Analyse EU-Verordnung und britische Boulevardzeitungen

Was wirklich geschah, als Brüssel die Bananen geradebog

Seit über zwei Jahrzehnten erregt sich die britische Boulevardpresse an einem EU-Gesetz, dass angeblich den Verkauf allzu krummer Bananen verbietet. Die Schuld daran trügen außer Rand und Band geratene Eurokraten. Die Wahrheit ist vermutlich noch schlimmer – es waren wohl die Franzosen.

Veröffentlicht auf 13 Oktober 2020 um 19:26

Mehr als ein Journalist träumt davon, eine Erzählung zu schaffen, die so mächtig ist, dass sie die Gegenwart überdauert und die öffentliche Wahrnehmung einer Institution prägt.

Nur wenige Geschichten über die EU hielten sich in den letzten Jahrzehnten so hartnäckig wie die jene über ein angebliches EU-Verbot für zu stark gekrümmte Bananen. 

Erstmals erzählt wurde diese Geschichte im britischen Boulevardblatt The Sun im September 1994.

Laut dem Artikel der Journalistin Lucinda Evans haben „Brüsseler Bürokraten“ ein sinnloses Gesetz geschaffen, das „krumme Bananen verbietet“.

"Das verrückte Gesetze wurden von däumchendrehenden EU-Chefs ausgearbeitet, die Tausende [Pfund] für die einjährige Vorbereitung ausgegeben haben", heißt es in der Geschichte.

Die Schlagzeile kreischt: "Now they have really one bananas" – jetzt seien sie wirklich verrückt geworden, die EU-Bürokraten. Andere Boulevardblätter wie Daily Mirror, Daily Mail und Daily Express folgten mit ähnlichen Artikeln über krumme Bananen.

Obwohl die Erzählung über ein sinnloses Gesetz, das von außer Kontrolle geratenen Bürokraten ausgedacht wurde, von anderen Journalisten fast sofort überprüft und kontextualisiert wurde, führt die Geschichte über das angeblich Bananenverbot bis heute ein Eigenleben in der britischen Presse und unter Brexit-Befürwortern.

Boris Johnson nannte 2016 „verrückte“ EU-Regeln über Bananen als einen Grund, um seine Stimme für ein Ja zum britischen Austritt beim damaligen Referendum zu rechtfertigen.

Die Geschichte über die Bananenverordnung ist zu einem Volksmärchen dreister Bürokratie in "bonkers Brussels" geworden, dem beknackten Brüssel. Es setzte den Standard für ähnliche Erzählungen, die Empörung über eine volksferne und bürokratische EU schüren sollten.

Das Narrativ alberner EU-Vorschriften für kurvige Bananen, krumme Gurken und Ähnliches spielte eine entscheidende Rolle für den Austritt Großbritanniens aus der EU.

Doch wenn man die äußere Schicht der mythologischen Banane abschält und sich ansieht, was 1994 in der Europäischen Kommission tatsächlich vor sich ging, ergibt sich eine andere, komplexere Erzählung.

Die wahre Geschichte des Bananengesetzes von 1994 liegt in den Archiven der Kommission. Sie versteckt sich in einem Stapel von 41 Dokumenten, hauptsächlich Faxe und Briefe, die wie damals in den EU-Institutionen üblich großteils in französischer Sprache gehalten sind.

Die mehr als zwei Jahrzehnt im Archiv schlummernden Papier wurden kürzlich auf eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz der EU öffentlich. Sie geben einen Einblick darin, wie europäische Gesetzgebung hinter verschlossenen Türen abläuft und wer dabei mitmischt.

Abnormale Krümmung der Bananen

Zunächst muss gesagt werden, dass die EU tatsächlich ein Bananengesetz hat. Die Verordnung 2257/94 schreibt vor, dass Bananen Mindestqualitätsstandards erfüllen müssen, sie müssen etwa „frei von Missbildungen oder abnormalen Krümmungen der Finger“ sein.

Das Gesetz verbietet allzu krumme Bananen nicht direkt. Sie beschränkt aber ihren Verkauf auf bestimmte Handelskategorien.

Nach dem Gesetz dürfen Bananen der Kategorie „extra“ keine Mängel aufweisen, Bananen der Klasse 1 können „leichte Defekte“ aufweisen, und Bananen der Klasse 2 können „zusätzliche Defekte“ aufweisen. Dies schließt Defekte wie eine "abnormale Krümmung" ein.

