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Rahman – staatenlos und ohne Perspektive

Rahman wurde in Jordanien als Sohn palästinensischer Eltern geboren. Nach seiner Flucht vor dem Krieg in Syrien beantragte er zunächst in Schweden und dann in Norwegen Asyl und fing dann wieder von vorne an. Er hatte mehrmals erfolglos versucht, über den Kosovo in die EU zu gelangen, dann schaffte er es über Marokko nach Spanien und wartet nun auf die Prüfung seines Asylantrags. Dieser Artikel ist der vierte in einer Serie über junge Europäer ohne Papiere in Zeiten des Coronavirus – eine Zusammenarbeit zwischen Lighthouse Reports und dem Guardian.

Veröffentlicht auf 6 Oktober 2020 um 16:41

Rahman* war gerade Lebensmittel einkaufen, da verhängte die spanische Polizei eine Geldstrafe von 500 Euro wegen Verstoßes gegen die Coronavirus-Beschränkungen gegen ihn. „Ich zahle das, sobald ich eine Aufenthaltsgenehmigung habe“, erwiderte er. Während er die Geschichte in einem Videochat erzählt, schüttelt er lachend den Kopf. Er sagt: „Schaut wie dünn ich geworden bin, ich wiege nur noch 57 Kilo.“ In der Webcam zeigt der 21-jährige Palästinenser seinen dünnen, 1,70 langen Körper. 

Wir reden Schwedisch mit einigen norwegischen Wörtern – dass er beide Sprachen spricht kommt daher, dass er als Jugendlicher fast fünf Jahre lang mal in dem einen, mal in dem anderen Land gelebt hat. Es waren prägende Jahre, in denen er gelernt hat, dass selbst scheinbar freundliche Gesten – zum Beispiel das Angebot einer Unterkunft – der Beginn unfassbarer Grausamkeit sein können. 

Trotz aller Qualen hat er in all den Jahren nie das Recht erhalten, in Europa zu bleiben. Weil er keinen Aufenthaltsstatus hatte, wurde er zum Opfer schrecklicher Verbrechen und die Verbrecher blieben unbehelligt. Er wurde ausgebeutet und deportiert, aber sein Traum von Europa ist noch da. Er hat den Weg zurück gefunden – die Zukunft ist ungewiss. 

Im Oktober 2013 kam der 15-jährige Rahman allein in Schweden an. Wie so viele andere junge Flüchtlinge hatte er viel Gutes über Schweden gehört: Kinder werden geschützt, sie gehen zu Schule und fühlen sich sicher, ihre Rechte werden respektiert und fast alle dürfen bleiben, hieß es.

Schwedisch lernen

Rahman wuchs in Jordanien auf, seine Eltern waren Palästinenser aus Gaza. Im jordanischen Staatsbürgerschaftsrecht war keinen Platz für Rahman, daher war er staatenlos. Im dritten Jahr des Syrienkriegs wollte sein Vater ihn über die Grenze schicken: er sollte mit den Dschihadisten gegen das syrische Regime kämpfen. Seine Mutter war dagegen und der Teenager floh dorthin, wo sie sich Sicherheit für ihn erhoffte. 

In Schweden lebte Rahman in einer Flüchtlingsunterkunft, kam in die Schule und lernte schnell Schwedisch. In seiner Freizeit spielte er Fußball. Aber trotz seiner Jugend und der Unruhen in Jordanien lehnte das Migrationsgericht in Stockholm seinen Asylantrag im Sommer 2014 ab.  

Er hatte keine Ahnung was er tun oder wohin er gehen sollte. Das Einzige was er sicher wusste war, dass er nicht nach Jordanien und zu seinem Vater zurückkehren konnte. So beschloss er, ohne Genehmigung in Schweden zu bleiben. Er verließ die Jugendherberge in Stockholm, um nicht abgeschoben zu werden, und brach den Kontakt zu seinem Vormund ab. 

Ein Freund machte ihn mit Martin bekannt, einem großen Mann in den Dreißigern mit einem rasierten Kopf und schweren Goldketten um den Hals. Sobald Martin Rahmans Lage bewusst wurde, lud er ihn in eine Wohnung im Zentrum von Stockholm ein. 

Thierry Monasse | Getty Photos

Was Rahman bei seiner Ankunft sah, schockierte ihn: Dort waren Leute, die Klebstoff schnüffelten, andere nahmen Kokain. Jemand gab ihm einen Drink – er hatte noch nie zuvor Alkohol probiert. Die Nacht erlebte er wie im Nebel. Martin brachte ihn in ein Zimmer. Dort wurde er zu Boden geschlagen und fühlte Hände auf seinem Körper. 

Die Vergewaltigungen und Schläge hielten monatelang an und Martin drohte, ihn beim ersten Fluchtversuch umzubringen. Rahman hatte in der Wohnung Schusswaffen und Messer gesehen, daher wagte er nicht, zu widersprechen oder Fragen zu stellen. „Ich konnte nirgends hin. Kein Geld. Niemand, der mir helfen würde“, berichtet er. 

