Reportage Krieg in der Ukraine

Die baltischen Staaten als Zufluchtsort für unabhängige russische Medien

Kritische russische Medien wie Meduza, Nowaja Gaseta oder Provereno, die seit der Invasion der Ukraine Publikationsverbot haben oder geschlossen werden sollen, sind aus Russland geflohen, um sich in den benachbarten baltischen Staaten niederzulassen.

Veröffentlicht auf 30 Juni 2022 um 11:17

Vilnius, Juni 2022. Die erste aus dem Exil veröffentlichte Ausgabe der Nowaja Gaseta Europa, der bekannten russischen Tageszeitung, deren Chefredakteur Dmitri Muratow 2021 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, kam wenige Tage vor dem 9. Mai in die litauischen Kioske. Ein in Russland symbolträchtiges Datum, das das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Sieg über den Nationalsozialismus markiert. 

In den baltischen Staaten ist dieses Datum weniger beliebt, da das Ereignis für die Länder 50 Jahre sowjetische Besatzung zur Folge hatte. Im Leitartikel dieser ersten Exil-Ausgabe erklärte Chefredakteur Kirill Martynow seine klare Ablehnung des Ukraine-Krieges. "Wir wollen die Stimme der Russen sein, die Putins Krieg niemals akzeptieren werden und die für die europäischen Werte eintreten", schrieb der junge Journalist. Auch wenn die Zeitung nicht regelmäßig erscheinen soll, sei diese erste Ausgabe dazu da, "der russischen Gesellschaft und den Behörden zu zeigen, dass wir noch am Leben sind", sagt Martynow in seinem Büro, das nur wenige Meter von der litauischen Freiheitsstatue Milda entfernt liegt.

Die russische Presse im Exil ist nun im Internet, vor allem in den in Russland noch erlaubten sozialen Netzwerken wie Telegram zu lesen. Der russische Journalist Ilja Ber hat sich in Tallinn, Estland, niedergelassen, wo er seine Arbeit für das größte estnische Onlineportal Delfi fortsetzt, das in den baltischen Staaten sehr beliebt ist. Vor einigen Jahren hat er seine eigene Website Provereno (russisch für "Ich prüfe") gegründet, auf der Fact-Checking betrieben wird und bereits zahlreiche Enthüllungen veröffentlicht wurden, wie z. B. das Foto einer schwangeren Frau, die aus der Entbindungsstation in Mariupol flüchtete und beschuldigt wurde, eine Schauspielerin zu sein. Ilja Ber arbeitet seither in den Redaktionsräumen der estnischen Zeitung. Auch andere russischen Medien finden in den baltischen Staaten Zuflucht, wie etwa die zweisprachige Internetzeitung Meduza, die seit 2014 im lettischen Riga ihren Redaktionssitz hat.

Aus der Ferne zu arbeiten ist für die russischen Exil-Journalisten nicht besonders kompliziert - sie alle sind es gewohnt seit der Corona-Pandemie. Irina Shcherbakowa ist da keine Ausnahme. Die freie Journalistin schreibt für die Moscow Times aus der Kleinstadt Jūrmala an der Ostseeküste, die nur wenige Kilometer von Riga entfernt liegt. Dass sie sich dort niedergelassen hat, ist kein Zufall für sie, die als Kind ihre Sommerferien dort verbrachte. Nachdem sie Russland wegen des Krieges verlassen hatte und am 24. Februar kurzzeitig festgenommen worden war, befasst sie sich nun in ihren Artikeln mit nichts anderem mehr. 


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“Ich habe einen Artikel über Pro-Kriegs-Propaganda an russischen Schulen und über die Helping to Leave Foundation geschrieben, eine NGO, die ukrainischen Flüchtlingen bei der Flucht aus Russland hilft. Ich berichte weiterhin über den Krieg und alles, was damit zusammenhängt", erklärt sie. In Russland, wo sie in ihren Artikeln Menschenrechtsverletzungen thematisierte, wusste sie, dass sie nicht mehr sicher war. 

In Lettland dagegen kann sie jetzt nicht nur die russischen Nachrichten für ausländische Leser aufbereiten und erklären, sondern auch ihre Arbeit als investigative Journalistin fortsetzen. Derzeit schreibt sie an einem Porträt des Oppositionspolitikers Wladimir Kara-Mursa für Meduza.

