Wie sich die Kinder der Perestroika gegenseitig vernichten

Seit der Kommunismus in Mittel- und Osteuropa mit dem Fall der Berliner Mauer ein Ende gefunden hat, haben sich die liberalen und hoffnungsvollen Zwanzigjährigen von vor 30 Jahren in die konservativste und revanchistischste Gruppe überhaupt verwandelt. Der in Odessa geborene rumänische Autor fragt sich, was mit der „Kannibalen-Generation” passiert ist.

Veröffentlicht am 8 September 2022

Meine Generation – ich nenne sie [in meinem Roman] die „Wild Dingo Children”, die letzten sowjetischen Kinder – war die vielleicht liberalste Generation im Osten. Unser größter Schriftsteller, Viktor Pelewin, gab ihr den Namen Generation P – für Pepsi. Aber das war nur von kurzer Dauer, denn schnell wurden wir zur „Kannibalen-Generation”.

Gehen wir zurück bis an den Anfang: Am 10. April 1988 äußerte Michail Gorbatschow als damaliger Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion den Vorschlag zur Begrenzung und Zerstörung von Atomwaffen. Zu diesem Anlass wurde eine Münze geprägt, mit dem Rubel (UdSSR) auf der einen und dem US-Dollar auf der anderen Seite. Die Münze wurde aus dem Leichtmetall zerstörter Atomwaffen geschmiedet und ist zweieinhalbmal leichter als Silber. „Es fühlt sich komisch an, sie in der Hand zu halten. Man würde denken, sie sei schwer, aber sie ist federleicht”, hat mir ein Freund erzählt.

Genau so war auch unser Liberalismus: halb sowjetisch, halb amerikanisch – er schien tief eingeprägt und unzerstörbar. Aber er wurde von der Geschichte davongetragen wie eine Feder im Wind. In den letzten 30 Jahren wurden wir von der liberalsten zur vielleicht konservativsten Generation überhaupt, maßloser Revanchismus hat uns überkommen. Und ich befürchte, dass dieser Revanchismus viel tiefer sitzt als für den Osten üblich. Die Medaille hat zwei Seiten.

1988 waren wir Kinder der Perestroika liberaler als der Westen und amerikanischer als die Vereinigten Staaten – wir glaubten so sehr an ihre Werte, dass sie selbst es mit der Angst zu tun bekamen. Wir gaben ihnen nicht nur das Land unserer Eltern und Großeltern, nicht nur unsere Seelen: Wir gaben ihnen die Zukunft. Unsere Zukunft war ihre Zukunft, und wir offerierten sie ihnen mit fast schon mystischem Enthusiasmus. Die Veränderung geschah erst nach 1989-1991. Nur, dass auch wir eine Seite der Medaille waren. Wir waren uns der „Great Transformation” nicht bewusst – und ich bin nicht sicher, wie sehr sie es waren.  

Die liberale Welt und der Kapitalismus, die sich in den 60er- und 70er-Jahren im Krisenzustand zu befinden schienen, wurden von einem der wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts wiederbelebt: dem Fall des Kommunismus. Das ist zu großen Teilen unser Verdienst. Wir, die Menschen im Osten, hatten ihn gemacht und nun zerstört. Als breite Masse haben wir mit unserem Kapital den Markt geflutet und die Entwicklung mit unserem Enthusiasmus kraftvoll angeschoben, so wie es jedes neue Regime braucht. Wie wir es damals in unseren Liedern ausdrückten – „Dieser zarte Vampir hat ein neues Fass frisches Blut bekommen.” Wir haben das gesamte System wiederbelebt. Und es funktionierte. Doch etwas im Kern der Sache ging schief.