In der Wohnung verkehrten viele Menschen und Rahman musste sie sauber halten, er bekam Fast Food und Drogen. Martin rief zu jeder Tages- und Nachtzeit an und schickte ihn zu irgendwelchen Adressen, um Taschen abzuliefern. In ganz Europa wurde er herumgeschickt – mit neuen Klamotten, einem falschen Pass und einer Tasche. Während der Flüge schlief er, meist war er auf Drogen.

Vermisste Kinder

Rahman ist einer von Tausenden Kindern, die in den letzten Jahren nach Schweden kamen und in dem Moment, in dem ihr Traum von Europa zerbrach, einfach verschwanden. Laut Daten der schwedischen Migrationsbehörde gelten 2.014 unbegleitete Minderjährige seit 2013 als spurlos vermisst – das sind fast 70 Schulklassen. Als Grund für das Verschwinden dieser Kinder werden oft die drohende Abschiebung und Menschenhandel genannt, aber niemand weiß es wirklich, denn niemand sucht nach ihnen.

Die Polizei nimmt Anzeigen auf, ermittelt aber die Fälle der vermissten Kinder nicht wirklich. Gemeinden geben an, dass Kinder, die nicht mehr dort wohnen, nicht in ihre Zuständigkeit fallen. Die schwedische Migrationsbehörde sagt, sie könne die Fälle vermisster Kinder nicht untersuchen. 2016 rügte der Menschenrechtsausschuss der UN Schwedens Unfähigkeit, diese Vermisstenfälle zu verhindern. 

Viele sind so wie Rahman anfällig für Missbrauch und Menschenhandel. Laut einer Studie einer schwedischen Regierungsbehörde aus dem Jahr 2015 betrafen die meisten Verdachtsfälle von Kinderhandel unbegleitete Minderjährige, aber zu diesem Zeitpunkt hatte keine einzige Ermittlung wegen Menschenhandels, in den unbegleitete Minderjährige involviert waren, zu einer Strafverfolgung geführt.

Ich wollte verstehen, wo das System versagt, und recherchierte daher jeden Verdachtsfall für Menschenhandel mit Minderjährigen in Schweden in einem Zeitraum von vier Jahren bis 2015. Laut Polizeiberichten und Voruntersuchungen handelte es sich bei mehr als der Hälfte der Menschenhandelsfälle um sexuelle Sklaverei und fast die Hälfte der Opfer waren Jungen. Ich stellte ein systemisches Versagen der Polizei bei der Reaktion auf den Menschenhandel fest.

Rahman war einer dieser Fälle und ich spürte ihn schließlich in Norwegen auf: Nach einigen Monaten war ihm die Flucht vor Martin gelungen. Als er im benachbarten Norwegen ankam, beantragte er erneut Asyl und zeigte seine Erfahrungen mit Menschenhandel bei den Behörden an, doch Rahman und sein Anwalt hatten das Gefühl, sein Fall werde nicht ernst genommen. Da der Menschenhandel in Schweden stattgefunden hatte, reichte die norwegische Polizei die Ermittlungen an ihre schwedischen Kollegen weiter. Rahman misstraute den Ermittlern in beiden Ländern. Sie schienen nicht zu begreifen, wie gefährlich es für ihn wäre, Martin anzuzeigen, ohne dass sein eigener Schutz garantiert wäre.

Kurz nach Rahmans achtzehntem Geburtstag verbrachte er ein paar Tage mit seiner gerichtlich bestellten Betreuerin am Meer. Inmitten der glitzernden norwegischen Fjorde saßen die beiden an einem lauen Sommerabend draußen, er lehnte seinen zerzausten Lockenkopf mit den langen Wimpern und dem sanften Lächeln an ihre Schulter und meinte: „sie ist wie eine Mutter für mich.“

Die schwedischen Ermittlungen wegen Menschenhandels wurden irgendwann eingestellt. Auch sein Asylantrag in Norwegen wurde abgelehnt – formell war er nun kein Kind mehr und wurde im Sommer 2018 nach Jordanien abgeschoben.  

Nach fast fünf Jahren in Europa hatte Rahman Schwierigkeiten, sich in der restriktiveren Gesellschaft Jordaniens zurechtzufinden. Zu seiner streng religiösen Familie konnte er nicht zurück: er rauchte, trank Alkohol und trug einen Ohrring. Er sollte dort ohne Ausweispapiere einen Job finden, aber ohne Papiere hatte er keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und keine Hoffnung, wieder zur Schule zu gehen. 