Wie ein Artikel in der Zeitung Independent nur wenige Tage nach der Sun-Geschichte hervorhob, waren diese Regeln weder willkürlich noch unangebracht. Vielmehr seien sie geschaffen worden, um Einzelhändlern faire Bedingungen bei Großeinkäufe zu ermöglichen und zugleich zu verhindern, dass Agrarsubventionen der EU auf schlechte Produkte verschwendet werden.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die die Boulevardzeitung jedoch schon ihren Kurs eingeschlagen, mit immer neuen Seitenhieben gegen „däumchendrehenden EU-Chefs“.

"Die dümmste EU-Vorschrift ist nun britisches Recht geworden", schrieb etwa später der Daily Express.

Aber wenn das Bananengesetz keine Geschichte von zügelloser Bürokratie ist, was ist es dann?

Nach einer anderen, konkurrierenden Erzählung, die in Pressemitteilungen der EU ausgeführt wurde, geht es bei dem Gesetz um wichtige und nachvollziehbare Ziele im öffentlichen Interesse.

Gesetze wie die Bananen-Verordnung, die Großbritannien angeblich von „grauen Männern“ in Brüssel auferlegt wurden, seien in Wirklichkeit im Interesse von „Verbraucherschutz, Produktqualität, Umweltvorschriften… all diese Dinge“ erlassen worden, sagte etwa der frühere Minister Kenneth Clarke, der für seine pro-europäische Haltung bekannt ist. 

Mitte der 90er Jahre richtete die Pressestelle der Kommission in London ein eigenes Team ein, um negativen Berichten über die EU in der britischen Presse entgegenzuwirken. Die Kommission schrieb über 400 Erwiderungen auf „Euromythen“.

Gesetze, die Lobbyisten schrieben

Allerdings passt das, was 1994 wirklich vor sich ging, weder in Boulevard-Erzählung über das „beknackte Brüssel“ noch in die über kluge Beamte, die bloß im öffentlichen Interesse arbeiten.

Die wahre Bananengeschichte ist eine aus dem spröden Alltag der EU-Gesetzgebung. Es bietet einen Einblick in eine Welt von Brancheninteressen und Absprachen hinter verschlossenen Türen.

Hier sind die Fakten.

Weit davon entfernt, ein Fiebertraum verrückter Bürokraten zu sein, begann die EU-Kommission die Arbeit an der Bananenverordnung auf ausdrücklichen Wunsch von COPA, einer Interessengruppe europäischer Landwirte, wie die Kommission 1994 in einer Antwort auf die Frage eines Europaabgeordneten betonte.

Ziel des Gesetzes war es, die Qualität der in der EU angebauten Bananen an Orten wie den tropischen Überseegebieten Frankreichs zu verbessern. Höhere Standards sollten europäische Bananen mit Produkten von außerhalb der EU wettbewerbsfähig machen, sagte die Kommission in einem Schreiben, das nun öffentlich wurde.

Auf die Bitte des Branchenverbandes setzte die Kommission eine Expertengruppe ein, die eine Lösung erarbeiten sollte.

Rund ein Jahr zwischen 1993 und 1994 lang trafen sich die Experten regelmäßig, ständig begleitet von Wünschen und Forderungen von Lobbyisten. Allein die Europäische Vereinigung der Bananenhandelsverbände (ECBTA) sandte nicht weniger als acht Schreiben an die Kommission.

Die Bananenhändler boten der Kommission sogar ihre Mitarbeit beim Schreiben des Gesetzes an. "Es würde sicherlich schnellere Ergebnisse ermöglichen, wenn die ECBTA einen Entwurf auf den Verhandlungstisch legen könnte, der von unseren Mitgliedern akzeptiert wird", heißt es in einem Brief.

Der Branchenverband musste erst eine interne Arbeitsgruppe schaffen, um Meinungsunterschiede unter seinen eigenen Mitgliedern auszuräumen. Das hielt der Verband aber nicht ab, Briefen mit detaillierten Vorschläge über Größe und zulässige Mängel bei den Früchten an die Kommission zu schicken. Diese spielten eine große Rolle für das fertige Gesetz.

Ein französischer Vorschlag

Auch einige der damals noch zwölf EU-Länder beteiligten sich regen an dem Gesetz. Ein Hauptstreitpunkt zwischen den Mitgliedstaaten war etwa laut den Dokumenten, ob nur unreife, grüne Bananen oder alle gehandelten Bananen reguliert werden sollten.

Frankreich mischt von allen Staaten am fleißigsten an der Bananenverordnung mit. Die französische Regierung sandte nicht weniger als sechs Briefe und Faxe nach Brüssel.

