A vet attends to one of the belugas upon its arrival in Valencia (Oceanogràfic Valencia) Ein Tierarzt kümmert sich um einen der Belugas bei dessen Ankunft in Valencia. | Foto: Oceanogràfic Valencia

„Wir haben zwei Belugas für euch“: Der Kampf um die Rettung ukrainischer Zootiere 

Wie transportiert man einen Wal – oder gleich zwei – per Luftfracht? Anfang 2024 wurden zwei Belugas per Lkw und Flugzeug von Charkiw nach Valencia gebracht. 2022 wurden rund 1.000 Tiere – darunter Bären und Löwen – aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine evakuiert.

Veröffentlicht am 20 Mai 2026
A vet attends to one of the belugas upon its arrival in Valencia (Oceanogràfic Valencia) Ein Tierarzt kümmert sich um einen der Belugas bei dessen Ankunft in Valencia. | Foto: Oceanogràfic Valencia

2024, als der Krieg tobte und die Frontlinien immer näher rückten, rief der Besitzer des NEMO-Delfinariums in Charkiw beim Aquarium Oceanogràfic in Valencia an: „Wir haben zwei Belugas, die hier dringend raus müssen“, teilte er ihnen voller Verzweiflung mit.

Robert Gojceta, verantwortlich für Meeressäugetiere im Oceanogràfic, erinnert sich: „Er wandte sich an uns, um zu fragen, ob wir sie aufnehmen können, weil wir das einzige Aquarium in Europa mit geeigneten Einrichtungen für diese Tiere sind.“

Der Beluga ist eine der kleineren Walarten. Im Aquarium im Nordosten der Ukraine gab es zwei davon: ein 14-jähriges Weibchen namens Miranda mit einem Gewicht von 800 kg und ein 15-jähriges Männchen namens Plombir, das etwa 1.200 kg wog und fast fünf Meter lang war. Zu Beginn des Krieges im Februar 2022 bat der Besitzer des Aquariums (der auch andere Aquarien besitzt, in denen Delfine und Seelöwen untergebracht waren) um Hilfe bei der Beschaffung von Futter für seine Tiere. Die European Aquatic Parks Community schritt sofort zur Tat und lieferte Fisch und andere Vorräte. „Zu diesem Zeitpunkt dachten wir noch nicht daran, die Belugas zu uns zu holen“, erklärt Gojceta.

Monate vergingen, und die russischen Truppen rückten vor, bis die Frontlinie nur noch 800 Meter vom Delfinarium in Charkiw entfernt war. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schützten es mit Sandsäcken. Doch die Belugas „litten wahrscheinlich sehr unter dem Lärm der Explosionen und Bomben“, seufzt Gojceta. Wale leben in einer akustischen Welt: Schall ist ihr wichtigstes Mittel zur Kommunikation, zur Orientierung, zur Nahrungssuche und zur Erkennung von Raubtieren. Deshalb bat der Besitzer schließlich um Hilfe bei der Evakuierung der Tiere.

„In meinen 33 Jahren Berufserfahrung habe ich schon viele Tiertransporte durchgeführt, aber noch nie so einen“, sagt Robert Gojceta. Er arbeitet seit Jahrzehnten in Aquarien, als Trainer von Delfinen und Seelöwen. Jeder Transport von Walen sei komplex, egal ob es sich um einen Beluga, einen Delfin oder einen Orca handelt. Aber dieser hier war „noch viel komplexer“, sagt er. Unter normalen Umständen „gibt es dafür viel Vorbereitungsarbeit: Wir fahren vor Ort, um die Tiere kennenzulernen, sammeln Informationen und kümmern uns um die Logistik und die Genehmigungen.“ In diesem Fall ging das nicht, weil Charkiw so nahe am Kriegsgebiet liegt. Außerdem, so Gojceta, „gab es Menschen, die mit weitaus schlimmeren Problemen zu kämpfen hatten als wir. Also mussten wir improvisieren.“

40 Stunden Rettungsaktion

Der einfachste Weg, Tiere zwischen der Ukraine und Spanien zu transportieren, wäre das Flugzeug, doch der ukrainische Luftraum ist wegen des Krieges gesperrt. Daher war die einzige Möglichkeit, die beiden Belugas zu evakuieren, „auf der Straße nach Moldawien und von dort aus mit dem Flugzeug“, erklärt Gojceta.

The moment one of the belugas rescued from Ukraine arrived at the Oceanogràfic in Valencia. (Oceanogràfic Valencia)
Der Moment, als einer der aus der Ukraine geretteten Belugas im Oceanogràfic in Valencia ankam. l Foto: Oceanogràfic Valencia

Die Rettungsaktion dauerte über 40 Stunden. In einem Lkw wurde zunächst ein großer, luftdichter, mit Wasser gefüllter Tank installiert. Die erste Etappe der Reise war eine Fahrt von etwa 700 Kilometern von Charkiw nach Odessa. Sie dauerte über 12 Stunden. In Odessa wurde ein Notfallbecken eingerichtet, für den Fall, dass die Tiere eine Pause benötigten.

In Odessa trafen die ukrainischen Betreuer*innen auf das Team vom Oceanogràfic in Valencia. Mitarbeiter*innen des Georgia Aquariums und von SeaWorld waren ebenfalls vor Ort, um die tierärztlichen Untersuchungen durchzuführen. Der Konvoi machte sich dann auf den Weg nach Moldawien, wo Gojceta eine Woche zuvor gewesen war, um die Einrichtungen zu begutachten. Im ukrainischen Team konnte nur eine Kollegin mitreisen: Den Männern war die Ausreise untersagt.