„Ich kann mir hier kein Leben aufbauen. Ich will wieder nach Europa. Ich gebe niemals auf.“

Die Polizei schien die Schikane zu genießen. Sie fragten: Warum warst Du in Europa? Warum bist Du zurückgekommen? Freunde und Verwandte machten sich über ihn lustig: Wo ist das Geld, der Erfolg, die teuren Statussymbole? Eine Zeitlang arbeitete er zwölf Stunden am Tag auf einem Touristenbasar für einen Lohn, der nicht einmal seine Miete deckte, doch nach ein paar Wochen sah er keine andere Möglichkeit und beschloss, wieder zu gehen. 

Zuerst versuchte er, über die Türkei nach Griechenland zu gelangen, aber das gelbe Beiboot wurde von der türkischen Küstenwache abgefangen. Nach eineinhalb Monaten in einem türkischen Gefängnis kehrte er nach Jordanien zurück. Damals hatte er noch eine norwegische Freundin. Als Europäerin konnte sie einfach einen Flug buchen und ihn für ein paar Wochen besuchen. Rahman hat diese Möglichkeit nicht. 

Seine Freunde in Norwegen arrangierten seinen Aufenthalt bei Bekannten im Kosovo und er wollte über Land weiter nach Europa reisen. Aber in Montenegro wurde er verhaftet und wieder in den Kosovo zurückgeschickt. Dort wurde er schwer krank und kehrte abermals nach Jordanien zurück. Dennoch schmiedete er bereits neue Pläne, um nach Europa zu gelangen.

„Ich kann mir hier kein Leben aufbauen“, sagte er mir im Sommer 2019. „Ich will wieder nach Europa. Ich gebe niemals auf.“

Diesmal ging er nach Marokko. Dass dies die bisher gefährlichste Route war, wusste Rahman sehr wohl aber er erwiderte: „Ich werde es schaffen, da bin ich mir sicher!“ Gegen Ende des Sommers erreichte er die marokkanische Grenze bei der spanischen Exklave Melilla, dem Tor nach Europa inmitten hoher Stacheldrahtzäune, das von Drohnen überwacht wird. Migranten und marokkanische Jungen seines Alters waren überall und hofften, nachts über die Grenze zu kommen. Einige hatten es schon monate-, ja sogar jahrelang versucht. Rahman hatte vor, die Zäune im Meer zu umschwimmen – ein schwieriges Unterfangen, bei dem die Grenzschützer manchmal mit Plastikgeschossen auf Schwimmer schießen. Seine ersten vier Versuche scheiterten und er verletzte sich bei einem Sturz, aber dann schaffte er es endlich, bis in den Hafen von Melilla zu schwimmen. 

„Ich freue mich so – nun bin ich wieder in Europa!“ schrieb er in einer Nachricht. 

Weil er Angst hatte, dass die Behörden in Melilla ihn wieder zur Rückkehr nach Marokko zwingen könnten, versteckte er sich an Bord eines Frachtschiffes mit Kurs auf das spanische Festland.  Dort bekam er einen Platz in einer Flüchtlingsunterkunft und 50 Euro pro Monat als Lebensunterhalt. Aber nach sechs Monaten, gerade als die Coronavirus-Pandemie in Europa ankam, wurde diese Unterstützung gestrichen.

Da wir über die Jahre in Kontakt geblieben waren, fragte ich immer, wie es ihm ginge, und egal wie die Umstände gerade waren, antwortete er immer: „gut“. Er muss positiv bleiben, sagt er, um weiter auf das Ziel seiner Träume hinzuarbeiten: ein ganz normales Leben mit einem Zuhause, einem Mädchen und Kindern. Er würde gerne Sprachen studieren und vielleicht mit Touristen arbeiten, weil er so sehr daran gewöhnt ist, neue Leute kennenzulernen. 

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Aber momentan ist wenig Raum für Gespräche über die Zukunft. Rahman weiß noch nicht einmal, was der nächste Tag bringt, wo er schlafen oder was er essen wird. Daher denkt er über zwei unerwünschte Optionen nach: Wieder mit dem Drogenhandel anfangen oder absichtlich ein Verbrechen begehen und sich erwischen lassen. „Wenn ich verhaftet werde, habe ich einen Ort, an dem ich bleiben kann, bis Corona vorüber ist“, meinte er. 

Rahmans Traum von Europa hat ihn zurückgebracht. Trotz allem, was er durchgemacht hat, ist der staatenlose Junge nun ein junger Mann, der dem Aufenthaltstitel kein Stück nähergekommen ist. Schon vor der Pandemie dauerte das Asylverfahren in Spanien bis zu 18 Monate und war sehr unsicher. Rahman denkt an Schweden oder Norwegen, bezweifelt aber, dass er eine Chance hat. Von Skandinavien bis Jordanien hatte er nie das Gefühl, dazuzugehören. „Warum?“ fragt er. „Warum kann ich nirgendwo rechtmäßig hingehören?“

*Name zum Schutz seiner Identität geändert.

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Europe's Dreamers", in Zusammenarbeit mit Lighthouse Reports und dem Guardian. Lesen Sie die anderen Geschichten.

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