Irgendwo und irgendwie wurde die „Kette der Liebe” gebrochen. Obwohl schon damals die neuen Trends – Nationalismus, Orthodoxie und Oligarchenkapital – nichts Gutes erahnen ließen. Und so beende ich mein Buch The Wild Dingo Children (Polirom 2021) mit tiefem Unwohlsein und der Angst, dass die Zeit der Rache kommen wird. Ich zitiere der romantischen Dichter aus Rumänien George Bacovia mit diesem gruseligen Gefühl:

„Ich muss trinken, um zu vergessen, was keiner weiß

Es ist an der Zeit… alles schmerzt…

O komm schnell, strahlende Zukunft.“

Kannibalen-Generation

Vor gerade einmal fünf Jahren schrieb ich, dass eine Zeit der Rache kommen würde. Mir war klar, dass sich die Generation der Hoffnung in eine Generation der Verzweiflung verwandelt hatte. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht, wie die Vergeltung aussehen würde. Ich konnte mir mehrere Szenarien vorstellen – aber keinen Krieg. Jedenfalls verwendete ich damals schon den Begriff „Kannibalen-Generation”. Der schreckliche Wunsch nach Rache beruht auf verbittertem Groll.

Nietzsche definiert dieses Ressentiment als Wut- und Hasszustand, in dem man sich selbst als Opfer der Ungerechtigkeit betrachtet, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Diese Gefühle sind mächtiger als gewöhnlicher Ärger und Neid: Aus ihnen entsteht ein Wertesystem, das einerseits die Einzigartigkeit des Leidenden rechtfertigt und gleichzeitig sein von den bösen Feinden geschaffenes Unglück erklärt. Das bedeutet nicht, dass bei dem Wunsch nach Rache nicht auch die soziale, politische und ökonomische Realität eine Rolle spielt. Und zwar nicht zu knapp. 


In dieser Übergangsphase waren wir Soldaten, die an allen Fronten gekämpft und alle möglichen und unmöglichen Schlachten verloren haben


Aber, und dessen war ich mir sicher: In dieser Übergangsphase waren wir Soldaten, die an allen Fronten gekämpft und alle möglichen und unmöglichen Schlachten verloren haben. Wir hätten jede Schlacht kämpfen und gewinnen können – aber wir haben alles verloren. Bildung und Gesundheit, Infrastruktur und soziale Mobilität, Familie und Karriere, Sicherheit und Stabilität: alles. Unsere Gesellschaft wurde zerrissen und wir verloren unsere Autonomie: politisch, sozial, intellektuell – alles. Das Problem und seine Lösung lagen nicht mehr bei uns, sondern anderswo. Ich gebe dafür niemandem die Schuld. Wir haben verloren und wurden unsere eigene Machtlosigkeit. Wir haben unsere historische Bedeutung verloren.

Nach der Aufregung der 90er-Jahre kam eine Zeit, in der wir uns selbst runtermachten. Man nannte uns „gehirngewaschen”, „unterentwickelt”, „unzivilisiert”. Wir wurden sozial und ökonomisch gedemütigt: Kündigungswelle, Hilfsarbeit, Niedriglohnsektor und ökonomische Migration, die Zerstörung von Familien, Beziehungen, der Industrie und des Bildungs- und Gesundheitssystems. Die Schocktherapie brachte totale Unsicherheit.

Bodenlose Demütigung

Man verlangte von uns, unsere „Mentalität zu ändern”. Man betrachtete uns nicht als Menschen. Statt natürlicher Integration – gute und schlechte Seiten inklusive – erfuhren wir eine neue, bodenlose Form von Gewalt und Demütigung. Wir mussten alles aufgeben, was wir einmal waren, und uns unserer selbst und unserer Vergangenheit schämen. Wir galten als politisch ungebildet. Wir, die wir stark genug waren, ein diktatorisches Regime zu stürzen.

Die Härte und Gewalt der politisch, sozial und ökonomisch völlig unfairen und ungerechten Veränderung war für einen großen Teil der Gesellschaft demütigend und entmenschlichend. An die Stelle der alten Erniedrigungen und Demütigungen rückten neue, vielleicht sogar noch tiefgreifendere Maßnahmen, die uns den letzten Funken Hoffnung und Sinn raubten. Viele sind verstummt und warten seitdem auf Rache. Die Transition war eine Art „Konterrevolution”: der Sieg einer Minderheit über die breite Masse.

