Ideen Post-sowjetisches Osteuropa

Wie sich die Kinder der Perestroika gegenseitig vernichten

Seit der Kommunismus in Mittel- und Osteuropa mit dem Fall der Berliner Mauer ein Ende gefunden hat, haben sich die liberalen und hoffnungsvollen Zwanzigjährigen von vor 30 Jahren in die konservativste und revanchistischste Gruppe überhaupt verwandelt. Der in Odessa geborene rumänische Autor fragt sich, was mit der „Kannibalen-Generation” passiert ist.

Veröffentlicht auf 8 September 2022 um 12:27
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Meine Generation – ich nenne sie [in meinem Roman] die „Wild Dingo Children”, die letzten sowjetischen Kinder – war die vielleicht liberalste Generation im Osten. Unser größter Schriftsteller, Viktor Pelewin, gab ihr den Namen Generation P – für Pepsi. Aber das war nur von kurzer Dauer, denn schnell wurden wir zur „Kannibalen-Generation”.

Gehen wir zurück bis an den Anfang: Am 10. April 1988 äußerte Michail Gorbatschow als damaliger Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion den Vorschlag zur Begrenzung und Zerstörung von Atomwaffen. Zu diesem Anlass wurde eine Münze geprägt, mit dem Rubel (UdSSR) auf der einen und dem US-Dollar auf der anderen Seite. Die Münze wurde aus dem Leichtmetall zerstörter Atomwaffen geschmiedet und ist zweieinhalbmal leichter als Silber. „Es fühlt sich komisch an, sie in der Hand zu halten. Man würde denken, sie sei schwer, aber sie ist federleicht”, hat mir ein Freund erzählt.

Genau so war auch unser Liberalismus: halb sowjetisch, halb amerikanisch – er schien tief eingeprägt und unzerstörbar. Aber er wurde von der Geschichte davongetragen wie eine Feder im Wind. In den letzten 30 Jahren wurden wir von der liberalsten zur vielleicht konservativsten Generation überhaupt, maßloser Revanchismus hat uns überkommen. Und ich befürchte, dass dieser Revanchismus viel tiefer sitzt als für den Osten üblich. Die Medaille hat zwei Seiten.

1988 waren wir Kinder der Perestroika liberaler als der Westen und amerikanischer als die Vereinigten Staaten – wir glaubten so sehr an ihre Werte, dass sie selbst es mit der Angst zu tun bekamen. Wir gaben ihnen nicht nur das Land unserer Eltern und Großeltern, nicht nur unsere Seelen: Wir gaben ihnen die Zukunft. Unsere Zukunft war ihre Zukunft, und wir offerierten sie ihnen mit fast schon mystischem Enthusiasmus. Die Veränderung geschah erst nach 1989-1991. Nur, dass auch wir eine Seite der Medaille waren. Wir waren uns der „Great Transformation” nicht bewusst – und ich bin nicht sicher, wie sehr sie es waren.  

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Die liberale Welt und der Kapitalismus, die sich in den 60er- und 70er-Jahren im Krisenzustand zu befinden schienen, wurden von einem der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts wiederbelebt: dem Fall des Kommunismus. Das ist zu großen Teilen unser Verdienst. Wir, die Menschen im Osten, hatten ihn gemacht und nun zerstört. Als breite Masse haben wir mit unserem Kapital den Markt geflutet und die Entwicklung mit unserem Enthusiasmus kraftvoll angeschoben, so wie es jedes neue Regime braucht. Wie wir es damals in unseren Liedern ausdrückten – „Dieser zarte Vampir hat ein neues Fass frisches Blut bekommen.” Wir haben das gesamte System wiederbelebt. Und es funktionierte. Doch etwas im Kern der Sache ging schief.

Irgendwo und irgendwie wurde die „Kette der Liebe” gebrochen. Obwohl schon damals die neuen Trends – Nationalismus, Orthodoxie und Oligarchenkapital – nichts Gutes erahnen ließen. Und so beende ich mein Buch The Wild Dingo Children (Polirom 2021) mit tiefem Unwohlsein und der Angst, dass die Zeit der Rache kommen wird. Ich zitiere der romantischen Dichter aus Rumänien George Bacovia mit diesem gruseligen Gefühl:

„Ich muss trinken, um zu vergessen, was keiner weiß

Es ist an der Zeit… alles schmerzt…

O komm schnell, strahlende Zukunft.“

Kannibalen-Generation

Vor gerade einmal fünf Jahren schrieb ich, dass eine Zeit der Rache kommen würde. Mir war klar, dass sich die Generation der Hoffnung in eine Generation der Verzweiflung verwandelt hatte. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht, wie die Vergeltung aussehen würde. Ich konnte mir mehrere Szenarien vorstellen – aber keinen Krieg. Jedenfalls verwendete ich damals schon den Begriff „Kannibalen-Generation”. Der schreckliche Wunsch nach Rache beruht auf verbittertem Groll.

