Incel: Männliche Einsamkeit ist ein soziales Problem, nicht das Ergebnis von Feminismus

Einsamkeit, insbesondere bei Männern, ist ein soziales Problem, ein Gesundheitsproblem und ein „politisches Schlachtfeld“. Die Ursachen dafür liegen weder in antifeministischen Narrativen noch können sie dem Feminismus zugeschrieben werden. Ein Überblick.

Veröffentlicht am 21 Juli 2026

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Einsamkeit zu den gesundheitlichen Problemen der zeitgenössischen Gesellschaften. Der Bericht, der auch auf „soziale Isolation“, also einen objektiven Mangel an Beziehungen oder Interaktionen eingeht, definiert Einsamkeit als „eine subjektive Erfahrung, die sich auf einen negativen emotionalen Zustand bezieht, der aus einer Diskrepanz zwischen dem gewünschten und dem tatsächlichen Erlebnis sozialer Verbindung resultiert“. Einsamkeit ist nicht nur eine gesundheitliche, sondern auch eine soziale und politische Frage.

Incel und Einsamkeit

In den letzten Jahren hat der Begriff „Incel“ an Bedeutung gewonnen. Vor allem in Zusammenhang mit den terroristischen Anschlägen, die im Namen der Incel-Ideologie als Teil der maskulinistischen Strömungen begangen wurden. Darüber hinaus wurde er bekannt durch die Netflix-Serie Adolescence. Der Begriff, eine Abkürzung für „involuntary celibate“ (unfreiwillige Ehelosigkeit), hat die Debatte über männliche Einsamkeit neu entfacht, aber auch Theorien und Meinungen hervorgebracht, die dekonstruiert werden müssen.

Die polnische Soziologin Katarzyna Dębska schreibt in der Zeitschrift Krytyka Polityczna: „Es wird oft behauptet, dass es für Männer immer schwieriger sei, eine Partnerin zu finden, obwohl es nicht an Frauen mangelt, die eine erfüllende Beziehung aufbauen möchten, aber eine Niederlage nach der anderen erleiden.“ Dębska, Forscherin an der Fakultät für Soziologie an der Universität Warschau, bezieht sich dabei auf das „Kapital“ der Männer auf dem sogenannten Heiratsmarkt - ein Thema, das die Soziologin Eva Illouz in verschiedenen Studien untersucht hat, darunter Why Love Hurts: A Sociological Explanation (2012) oder Unloving: A Sociology of Negative Relations (Oxford University Press, 2018). Sie zeigt darin, dass das männliche „Kapital“ in romantischen Beziehungen noch immer deutlich höher ist als das weibliche.

Das männliche Kapital laut Eva Illouz

Für Illouz ist das männliche Kapital (im Bereich der Heterosexualität) der Wert und die Begehrlichkeit, die ein Mann in romantischen Beziehungen mobilisieren kann. Er tut das dank Faktoren wie sozialem Status, Einkommen, beruflichem Prestige, Autonomie, Selbstbewusstsein, der Fähigkeit, sich nicht zu binden, und dem Zugang zu potenziellen Partnerinnen.
Insbesondere sozial und wirtschaftlich besser situierte Männer akkumulieren also dieses „Kapital“, weil sie sozialen Erfolg, sexuelle Begehrlichkeit und emotionale Freiheit miteinander kombinieren können. Diese Position ermöglicht es ihnen, zu wählen, ob sie sich engagieren oder mehrere Beziehungen gleichzeitig führen und eine gewisse emotionale Distanz wahren wollen. Und das mehr als Frauen. Dieses Kapital ist laut der Soziologin mit der Entwicklung der neoliberalen Gesellschaft einhergegangen, in der es immer weniger Regeln gibt und Strukturen auch im emotionalen und sexuellen Bereich prekärer werden

Dennoch, fährt Dębska fort, ist „das Gesicht der Einsamkeit heute immer häufiger das eines Mannes ohne Partnerin. Obwohl Studien zeigen, dass eine romantische Beziehung Männern größere Vorteile in Bezug auf psychische und physische Gesundheit bringt als Frauen, die häufiger Teil umfangreicher sozialer Netzwerke sind.“ Sie kommt deshalb zu dem Schluss, dass „männliche Einsamkeit ein reales Problem ist, das sowohl von Forscher*innen als auch von öffentlichen Institutionen, Parteien und politischen Kreisen ernst genommen werden sollte, insbesondere von denen, die sich Gleichstellung der Geschlechter und Gleichheit im Allgemeinen zum Ziel setzen.“

Einsamkeit als „politisches Schlachtfeld“

Was sind die Ursachen für männliche Einsamkeit? Die Antwort auf diese Frage, so Dębska, sei ein „politisches Schlachtfeld“. Für die „Manosphäre“ und anti-gender Verfechter*innen liegt die Schuld an der weiblichen Emanzipation - eine Rhetorik, die dringend widerlegt werden muss. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Position von Frauen in der Gesellschaft gestärkt. Der Zugang zu Bildung und Arbeit hat nicht nur die klassischen Geschlechterrollen infrage gestellt, sondern auch die Bildung von Paaren: „Um diese Entwicklung zu vervollständigen, muss auch über das sexuelle und emotionale Kapital gesprochen werden. Genau das tun die Soziologinnen Dana Kaplan und Eva Illouz in ihrem Buch What is Sexual Capital?.