Wir fühlten uns also verraten, benutzt, verlassen und gedemütigt, aber vor allen Dingen eins: besiegt. Ich wiederhole, ich gebe nie den anderen die Schuld. Das Schlimmste ist, dass wir uns noch immer völlig machtlos fühlen bei der Entwicklung unserer Kinder und der Gesellschaft. Der Großteil unserer Kinder will nicht mehr im Osten bleiben – ihre Zukunft liegt „außerhalb”. Mehr konnten wir nicht tun. Das Ergebnis? Staaten, die von Oligarchen und Konzernen – den neuen Grundherren – erobert wurden. Institutionen, gierige Eliten und zurückgelassene Teile der Gesellschaft, die als neue Leibeigene dienen. Eine Klassengesellschaft, die nur für eine kleine Elite funktioniert. Und große Massen, deren Interessen nicht vertreten und deren Stimmen nicht gehört werden.

Putin – der unvermeidliche „Populist”

Diese Mehrheit, der der Zugang zu politischen Entscheidungen, Interessenvertretung, Umverteilung, sozialer Mobilität, Bildung, Gesundheit, sozialem Schutz, guten Arbeitsplätzen und politischem Mitwirken entzogen wurde, musste früher oder später aufbegehren. Und natürlich war der „Populist” Putin, der diese immense Unzufriedenheit in Richtung abnormer, revanchistischer und brutaler Ziele dirigiert, unvermeidlich. Apropos Putin – er ist sowohl ein Produkt des Ostens als auch des Westens. Er wurde geschaffen von der rasenden illiberalen Rache Russlands, der Demütigung in den 90er-Jahren und dem enormen Macht- und Profitstreben der westlichen Welt.

In den letzten 20 Jahren saßen viele große westliche Politiker mit ihm an einem Tisch, um Profit zu machen. Sie haben ihn legitimiert, das sollten wir nicht vergessen. Hier sollte die „Deputinisierung” ansetzen. Die Mitglieder seiner Regierung sind im Schnitt über 65 Jahre alt – die Politiker in Kiew ungefähr 40. Meine Generation, die 50-Jährigen, steht zwischen den Fronten. Es ist auch ein Generationenkonflikt. Was ich sagen will, soll den Krieg nicht rechtfertigen: Ich gebe zu, dass ich die Realität dieses Krieges auch jetzt noch nicht annehmen kann. Selbst die pessimistischsten Prognosen aus den Reihen meiner Generation beinhalteten nie Krieg, dieses Szenario war völlig unvorstellbar. Im Osten wird der Krieg in der Ukraine zur größten Tragödie meiner Generation.

Es ist mehr als katastrophal. Während unschuldige Menschen sterben – was nicht hingenommen oder auf irgendeine Art legitimiert werden kann –, passiert derzeit eine historische Katastrophe, die dem Osten vielleicht für immer einen schrecklichen Stempel aufdrückt oder ihn von der westlichen Welt (also, Europa) ausschließt. Es ist ein bisschen wie das, was im Balkan passiert ist: absolute Negativität und Streichung aus der Geschichte.

Europas zwei verlorene Söhne

Schlimmer noch – dieser Krieg könnte den Osten aus der westlichen Geschichte löschen, und zwar nicht nur seine Zukunft, sondern auch seine Vergangenheit. Es ist möglich, dass der Osten aus dem Bewusstsein verschwindet, sich in Luft auflöst. Krieg kann selbst unsere Vergangenheit radikal verändern. Ich bin ein sehr östlich geprägter Mensch. Ich glaube fest daran, dass der Osten ein wichtiges Alter Ego Westeuropas ist, ebenso wie die Vereinigten Staaten. Der Osten – in seiner Weite, Zeit, Geografie, Religion, Politik, Kultur, Vorstellungskraft und seiner kolossalen Leidensgeschichte – ist überwältigend. Er ist eines der faszinierendsten Vermächtnisse des Westens. Und er ist fester Bestandteil der westlichen Welt.

Europa hat zwei Kinder, zwei verlorene Söhne. Diese Söhne sind mächtig und furchtbar und können Katastrophen verursachen, die selbst Europas Reichweite übersteigen – obwohl Europa es ihnen beigebracht hat. Diese zwei Kinder sind die USA und Russland. Kann Europa ohne sie leben? Vielleicht. Aber dann wäre es nicht mehr Europa. Ohne eines der beiden? Vielleicht. Aber es wäre dann auch nicht mehr Europa. Europa ohne seine zwei Kinder sieht im aktuellen globalen Kontext aus wie eine machtlose Provinz. Und in diesem Konflikt verhält es sich besorgniserregend hilflos.