Nietzsche definiert dieses Ressentiment als Wut- und Hasszustand, in dem man sich selbst als Opfer der Ungerechtigkeit betrachtet, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Diese Gefühle sind mächtiger als gewöhnlicher Ärger und Neid: Aus ihnen entsteht ein Wertesystem, das einerseits die Einzigartigkeit des Leidenden rechtfertigt und gleichzeitig sein von den bösen Feinden geschaffenes Unglück erklärt. Das bedeutet nicht, dass bei dem Wunsch nach Rache nicht auch die soziale, politische und ökonomische Realität eine Rolle spielt. Und zwar nicht zu knapp. 


In dieser Übergangsphase waren wir Soldaten, die an allen Fronten gekämpft und alle möglichen und unmöglichen Schlachten verloren haben


Aber, und dessen war ich mir sicher: In dieser Übergangsphase waren wir Soldaten, die an allen Fronten gekämpft und alle möglichen und unmöglichen Schlachten verloren haben. Wir hätten jede Schlacht kämpfen und gewinnen können – aber wir haben alles verloren. Bildung und Gesundheit, Infrastruktur und soziale Mobilität, Familie und Karriere, Sicherheit und Stabilität: alles. Unsere Gesellschaft wurde zerrissen und wir verloren unsere Autonomie: politisch, sozial, intellektuell – alles. Das Problem und seine Lösung lagen nicht mehr bei uns, sondern anderswo. Ich gebe dafür niemandem die Schuld. Wir haben verloren und wurden unsere eigene Machtlosigkeit. Wir haben unsere historische Bedeutung verloren.

Nach der Aufregung der 90er-Jahre kam eine Zeit, in der wir uns selbst runtermachten. Man nannte uns „gehirngewaschen”, „unterentwickelt”, „unzivilisiert”. Wir wurden sozial und ökonomisch gedemütigt: Kündigungswelle, Hilfsarbeit, Niedriglohnsektor und ökonomische Migration, die Zerstörung von Familien, Beziehungen, der Industrie und des Bildungs- und Gesundheitssystems. Die Schocktherapie brachte totale Unsicherheit.

Bodenlose Demütigung

Man verlangte von uns, unsere „Mentalität zu ändern”. Man betrachtete uns nicht als Menschen. Statt natürlicher Integration – gute und schlechte Seiten inklusive – erfuhren wir eine neue, bodenlose Form von Gewalt und Demütigung. Wir mussten alles aufgeben, was wir einmal waren, und uns unserer selbst und unserer Vergangenheit schämen. Wir galten als politisch ungebildet. Wir, die wir stark genug waren, ein diktatorisches Regime zu stürzen.

Die Härte und Gewalt der politisch, sozial und ökonomisch völlig unfairen und ungerechten Veränderung war für einen großen Teil der Gesellschaft demütigend und entmenschlichend. An die Stelle der alten Erniedrigungen und Demütigungen rückten neue, vielleicht sogar noch tiefgreifendere Maßnahmen, die uns den letzten Funken Hoffnung und Sinn raubten. Viele sind verstummt und warten seitdem auf Rache. Die Transition war eine Art „Konterrevolution”: der Sieg einer Minderheit über die breite Masse.

Wir fühlten uns also verraten, benutzt, verlassen und gedemütigt, aber vor allen Dingen eins: besiegt. Ich wiederhole, ich gebe nie den anderen die Schuld. Das Schlimmste ist, dass wir uns noch immer völlig machtlos fühlen bei der Entwicklung unserer Kinder und der Gesellschaft. Der Großteil unserer Kinder will nicht mehr im Osten bleiben – ihre Zukunft liegt „außerhalb”. Mehr konnten wir nicht tun. Das Ergebnis? Staaten, die von Oligarchen und Konzernen – den neuen Grundherren – erobert wurden. Institutionen, gierige Eliten und zurückgelassene Teile der Gesellschaft, die als neue Leibeigene dienen. Eine Klassengesellschaft, die nur für eine kleine Elite funktioniert. Und große Massen, deren Interessen nicht vertreten und deren Stimmen nicht gehört werden.

Putin – der unvermeidliche „Populist”

Diese Mehrheit, der der Zugang zu politischen Entscheidungen, Interessenvertretung, Umverteilung, sozialer Mobilität, Bildung, Gesundheit, sozialem Schutz, guten Arbeitsplätzen und politischem Mitwirken entzogen wurde, musste früher oder später aufbegehren. Und natürlich war der „Populist” Putin, der diese immense Unzufriedenheit in Richtung abnormer, revanchistischer und brutaler Ziele dirigiert, unvermeidlich. Apropos Putin – er ist sowohl ein Produkt des Ostens als auch des Westens. Er wurde geschaffen von der rasenden illiberalen Rache Russlands, der Demütigung in den 90er-Jahren und dem enormen Macht- und Profitstreben der westlichen Welt.

In den letzten 20 Jahren saßen viele große westliche Politiker…

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