Ein Schreiben vom Januar 1994 enthält detaillierte Vorschläge sowie den vollständigen Text eines französischen Gesetzes über den Bananenimport aus 1975. Letzteres schreibt fest, dass Bananen höchster Qualität keine „Fehlbildung oder abnormale Krümmung der Finger“ aufweisen dürfen.

Sechs Wochen später nahmen die EU-Beamten fast identische Formulierungen in ein Arbeitsdokument zum neuen Gesetz auf. Sie schickten ihren Vorschlag an das Kabinett ihres politischen Herren, des luxemburgischen Landwirtschaftskommissars René Steichen.

Auch die deutsche und spanische Regierung ließen ebenfalls in Briefen Vorschläge folgen, die den Verkauf seltsam gekrümmter Bananen einschränken sollten.

Aus den Dokumente geht nicht klar hervor, ob der Vorschlag, die „abnormale Krümmung der Finger“ zu verbieten, zuerst von den Franzosen kam. Das Fax aus Paris enthält allerdings eindeutig die erste Erwähnung der Formulierung, die später im fertigen Gesetz landete.

Dies passt zu einem Muster in der EU-Gesetzgebung, nach dem „viele bestehende Standards aus einzelnen Ländern von der EU für den europäischen Markt übernommen werden“, sagt der ehemalige Kommissionspressereferent Charlie Pownall.

Newsletter auf Deutsch

Die britische Regierung zeigte sich wenig begeistert vom geplanten Bananengesetz. „Zunächst muss ich betonen, dass Großbritannien keine unnötig komplexen Standards bevorzugt“, heißt es einem Fax aus London.

"Wir würden einen einfachen Standard bevorzugen, der die bereits von Händlern und Einzelhändlern angewandten Normen erweitert."

Die Briten verwehrten sich insbesondere gegen „jedes Klassifizierungssystem, das Qualität mit Größe verbindet“.

Die Regierung, die damals vom konservativen Premierminister John Major geführt wurde, sei "entschlossen, unnötige regulatorische Anforderungen zu beseitigen", heißt es in dem Schreiben.

„Das ist ein Thema, das uns sehr am Herzen liegt.“

Weniger stark am Herzen lag der britischen Regierung damals, den „Euromythen“ in der eigenen Presse zu widersprechen.

Major und seine Regierung hätten mit Ausnahme des eher pro-europäischen Außenministerium "wenig gegen diese Geschichten unternommen", sagt Pownall, der in den 1990er Jahren in der Pressestelle der EU-Kommission in London arbeitete.

Zum Unverständnis trug bei, dass britische Zeitungen kaum berichteten, wie EU-Gesetze gemacht wurden, sagt der frühere Pressereferent. "Über den politischen Prozess wurde nicht berichtet."

Krabbencocktailchips und Kondome

Britische Bedenken änderten nichts daran, dass die Bananen-Verordnung am 16. September 1994 in Kraft trat.

In der endgültigen Fassung wurden Mindestanforderungen festgelegt, die stark von den Wünschen einzelner EU-Regierungen und von Bananenhändler beeinflusst wurden. Das Ergebnis war das Gesetz, das Lobbyisten und Regierungen sich gewünscht hatten.

In der britischen Presse war davon wenig zu lesen. Das kann auch daran liegen, dass bis heute wichtige Schritte beim Schreiben neuer EU-Gesetze hinter verschlossenen Türen stattfinden. Das macht es aufwendig für Journalisten, darüber zu berichten.

Statt dem Entstehungsprozess von EU-Gesetzen nachzurecherchieren, schrieben britische Journalisten damals lieber weiter Aufregerstorys über die EU, etwa das diese Chips mit Krabbencocktailgeschmack verbieten wolle oder Weihnachtsgebäck abschaffen werde.

Boris Johnson, damals Korrespondent des euroskeptischen Daily Telegraph, fügte der Reihe zweifelhafter Storys einen Artikel hinzu, nach der sich italienische Hersteller bei der EU-Kommission für kleinere Normgrößen bei Kondomen einsetze – eine glatte Erfindung, wie eine damalige EU-Pressesprecherin bis heute insistiert.

Doch Schwindeleivorwürfe hielten Johnson nicht davon ab, bis zuletzt Behauptungen über die angeblich ausufernde EU-Bürokratie aufzustellen. Mehr noch, er erzielt damit politische Erfolge.

Die Briten haben unterdessen die Erzählung von außer Kontrolle geratenen Eurokraten in Brüssel längst als Tatsache akzeptiert. So komplex die wahre Geschichte sein mag, es ist das simple Zerrbild, das bleibt.

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