Kirill Martynow hat noch ein Team von Journalisten vor Ort in Russland, das für die Nowaja Gaseta arbeitet, aber ihre Situation wird immer komplizierter: "Von Tag zu Tag wird es schwieriger, sich auf dieses Netzwerk von Reportern zu verlassen. Wir können sie schon gar nicht mehr als Journalisten bezeichnen, sondern eher als eine Art 'Agenten'. Sie bekommen keine Akkreditierungen mehr, haben keinen legalen Status mehr und bleiben oft anonym. In manchen Fällen können wir ihnen nicht einmal mehr ihr Gehalt auszahlen".

Die russischen Exilmedien in den baltischen Staaten haben Ambitionen, und Martynow macht aus seinen eigenen keinen Hehl: "Mein Ziel ist es, die Stimme der pro-europäischen Russen auf beiden Seiten der Grenze zu werden. Außerdem möchte ich ein neues, extraterritoriales Russland schaffen, das Teil der Europäischen Gemeinschaft ist, denn ich weiß, dass Millionen von russischsprachigen Menschen die Ukraine und die Europäische Union in diesem Krieg unterstützen". 

Mit Unterstützung der baltischen Behörden engagiert sich Nowaja Gaseta in ihrer Tradition als militante Tageszeitung dafür, humanitäre Visa für russische Journalisten zu bekommen, damit sie sich in der Region niederlassen können. Keine leichte Mission, denn seit Beginn des Krieges haben Tallinn, Riga und Vilnius die Ausstellung von Visa für russische Staatsbürger ausgesetzt. 

Einen Monat nach Beginn des Krieges in der Ukraine hatte Lettland bereits 161 solcher Visa ausgestellt, viele russische Journalisten konnten direkt nach Kriegsausbruch noch mit einem Schengen-Visum einreisen, doch ihre Situation bleibt komplex und mit viel Unsicherheit verbunden. Eine Aufenthaltsgenehmigung für die baltischen Staaten zu bekommen ist ein wertvolles Sesam-öffne-dich, um sich dauerhaft niederlassen und weiter arbeiten zu können. llja Ber hatte dieses Glück. Nach einigen Wochen der Ungewissheit bekam er das begehrte Dokument von den estnischen Behörden.

Die baltischen Staaten sind nicht zum ersten Mal Zufluchtsort für russische Medien. Nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 kamen bereits viele russische Dissidenten und Journalisten nach Riga oder Vilnius. Galina Timchenko war eine von ihnen. Sie hatte ihre Stelle als Chefredakteurin von lenta.ru verloren, weil sie angeblich zu einseitig über den damals entstandenen Konflikt in der Ukraine berichtet hatte. Nach ihrer Entlassung beschloss sie, Russland den Rücken zu kehren, um sich in Riga, wo viele Menschen Russisch sprechen, niederzulassen und das Online-Medium Meduza zu gründen.

Seitdem ist Meduza keine herkömmliche Nachrichtenseite, sondern eine Art weltoffenes Fenster mit Artikeln in russischer Sprache für ein russischsprachiges Publikum. Acht Jahre nach dem eigentlichen Beginn des Krieges in der Ukraine ist Meduza noch immer da und zu einem der wichtigsten Sprachrohre geworden unter den russischen Exilmedien. Auch wenn die Mitarbeiter mittlerweile von Russland als “Auslandsagenten” eingestuft wurden und dieser "schändliche" Vermerk sich nun auf ihren Seiten findet. 

Die litauische Hauptstadt Vilnius bietet ebenfalls vielen kritischen Journalisten Exil. Viele von ihnen sind Blogger, die meisten kommen aus Belarus und haben nach den Repressionen im Anschluss an die Proteste gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen 2020 Zuflucht in Litauen gefunden. Vohla und Andrej Pawuk gehören zu den rund 100 belarussischen Journalisten, die damals ins Land kamen. Sie arbeiteten ursprünglich in der Region Gomel im Südosten von Belarus und setzen nun ihre Arbeit in Litauen fort. Auf ihrem Blog stellen sie all die kritischen Fragen, die ihre Landsleute den Behörden nicht stellen können, da sie sonst registriert und verfolgt werden würden.

Das Exil der russischen und belarussischen Journalisten wird sicher noch lange andauern, da sich die Spannungen in ihren Heimatländern verschärfen und es immer schwieriger wird, die Menschen vor Ort zu erreichen. Doch sie machen weiter, auch aus der Ferne, denn nichts ist ihnen wichtiger, als ihre Landsleute vor der russischen Propagandamaschinerie zu schützen. 

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