sich sogar in Beiträgen, die wenig mit der ukrainischen Regierung oder dem Krieg selbst zu tun hätten. „Die Erwähnung der Ukraine und der Ukrainer*innen geht mittlerweile fast immer mit sehr starken Emotionen wie Wut, Aggression oder Irritation einher.“
Russische Desinformation
Russland spielt eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Hass gegenüber Ukrainer*innen in den polnischen sozialen Medien. „Forscher*innen in Polen beobachten diesbezüglich eine hohe Aktivität pro-russischer Kreise, russischer Accounts und Influencer in den sozialen Medien“, sagt Mierzyńska. „Ähnliche anti-ukrainische Inhalte tauchen parallel dazu auf russischen Telegram-Kanälen auf, manchmal auch in russischen Staatsmedien, bei pro-russischen Aktivist*innen in Polen und in rechtsextremen Kreisen.“
„Es ist außerdem bekannt, dass Russland von der Verbreitung anti-ukrainischer Inhalte profitiert. Daher ist es irrelevant, ob die Inhalte von russischen Akteur*innen selbst verbreitet werden, ob sie lediglich bestimmte Gruppen in Polen dazu inspirieren oder ob manche Gruppen für ihre Verbreitung bezahlt werden. Was zählt, ist die Wirkung.“
Laut Sydorenko entstehen anti-ukrainische Narrative in anonymen Kanälen, werden dann von Influencer*innen oder bekannten Politiker*innen aufgegriffen und später sogar in den Mainstream-Medien verbreitet. Selbst glaubwürdige Medien können diese Narrative verstärken, ohne sie bewusst zu unterstützen, insbesondere durch reißerische Schlagzeilen. „Es ist sehr wichtig, dass Journalist*innen darauf achten, dass sie nicht selbst zur Verbreitung dieser Gedanken, Stimmungen und Denkweisen beitragen“, mahnt Sydorenko.
So gaben 2008 nur 20 Prozent der Polen und Polinnen an, viel über die Massaker in Wolhynien zu wissen, während 41 Prozent noch nie davon gehört hatten. 2023 hingegen gaben 64 Prozent an, gut darüber informiert zu sein, und 92 Prozent erklärten, von den Ereignissen zu wissen.
Für Mierzyńska wird das Problem durch Faktenchecks allein jedoch nicht gelöst. „Wir können keine Resilienz aufbauen, wenn wir nur auf der Informationsebene handeln“, sagt sie. „Wir müssen für gute Beziehungen zwischen Pol*innen und Ukrainer*innen sorgen. Integration, gegenseitiges Kennenlernen und der Aufbau von Vertrauen sind unerlässlich.“
Für Polen und die Ukraine ist der historische Konflikt noch lange nicht beigelegt. Die Massaker in Wolhynien sind nach wie vor ein zentraler Bestandteil der polnischen Erinnerungskultur, und die Suche nach allen Opfern sowie deren Identifizierung sollte fortgesetzt werden – gemeinsam mit ukrainischen Partnern.
👉 Original und längere Fassung auf New Eastern Europe
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