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Das Quarantäne-Entzugssyndrom

Als während der Corona-Krise die Menschen, die in den 1990er Jahren aus Litauen emigriert waren, heimkehrten, waren sie nicht willkommen. Wie alle Fremden wurden sie als Bedrohung wahrgenommen. Marius Ivaškevičius diagnostiziert an sich selbst eine gespaltene Corona-Persönlichkeit, die zwischen der Trauer über die verlorene Weltoffenheit und der Freude an der neuen zurückgezogenen Lebensweise hin und hergerissen ist.

Veröffentlicht auf 16 Juni 2020 um 17:00

Als ich im Frühjahr 2020 die erste (und hoffentlich einzige) weltweite Quarantäne im Leben durchmachte, kam ich plötzlich darauf, dass in mir zwei Menschen wohnen: zwei sehr unterschiedliche, wenn nicht sogar gegensätzliche. 

Den einen, der sich jetzt ins Abseits zurückgezogen hat, hat diese Pandemie und das von ihr verursachte Abgeschlossen-Sein von allen und allem fast als eine persönliche Tragödie getroffen. Er war der Apologet einer offenen Welt und gewohnt, zwei oder dreimal im Monat durch Europa und Russland zu fliegen (Premieren, Konferenzen, Vorträge), sowie zwei oder dreimal im Jahr nach New York zu seiner Tochter, die dort in die Schule geht. Er nahm mit Entsetzen wahr, wie in Europa längst vergessene Grenzen aus dem Boden schossen und die Europäische Union selbst und ihre Idee der Einheit aus unserem Bewusstsein entschwanden. Er fühlte sich verloren und niedergeschlagen, denn das war ein blitzartiger und absoluter Triumpf der „Bodenständigen“ der ganzen Welt gegen die „Offenen“.

Auf einmal wurde es üblich, Ausländer als Aussätzige anzusehen. Und sogar die eigenen Landsleute, die eilig mit den letzten möglichen Flugverbindungen heimkehrten. Danach blieben nur die Fähren über die Ostsee, auf denen massenweise längst vergessene Emigranten zurückkamen. Dieselben, die das entvölkerte Litauen viele Jahre lang versucht hatte, zur Rückkehr zu bewegen. Und plötzlich kehrten sie zurück, wenig verändert seit den wilden 1990er Jahren, in denen sie von hier abgereist waren. Als die Heimat ihrer ansichtig wurde, erschrak sie und ließ wissen: Nein, solche Leute brauchen wir nicht. Man versuchte, sie zwangsweise in Hotels zu isolieren, wo sie das Mobiliar zerschlugen und sich volllaufen ließen. Da bezeichnete der Ministerpräsident sie als „Unmenschen“ und trug damit zum Sieg der „bodenständigen“ Mehrheit bei.

Als Dramatiker schrie ich schmerzlich auf, als ich die weltweite Schließung der Theater sah, darunter auch jene dreizehn, auf denen meine Stücke gespielt werden. Denn das bedeutet, dass ich in den kommenden Monaten oder gar Jahren meine Einkünfte verlieren werde. Als Vater nahm ich traurig den sich zunehmend leerenden Himmel wahr: Die Flüge nach Litauen wurden täglich weniger, bis nur mehr ein einziger übrigblieb: Vilnius–Minsk. Und damit musste ich auch die Hoffnung aufgeben, meine fünfzehnjährige Tochter aus New York zurückfliegen zu lassen. Aus New York, das immer mehr blutete, bis es schließlich zur Hauptstadt dieser Pandemie wurde – zum größten Gefahrenherd des Virus.

Das alles ging in den ersten Wochen der Quarantäne in mir vor. Oft ertappte ich mich dabei, wie ich den alten sowjetischen Weltatlas zur Hand nahm, der mir aus meiner Kindheit geblieben ist: All diese weit entfernten, in verschiedenen Farben gezeichneten Länder wurden für mich wieder unerreichbar und daher sogar etwas irreal.

Doch dann wurde plötzlich ein Schalter umgelegt. Jener weltoffene Mensch zog sich zurück und der bodenständige kam zum Vorschein. Er übernahm gleichsam das Steuer meines Bewusstseins und setzte mich auf ganz kurze Schienen: auf einen strengen, sich wöchentlich wiederholenden Rhythmus: Von Montag bis Freitag die schwere (doch angenehme) Arbeit des Romanschreibens im Dorf und an den Wochenenden die Ausflüge in das sich leerende Vilnius. Und das war keine Apathie, sondern eine sehr konzentrierte Zeit. Ich begann die Leere richtiggehend zu genießen, so dass ich die Gesellschaft anderer Menschen nicht mehr vermisste und keinerlei Wunsch verspürte, mit irgendjemandem (außer mit den nächsten Angehörigen) zu kommunizieren.

Eines Morgens erinnerte ich mich plötzlich, dass ich an diesem Tag aus Tallinn (wo am Abend davor eine Premiere angesetzt war) nach Baku hätte fliegen sollen, um am Tag darauf eine Werkstatt für dortige Dramatiker abzuhalten. Anders gesagt, mich den ganzen Tag über in Flugzeugen durchrütteln lassen, mit einem Zwischenstopp in Istanbul. Schon der Gedanke daran ließ mich schaudern. Ich konnte nicht mehr begreifen, wie ich früher daran Gefallen gefunden hatte. Jenes weltoffene Ich hatte sich bereits Lichtjahre von mir entfernt.

