Analyse Die Europäer und die COVID-19 | Die Balten

Corona-Müdigkeit, Pandemie-Leugner und Lockdown-Geeks

Lettland, Litauen und Estland sind zwar Nachbarn, doch sind sie die Pandemie auf unterschiedliche Weise angegangen – zum Guten und zum Schlechten, wie Anna Ūdre aus Riga zeigt.

Veröffentlicht auf 28 Dezember 2020 um 09:57

Im Mai 2020, als andere Länder ihre Grenzen schlossen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, hoben die drei baltischen Staaten die Reiseeinschränkungen untereinander auf, um den Menschen innerhalb der Region Freizügigkeit zu gewähren – ohne Isolationspflicht. Die Einführung der sogenannten “Baltic travel bubble” wurde von den Esten und von EU-Institutionen begrüßt und ermutigte andere Mitgliedstaaten, diesem Beispiel zu folgen.

Die drei baltischen Staaten konnten die „Baltic bubble“ eine Zeit lang über den Sommer aufrechterhalten, aber als die Fallzahlen im September in allen drei Staaten stiegen, platzte die „Blase“. Lettland kehrte zur 14-tägige Quarantäne für Reisende aus den Nachbarstaaten zurück, und bald mussten alle baltischen Länder Restriktionen einführen, um der zweiten Pandemie-Welle Paroli zu bieten.

Corona-Müdigkeit bei den Letten

Die Pandemie erreichte Lettland Anfang März. Die ersten Menschen, die das Virus mit nach Hause brachten, waren aus Mailand zurückgekehrt. Am 13. März wurde der Ausnahmezustand verhängt. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur 20 bestätigte Infektionen und keine Toten. Der internationale Reiseverkehr wurde gestoppt, die Menschen aufgefordert, zu Hause zu bleiben und wenn möglich von dort aus zu arbeiten. Die Schulen wurden geschlossen, die Frequenz der Testungen erhöht und Strafen für Verstöße gegen die Einschränkungen eingeführt. Der Ausnahmezustand wurde schließlich bis Juni verlängert und nur wenige Einschränkungen gelockert.

Zu diesem Zeitpunkt war die Situation noch nicht kritisch, und die Mehrheit der Bevölkerung - fast 70% - betrachtete die Einschränkungen als sinnvoll und notwendig. Auch wenn es kleinere Gruppen gab, die gegen die Einschränkungen eintraten, war dieser Teil der Gesellschaft weniger lautstark und sichtbar. Diese Situation hat sich während der zweiten Pandemie-Welle geändert. Die Zahl jener, die den Informationen der Regierung vertrauen, fiel auf 53%, während die Zahl jener, die ihnen nicht trauen, von 28% auf 37% stieg. Nurmehr 43% stimmen den neuen Einschränkungen zu.

In den sozialen Netzwerken gibt es aktive Gruppen, die offen Kritik an jeglichen staatlichen Einschränkungen üben, ebenso wie an den Medien, weil diese „Befehle von der Regierung annehmen und Fake News verbreiten“. Eine dieser Gruppen – „Tautas Varas Fronte“ – organisierte eine Demonstration in der Nähe des Freiheitsdenkmals in Riga. Dort stellte sie die Existenz von COVID-19 und die verhängten Maßnahmen in Frage und riefen dazu auf, gegen die Regierung zu ermitteln. Einige Dutzend Menschen nahmen an dieser Veranstaltung teil, doch online beliefen sich die Followerzahlen manchmal auf Tausende. Obwohl der Virus sich weiter ausbreitet, steigt ebenso die Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation und der Regierung.

Während der zweiten Welle führte Professor Anda Rožukalne von der „Rīga Stradiņš University“ (RSU) eine Studie über die Einstellung der lettischen Gesellschaft zu coronabezogenen Nachrichten durch. Mehr als die Hälfte der 1005 Befragten verfolgte regelmäßig die wichtigsten Nachrichten zu COVID-19, doch fast genauso viele sagten, dass sie das Interesse daran verloren hätten oder ihrer müde seien. 32% gaben an, dass sie bewusst coronabezogene Nachrichten meiden. Nachrichten haben einen bedeutenden Einfluss: 37% der Befragten stimmten zu, dass coronabezogene Nachrichten zu verfolgen, ihnen ein Gefühl der Sicherheit gibt und ihre Lebensplanung erleichtert. Mehr als die Hälfte (53%) gaben zu, dass sie das Interesse an COVID-19-Nachrichte verloren hätten oder ihrer müde seien. Interessensverlust führt zu aktiver Meidung. Jene, die interessierter sind, gaben seltener an, dass sie aktiv Corona-Nachrichten meiden; während 76% derjenigen, die nicht besorgt sind, sagten, dass sie Corona-Nachrichten meiden. 39% der Befragten zweifelten am Wahrheitsgehalt der Nachrichten. In der Mehrzahl waren dies jene, die unbesorgt sind.