Darin wird gezeigt, dass sowohl körperliche Eigenschaften und Verhaltensmerkmale, die hochgeschätzt werden, als auch solche, die ein Individuum sozial diskreditieren, von historischen und kulturellen Faktoren abhängen. So wie beispielsweise Jungfräulichkeit in bestimmten Epochen und Kontexten angesehen war, wohingegen heute eine hohe Anzahl von Geschlechtspartner*innen (insbesondere bei Männern) als erfolgreich gilt“ , erklärt Dębska. „Wie die Soziologinnen bemerken, erhöht sexuelles Kapital das Selbstwertgefühl der Individuen und trägt dazu bei, ein Gefühl von Handlungsfähigkeit und Kontrolle über das eigene Leben aufzubauen.“

Dębska fügt hinzu, dass es vor allem Männer aus der Arbeiterklasse sind, die diese Unterschiede am stärksten wahrnehmen: „Diese Männer können aufgrund ihrer Klassenposition die hegemoniale Männlichkeit nicht verkörpern. Also jene, die die australische Soziologin Raewyn Connell als die in einer bestimmten Gesellschaft begehrteste beschreibt. Eine, die mit dem Besitz eines Vorteils nicht nur gegenüber Frauen, sondern auch gegenüber anderen Männer sowie mit Respekt und Anerkennung ihrerseits verbunden ist.“

Stimmen „unfreiwilliger Single-Männer“, die keine Incels sind

In einem Artikel für die unabhängige tschechische Zeitung Deník Referendum hat die Journalistin Petra Dvořáková acht Männer getroffen, die ihr von ihrer unfreiwilligen Ehelosigkeit erzählt haben. Keiner von ihnen besucht regelmäßig Incel-Foren oder identifiziert sich mit dem Hass auf Frauen. Alle berichten von einem tiefen Leiden, das mit Isolation, geringem Selbstwertgefühl, Beziehungsproblemen, Traumata, Mobbing, Depressionen und oft mit Symptomen oder Diagnosen von ADHS oder Autismus verbunden sind. „Die meisten erzählten, dass ihr schüchterner und nicht wettbewerbsfähiger Charakter nicht den Idealen der traditionellen patriarchalen Männlichkeit entspricht“, erklärt Dvořáková. „Relationale und emotionale Fähigkeiten sind ein Privileg, das denen vorbehalten ist, die von emotional reifen Eltern geboren wurden“, sagt einer der Befragten.

„Ich heiße Tomáš, bin 38 Jahre alt und es ist unmöglich, mich zu lieben.“ So beginnt das erste Interview von Dvořáková. „Ich identifiziere mich nicht mit dem Etikett Incel und ich mag es nicht, wenn Menschen in Schubladen gesteckt werden, aber als unfreiwillig Eheloser stört mich, wie dieses Etikett in Diskussionen und in den Medien behandelt wird.” Tomáš ist arbeitslos aufgrund chronischer Depression und hat seit seiner Jugend mit Suizidgedanken zu kämpfen. Er beschreibt sich als jemand, den man nicht lieben kann. Er erzählt, wie er versucht hat, Freundschaften mit Frauen aufzubauen.

In der Hoffnung, dass sie zu Beziehungen werden, sich aber zurückgezogen hat, wenn er als Freund wahrgenommen wurde. Er beansprucht kein Recht auf Sex oder Liebe, aber erlebt jede Ablehnung als Bestätigung dafür, ausgeschlossen zu sein. Für ihn ist Sex nicht nur Genuss, sondern auch ein Gefühl von Teilhabe an der Welt.

Laut Daten in der Tschechischen Republik hatten etwa 6 % der Frauen und 9 % der Männer noch nie Geschlechtsverkehr; unter den 18- bis 25-Jährigen steigt der Anteil auf fast ein Viertel der Frauen und über ein Drittel der Männer. Dvořáková zitiert Studien, die zeigen, dass alleinstehende Frauen im Durchschnitt zufriedener sind als Männer, weil sie häufiger über emotionale Netzwerke und Freundschaften verfügen, während viele Männer emotionalen Rückhalt fast ausschließlich durch eine Partnerschaft erhalten.

„Als Mann hast du keinen Ort, um emotionale Unterstützung zu finden. Mir hat immer jemand gefehlt, dem ich Dinge anvertrauen kann, über die man nicht mit Männern sprechen kann“, schreibt Peter an Dvořáková. Der Mann ist über dreißig, lebt mit seiner Mutter in einem slowakischen Dorf und lehnt persönliche Treffen ab, weil er misstrauisch ist. Über zehn Jahre lang war er Opfer von Mobbing und sagt, er habe schon als Kind gespürt, dass andere „gefährlich“ seien. Peter findet sich in Gruppen nicht zurecht. Wenn er versucht, sich einzugliedern, wird ihm gesagt, er müsse mehr Selbstvertrauen haben.