Ich glaube, ich hatte einfach Glück: Die Quarantäne hat mich in einem Augenblick meines Lebens erwischt, in dem ich in völliger Harmonie mit mir selbst war: glücklich mit dem, was ich bin, mit wem ich bin und was ich mache. Anders als diejenigen, für die der Gang zur Arbeit oder die unterschiedlichen Formen der Teilnahme am sozialen Leben eine Flucht aus der kleinen Hölle ihrer Beziehungen darstellt. Tatsächlich, ich empfand es als eine erfüllte Situation in der ich die Einschränkungen mit der restlichen abgeschlossenen Welt teilte.

Mit meiner Tochter, die in einer kleinen Wohnung in Brooklyn eingesperrt war, kommunizierte ich mehr und tiefer als je zuvor im Leben. Mein physischer Zustand besserte sich augenscheinlich: Alle möglichen Reflux-Symptome und Verdauungsstörungen verschwanden, die ich früher offenbar durch einen ständigen, wenn auch nicht spürbaren, Reise-Mikrostress und den Übergang von einer Küche zur anderen provoziert hatte. 

Und sogar als die Quarantäne immer strenger wurde und in Litauen Stimmen mit der Aufforderung zu vernehmen waren, quasi den Kriegszustand zu erklären und alle Kontrolle an den Armeekommandanten zu übertragen, drängte es mich nicht, dagegen zu protestieren, obwohl jenes frühere Ich bereits alle Alarmglocken schrillen gehört hätte. Nein, ich dachte nur: Macht, was ihr wollt, wenn es nur mein kleines Quarantäne-Paradies nicht zerstört, das sich über einen Umkreis von fünfzig Kilometern erstreckt.

Und so hat mein bodenständiges Ich die beginnenden Erleichterungen der Quarantäne als richtige Tragödie und totalen Zusammenbruch aufgenommen. Alles hat mich entnervt: die in die Straßen von Vilnius strömenden Menschenmassen, die so sehr auf soziale Kontakte aus waren, sowie diverse Einladungen zu verschiedenen Veranstaltungen, die man aus Höflichkeit, manchmal auch wegen einer Verpflichtung nicht abweisen kann. Das Fundament meines neuen Lebens glitt mir unter den Füßen weg und ich suchte verzweifelt nach einem Strohhalm: Wie könnte ich mich noch ein wenig auf meinem kurzen bodenständigen Geleise halten.

Gerettet hat mich meine Tochter. Die Wiederbelebung des Flugverkehrs ermöglichte es endlich, einen Flug New York–Frankfurt–Vilnius für sie zu buchen, und danach konnte ich schon allen Einladenden ruhigen Gewissens antworten: Entschuldigen Sie, aber meine Tochter kommt aus New York zurück und ich werde gezwungen sein, mich zusammen mit ihr noch für zwei Wochen in die Isolation zu begeben.

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Unruhig überprüfte ich die sich ständig vergrößernde Liste der Länder, aus denen man sich nach der Rückkehr nicht mehr in Quarantäne begeben musste – und wenn die USA darunterfielen, wäre mein Traum zerplatzt.

Als die Tochter in Vilnius landete, wartete ich vor dem Flughafen eineinhalb Stunden auf sie (sie im Flughafen abzuholen, war nicht erlaubt). Ich beobachtete, wie die anderen ankommenden Passagiere, kaum waren sie beim Tor herausgekommen, sich die Masken herunterrissen, als wären sie in eine lange erträumte Freiheit entkommen. Doch ich stand da und wartete auf meine Tochter, die mir noch zwei Wochen der so sehr ersehnten Unfreiheit gewähren würde.

Endlich tauchte auch sie auf, als allerletzte, mit ihren zwei großen Koffern. Ich schloss sie in meine Arme und küsste sie ab, damit wir blitzschnell alle möglichen Viren und Bakterien austauschten. Dann führte ich sie schnell zum Auto.

Ohne irgendwo Halt zu machen, brachte ich sie ins Dorf, und jetzt bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Ich schreibe weiter an meinem Roman, und sie besucht im Homeschooling ihre Unterrichtsstunden in New York.

Eines Tages machte ich ihr vorsichtig das Angebot: Vielleicht gehen wir den ganzen Sommer in Isolation? Sie sah mich an wie einen Verrückten. Ich und ihre Mutter, eine Diplomatin, hatten sie kaum in der New Yorker Wohnung festhalten können, denn sie war schon drauf und dran, zu den „Black lives matter“-Protesten zu laufen, an denen fast alle ihre Schulfreunde teilnahmen. Wir hatten sie festgehalten mit dem Argument, dass sich Diplomatenkinder nicht an Protesten beteiligen dürfen, und mit der Einschüchterung, sie werde ihren Litauen-Flug im Gefängnis verpassen. Und jetzt bot ich ihr einen noch größeren Unsinn an. „Papa, meine Freunde warten auf mich“, gab sie zur Antwort. „Wenn die zwei Wochen der verfluchten Quarantäne vorbei sind, bringst du mich sofort nach Vilnius.“

Mit einem Wort, mein bodenständiges Ich verlebt seine letzten Tage. In der kommenden Theatersaison warten sieben Premieren auf mich – von Moskau bis Barcelona. Das bedeutet Geld und Ruhm, und mein offenes Ich betet darum, dass diese Theatersaison nur ja stattfinden möge.

Doch ich selbst weiß nicht einmal mehr: Will ich das oder will ich es nicht mehr. Ich fühle mich völlig in mir selbst verirrt.

Dieser Artikel ist Teil des Debates Digital-Projekts, einer Reihe digital veröffentlichter Inhalte, darunter Texte und Live-Diskussionen von einigen der herausragenden Schriftsteller, Wissenschaftler und öffentlichen Intellektuellen, die Teil des Debates on Europe-Netzwerks sind. Eine Online-Diskussion mit den Autoren findet am 23. Juni um 19.00 Uhr MESZ statt und wird auf YouTube gestreamt.

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