Die zwei furchtbaren Kinder hatten eine grenzenlose Lebenslust, die sie unterschiedlich auslebten. Ein immenser Wunsch nach Modernisierung, von Europa abgeschaut, gab den Vereinigten Staaten einen Schwung, der die ganze Welt erschreckte. Der Anschub funktionierte, obwohl damit auch Sklaverei, Kolonialismus und die extrem brutale Auslöschung ganzer Zivilisationen und Völker einhergingen. All das sind westliche Spuren, westliche Wunden. Geben wir es zu. Es ist unsere Gewalt.


Ich bin ein sehr östlich geprägter Mensch. Ich glaube fest daran, dass der Osten ein wichtiges Alter Ego Westeuropas ist, ebenso wie die Vereinigten Staaten


Auf der anderen Seite gab es den Sowjetkommunismus als eine weitere Facette der Modernisierung, sogar noch radikaler und mit noch schnellerer Beschleunigung, weil die Rahmenbedingungen weniger entwickelt waren. Im Laufschritt ging es voran. Ja, Kommunismus – genau wie Faschismus – ist eine Facette Europas, ein Kind des Westens. Genau wie der Gulag und der Holocaust. Beides unermessliche Tragödien und nie dagewesene systemische Verbrechen, und sie sind Teil der westlichen Welt. Hitler und Stalin sind Kinder Europas. Das können wir nicht vergessen, und wir können nicht so tun, als wüssten wir nichts davon.

Vom Liberalismus zur illiberalen Generation

Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass wir auch diejenigen sind, die einen langen politischen und sozialen Frieden aufgebaut haben: mit Versöhnung, Verzeihung, Bestrafung, Gesetzen, Verträgen, Institutionen, Verhandlungen, Umverteilung, Rechten, dem Sozialstaat. Immer war Krieg die schlechteste Strategie. Westeuropa, Osteuropa und die USA hatten lange Frieden – es gab ein Gleichgewicht, auch wenn die westliche Welt außerhalb dieser Blase für viele Missstände verantwortlich ist. Es ist sehr wichtig, dass wir fair und ehrlich mit uns sind.

Unsere Wut, die Wut der Menschen im Osten, rührt von Hilflosigkeit, Scham, Schuld, Verantwortungsgefühl: Wieso konnten wir die Tragödie nicht verhindern? Ich glaube von ganzem Herzen, dass wir es hätten schaffen können. Wie kommt es, dass unsere durch und durch liberale Generation heute zutiefst illiberal und antisozial denkt? Und es ist nicht nur so in Russland – obwohl dort eine große Schuld und Verantwortung für den Beginn dieses Krieges liegt. Aber sieht es in Ungarn so anders aus? Was Polen angeht, sage ich lieber nichts: Die Rachegelüste dort sind absolut.

Wir in Rumänien haben keinen großen Einfluss, aber auch hier gibt es solche Anzeichen: Die Liberalen werden vom Militär angeführt – ist die Armee in diesem Land die liberalste Institution? Nach über 30 Jahren Transition hat die Nationalliberale Partei (PNL) nur einen Kandidaten für die Wahl zur Parteispitze aufgestellt: Einen General, der 94,64 Prozent der Stimmen erhielt. Es gibt keine Frauen in der Parteiführung. Das ist die Essenz des „östlichen Liberalismus”. Haben wir vergessen, dass das neue politische Konstrukt ein Schimpfwort als Hass-Slogan hat? Woher kommt diese Politik des Hasses?

Wären wir so mächtig wie Russland, würden unsere Hysterie und unser Hass die Erde aus ihrer Umlaufbahn werfen. Die zwei neuen Parteien haben Grundsätze wie diesen: Einige arbeiten mit Verboten, andere mit Gewalt. Und die „fortschrittliche” Welt der NGOs lebt eine Art „guten” Fundamentalismus, der bei den „Wild Dingo Children” 1988 als stalinistisch gegolten hätte. Jetzt kommt die Vergeltung. Und das ist erst der Anfang.