Die Reise mit den beiden Belugas im Schlepptau verzögerte sich noch dazu durch die zahlreichen Grenzkontrollen. Doch laut Robert Gojceta kam der schwierigste Moment am Flughafen in Moldawien. „Das Bodenpersonal und die Sicherheitskräfte hatten so etwas noch nie zuvor erlebt und waren sehr beeindruckt.“ Der Flughafen von Chișinău ist jedoch klein und verfügt nicht über die nötige Ausrüstung für den Umschlag großer Frachtmengen. Wie sollte das Flugzeug also mit zwei Walen abheben? „Das war wirklich sehr stressig“, erinnert sich Gojceta. „In Moldawien gab es kein Delfinarium für den Fall, dass etwas schiefgeht und die Belugas nicht in die Ukraine zurückkehren können. Wir mussten deshalb einfach nach Spanien kommen.“

Dafür gab es nur eine Möglichkeit. „Es gibt ein Militärflugzeug, das sich hinten öffnen lässt und über einen Kran an Bord verfügt“, erklärt Gojceta. Doch „das Unternehmen, das dieses Modell herstellt, ist russisch, und wir konnten deshalb nicht damit fliegen.“ In letzter Minute fand das Team ein geeignetes Flugzeug dieses Typs in Aserbaidschan. Es flog nach Moldawien und von dort mit den beiden Belugas an Bord weiter nach Valencia.

Eine „sehr intensive Erfahrung war das“, erinnert sich Robert Gojceta. „Und eine große Erleichterung, als wir endlich abheben konnten.“ Für die ukrainische Tierpflegerin, die die Belugas begleitete, war die Odyssee noch beschwerlicher. „Sie wollte den Tieren helfen, sich einzuleben, sehnte sich natürlich aber auch nach ihrer Familie zurück.“

Heute leben Miranda und Plombir im Oceanogràfic in Valencia, zusammen mit zwei weiteren dort bereits ansässigen Belugas, Kylu und Yulka. Ihre Evakuierung war nur eine von vielen Rettungs- und Umsiedlungsaktionen von Tieren aus Zoos und Parks in der Nähe der Frontlinien in der Ukraine. Ihren Geschichten gehören zu den bemerkenswertesten aber wenig bekannten dieses Krieges.

Allein 2022 wurden laut dem Verein Uanimals mehr als 1.000 Tiere in Sicherheit gebracht, manchmal auf spektakuläre Weise. Darunter nicht nur Katzen, Hunde und Vögel, sondern auch Tiger, Löwen, Bären, Kamele, Pferde, Mufflons, Alpakas, Kühe, Waschbären, Dachse, Füchse, Wölfe, Esel, Schafe, Ziegen, Otter, Schlangen, Salamander, Stachelschweine und Lemuren. Etwa 400 von ihnen wurden außer Landes gebracht.

Mehr als 600 Tiere wurden vom Kiewer Zoo aufgenommen, teilte ein Sprecher gegenüber El Confidencial mit. Darunter befinden sich ein Tiger, mehrere Kamele und Abessinische Bodenhornvögel aus Charkiw. Durch die Neuankömmlinge (sowie Geburten) ist der Bestand des Kiewer Zoos von 1.613 Tieren am 1. Februar 2022 auf 2.050 Tiere Ende November 2025 angestiegen. Der Zoo arbeitet daran, „eine kontinuierliche Futterversorgung und Wintervorräte sicherzustellen, unter anderem dank unserer europäischen Kolleginnen und Kollegen bei der Europäischen Vereinigung der Zoos und Aquarien (EAZA)“, erklärt die Direktorin. Glücklicherweise hat der Krieg selbst keine nennenswerten Schäden verursacht: „lediglich vereinzelte Glasschäden und Schäden an Dächern durch die Druckwellen der Explosionen.“

Die Rettung der Löwen von Charkiw

Ein Zoo, der besonders schwer gelitten hat, ist der Feldman-Ökopark in Charkiw. Die Stadt wurde 199 Tage lang belagert. Vor der Invasion war Feldman einer der größten Tierparks in der Ukraine. Nach einer Reihe gefährlicher Rettungsaktionen konnten insgesamt 4.750 Tiere gerettet werden. „Doch nicht alle Rettungsaktionen waren erfolgreich“, erklärt Sofía Santos, Forscherin am Center for Information Resilience (CIR), in einem Bericht. Die Mitarbeiter*innen des Zoos waren teils gefährlichen Situationen ausgesetzt, und bei einer Rettungsaktion kam ein 15-jähriger Freiwilliger ums Leben. Der von Leonardo DiCaprio produzierte Dokumentarfilm Checkpoint Zoo unter der Regie von Joshua Zeman schildert die riskante Evakuierung der Tiere, darunter Löwen und sogar eine Tapirfamilie. Der Park hat mittlerweile wieder geöffnet. 

Ukrainische Bären in Rumänien, Deutschland, Frankreich und Polen

Im Bärenreservat Zarnesti in der Nähe von Brasov in Rumänien lebt derzeit ein 600 Kilogramm schwerer Braunbär namens Bolik. „Er kam hierher, nachdem der Krieg in der Ukraine begonnen hatte“, erklärt Paula Ciotlos, Vizepräsidentin des Vereins „Millions of Friends“. Bolik wurde im April 2022 mit Unterstützung der lokalen Organisation UAnimals und der gemeinnützigen Stiftung Wild Animal Rescue International aus einem Ferienort in Tscherniwzi im Südwesten der Ukraine evakuiert.

🤝 Dieser Artikel ist Teil des PULSE-Kooperationsprojekts: Kim Son Hoang (Der Standard, Österreich) und Angelina Davydova (n-ost, Deutschland) haben daran mitgewirkt.
👉 Originalartikel auf El Confidencial.

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