„Was auch immer man von der traditionellen Rollenverteilung halten mag, ist es eben doch ein System mit klaren Regeln. Heute weiß niemand, was von Männern erwartet wird. Auf der einen Seite hört man: ‚Ich will einen sensiblen Mann, ich möchte die Geschlechterrollen abschaffen‘, auf der anderen Seite: ‚Heute wissen Männer nicht mehr, wie sie Männer sein sollen.‘ Das ist verwirrend für jemanden wie mich, der Schwierigkeiten hat, soziale Regeln zu verstehen“, erzählt Lukáš, 25 Jahre alt. Auch er ist ein Mobbingopfer und hat nach einer unerwiderten Liebe Hilfe in der „Red Pill“-Kultur gesucht.

Diese begründet das Leiden der Männer mit einer durch die Emanzipation entstandenen Unordnung und fordert die Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen. Lukáš sagt jedoch, dass er auch daran nicht mehr glaube.

Laut Dvořáková verkörpern alle diese Männer nicht das dominante patriarchale Modell, sondern leiden selbst unter dessen Auswirkungen. Sie sind nicht stark, wettbewerbsfähig, charismatisch oder sexuell aktiv und werden gerade deswegen marginalisiert. Das Patriarchat, schreibt Dvořáková, schadet nicht nur Frauen, sondern auch Männern, die sich nicht an die dominante Männlichkeit anpassen können oder wollen. 

Dvořáková ist der Meinung, dass es kurzsichtig und falsch ist, Männer in unfreiwilliger Ehelosigkeit auf misogyne Karikaturen zu reduzieren. “Eine Minderheit kann sich radikalisieren, und Gewalt von Incels existiert natürlich”, sagt sie. Aber die Mehrheit leidet stumm. Für Dvořáková könnten viele dieser Männer durch mehr Fürsorge, Zuhören und frühzeitige Interventionen Verbündete in der Kritik des Patriarchats werden. Anstatt in verbitterte und reaktionäre Gemeinschaften gedrängt zu werden.

 Einsamkeit in Zahlen 

Laut einer Gallup-Umfrage sind junge Männer in den USA unter den einsamsten: Nach Daten von 2023 und 2024 gaben 25% der Männer im Alter von 15 bis 34 Jahren an, sich am Vortag sehr einsam gefühlt zu haben. Ein Prozentsatz, der über dem Durchschnitt der Bevölkerung ist, der bei 18 % liegt und in etwa auch dem von Einsamkeit junger Frauen entspricht.

In weiteren neun OECD-Ländern gibt mindestens jeder fünfte junge Mann an, sich einsam zu fühlen. Spitzenreiter sind junge Männer in der Türkei (29 %), gefolgt von denen in Frankreich (24 %), Irland (23 %) und Kanada (22 %). In den meisten OECD-Ländern entspricht der Einsamkeitslevel junger Männer dem des nationalen Durchschnitts. Nur in drei Ländern – USA, Island und Dänemark – ist ihre Rate höher als die der Erwachsenen insgesamt.

Im Gegensatz dazu geben junge Männer in folgenden neun Ländern an, sich weniger allein zu fühlen als der Rest der Bevölkerung: Slowakei (4 % gegenüber 15 %), Griechenland (15 % gegenüber 25 %) und Kolumbien (14 % gegenüber 23 %). Gallup erhebt diese Daten seit 2023.

Eine OECD-Studie aus dem Jahr 2025 zeigt, dass Männer und junge Menschen allgemein seit 2018/19 eine Verschlechterung ihrer sozialen Bindungen erfahren haben. Laut derselben Studie leiden Frauen von einem leicht höheren Einsamkeitsgefühl, während Männer von weniger sozialer Unterstützung berichten. Insgesamt sind die Unterschiede jedoch minimal.

Die erste EU-Umfrage zum Thema Einsamkeit von 2022 zeigt, dass im Durchschnitt 13 % der Befragten angaben, sich in den vier Wochen vor der Umfrage oft oder immer einsam gefühlt zu haben. 35 % gaben an, dieses Gefühl gelegentlich zu haben. Signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede gibt es in dieser Studie nicht. Einsamkeit ist am weitesten verbreitet in Irland (20 %), gefolgt von Luxemburg, Bulgarien und Griechenland. Die niedrigsten Werte werden in den Niederlanden, der Tschechischen Republik, Kroatien und Österreich (alle unter 10 %) beobachtet. Diese Umfrage hat mehrere Veröffentlichungen hervorgebracht, die hier zu entdecken sind.
🤝 Dieser Artikel ist Teil des kollaborativen PULSE Projekts. Für die Redaktion wurde das Material verwendet, das von Petra Dvořáková (Deník Referendum, Tschechische Republik) im Rahmen einer Artikelreihe über Maskulinismus von den Projektpartnern gesammelt wurde.

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