Beidseitiger Revanchismus

Woran ist es gescheitert? Ich befürchte, dass der Revanchismus nicht nur beim Rubel, sondern auch beim Dollar liegt: Die Medaille hat zwei Seiten. Haben wir vergessen, was vor einem Jahr im Capitol geschah, dem Herz der US-amerikanischen Demokratie? Was ist Trump, wenn nicht amerikanischer Revanchismus? Und was passiert in Frankreich, dem Herz des europäischen Sozialismus? Ist alles in Ordnung mit der Verwandlung der EU-Politik in eine ultrastaatliche „Experten”-Technokratie? Will nur Russland den Krieg? Natürlich – selbst, wenn die Schuld bei vielen liegt – trägt das Putin-Regime die größte Verantwortung: Es hat den Krieg angefangen und ist schuldig. Dafür sollte es bestraft werden, genau wie auch die Bürger politische Verantwortung tragen (Jaspers und Arendt erklären dies).

Ich bin schon lange davon überzeugt, dass unsere Rache selbstreflexiv sein muss, damit wir uns erholen und die Situation im Osten verbessern können. Ich habe viel darüber diskutiert, dass wir uns gegenseitig vernichten würden – daher der Kannibalismus-Vergleich. Ja, wir verschlingen uns schon seit einiger Zeit selbst: uns selbst, das Land, die Gesellschaft. Aber ich gebe zu, dass ich Krieg nie für möglich gehalten hätte. Die Metapher ist Realität geworden.

Der große Schmerz – der sich immer schwieriger verbergen lässt – ist, dass die Transition zu viele Verlierer und zu wenig Gewinner hervorgebracht hat. Letztere nahmen alles an sich und die Verlierer wurden verletzt, verärgert, gedemütigt und mit einem schrecklichen Wunsch nach Rache zurückgelassen. Hinzu kommt, dass sie von niemandem vertreten und ihre Stimmen kaum gehört werden. Hört man sie doch, sieht man sie nicht als Menschen.

Ich wiederhole: Denken sie darüber nach, was in den letzten 30 Jahren mit der verlassenen, geplünderten, deindustrialisierten und entmodernisierten Region passiert ist, der Institutionen und autonome Bildung entzogen wurden. Es ist derselbe Vorwurf wie gegenüber den Russen: Wo ist eure Soft Power? Eure Elite hat gestohlen, sie hat Oligarchie und Reichenviertel in London gefördert, sie besitzt teure Yachten und so weiter. So viel zum Osten. Jetzt wollen sie der Ukraine mit ihren Panzern ihre Liebe zeigen. Nichts als imperialistischer Revanchismus, der völliges Unvermögen beweist.

Die Hoffnung neu entdecken

Ja – wir wurden besiegt. Wir dachten lange, dass unser letzter Kampf der für den offenen Umgang mit unserer totalen Niederlage, für das Loslassen von Hass und Rache, für das Zeigen unserer Wunden sei. Dass es darum ginge zu zeigen, dass wir auf allen Ebenen besiegt wurden. Das Eingeständnis von Niederlage und Katastrophe ist ein Punkt, an dem man zu hoffen beginnen kann: Hoffnung wird neu entdeckt. Wir dachten, unsere Offenheit über die Vergangenheit würde die, die nach uns kommen, davon abhalten, unsere kannibalistische Geschichte zu wiederholen: Die Wunde sollte Ende und Anfang zugleich sein. Wir glaubten nicht an einen Krieg. Aber es passierte doch das, was dieser Dichter aus dem Osten, Gennadi Golowaty, sagte:

„Blinde können nicht böse gucken,

Stumme können nicht wütend schreien.

Unbewaffnete können keine Pistole halten,

Ohne Beine kann man nicht marschieren.

Aber – Taubstumme können böse gucken,

Blinde können wütend schreien.

Auch ohne Beine kann man eine Waffe halten.

Und die Unbewaffneten können marschieren.”

Der Roman Sălbaticii Copii Dingo (Die wilden Dingo-Kinder, Polirom 2021) von Vasile Ernu wurde mit dem Preis Observator Cultural 2022 für das beste Buch in der Kategorie Memoiren ausgezeichnet. Dieser Text ist eine längere Form der Preisrede.
👉 Die rumänische Fassung auf Libertatea.

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