Eine Reihe von lokalen populären Schauspielern, Sängern und Künstlern riefen dazu auf, den verhängten Maßnahmen Folge zu leisten. Sie stellten mehrere Videos in die sozialen Netzwerke (sowohl individuelle als auch kollaborative), in denen sie die Menschen dazu auffordern, Maske zu tragen und (ausgenommen in Ernstfällen) zu Hause zu bleiben. Besonders Künstler, die selbst positiv getestet worden waren, bekannten sich öffentlich dazu, dass sie sich angesteckt hatten, weil sie im Tonstudio keine Maske trugen und nicht darauf bestanden, dass ihre Kollegen und Freunde dort ebenfalls eine tragen.

Die Litauer verfallen dem Sirenengesang der Verschwörungstheoretiker

In Litauen wurden die ersten Fälle schon früh – bereits im Februar – registriert. Sie waren ebenfalls aus Italien importiert. Ein landesweiter Lockdown wurde Anfang März verhängt und mehrmals verlängert. Während der ersten Welle gab es in Litauen einige Dutzend Fälle pro Tag. Im Zuge des Lockdowns wurde ein weitgehendes Versammlungsverbot eingeführt, sämtliche Bildungseinrichtungen mussten auf online-Lehre umschalten und Museen, Kinos und Fitnesscenter wurden geschlossen.

Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts „Baltijos tyrimai“, waren Ende Mai 63% mit der Arbeit der Regierung während der Quarantäne zufrieden (28% fanden sie nicht erfolgreich). Weiters bewerteten 60% die Arbeit ihrer Gemeinde positiv (24% dagegen negativ). Besonders Frauen und junge Menschen beurteilten die Arbeit der Regierung und der Gemeinden am besten.

Doch auch die Litauer waren mit den während der zweiten Welle eingeführten Maßnahmen nicht mehr so zufrieden. „Die Unzufriedenheit der Menschen ist vollkommen gerechtfertigt. Die Armee der Menschen, die wütend über die Einschränkungen sind, wächst schnell – nicht nur auf der ganzen Welt, sondern auch in Litauen“, sagt Dainius Kepenis, ein Abgeordneter des „Bundes der Bauern und Grünen Litauens“ zum Baltic News Network (BNN). Die Gegenreaktion auf die strenge Quarantäne wächst in Litauen. Es begann Ende Oktober, als in allen größeren litauischen Städten – in Vilnius, Kaunas, Klaipeda und fünf weiteren – der Lockdown verhängt wurde.

Auch in kleineren Bezirken wurde er eigeführt. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich bereits 21 litauische Gemeinden im Lockdown und es herrschte eine Maskenpflicht an allen öffentlichen Plätzen. Laut BNN unterschreiben mehr und mehr Menschen Petitionen gegen den Lockdown, da ihre Geduld am Ende ist. Viele Unternehmer, die während der ersten COVID-19-Welle die Einschränkungen befolgt und ihre Klienten ermutigt haben, zu Hause zu bleiben und die staatlichen Anordnungen zu respektieren, zeigen sich nun weniger kooperativ. Z.B. findet Vidmantas Šiugždinis, CEO von „Impuls“, der größten Fitnessstudio-Kette Litauens, dass Sportvereine zu schließen, eine überflüssige und unlogische Maßnahme im Kampf gegen Corona sei.

Zusätzlich dazu sprießen die Verschwörungstheorien, und die Zahl der Menschen, die glauben, dass die Pandemie eine weltweite Verschwörung von pharmazeutischen Unternehmen ist, nimmt zu. BNN berichtet sogar von Fällen, wo zumindest ein Dutzend Litauer sich in Corona-Stationen örtlicher Krankenhäuser einschlichen, um diese halbleer zu filmen und damit zu zeigen, dass die Situation gar nicht so dramatisch sei, wie die Regierung und Krankenhäuser den Menschen weismachen wollten. Einer der „Pandemieleugner“ sagte auf Anfrage zu BNN: „Menschen werden mit dem Virus an der Nase herumgeführt und verschreckt, in Wahrheit ist die tatsächliche Zahl der Toten maßlos übertrieben […] Jeder Todesfall wird auf Corona zurückgeführt.“

Die Zahl neuer Corona-Fälle steigt stetig, und obwohl die Welt ungeduldig auf den Impfstoff wartet, bleiben viele skeptisch, so auch Dainius Kepenis, der BNN sagte, dass „die Entwicklung des Impfstoffs übereilt ist und man seine Nebenwirkungen nicht kennt. Ich fürchte, die Unzufriedenheit wird einen Siedepunkt erreichen, an dem Regierungen – unsere eingeschlossen – erstmal mit den anti-Lockdown-Unruhen fertigwerden müssen.“

Esten waren bereits Lockdown-konform

Der erste COVID-19-Fall wurde in Estland am 26. Februar registriert. Diese Person war über Riga aus Istanbul angereist. Am 12. März wurde der Ausnahmezustand verhängt. Bis zum 8. April wurden nur diejenigen Menschen auf Corona getestet, die Symptome zeigten und Begleiterkrankungen hatten, oder jene, die älter als 80 waren. Ab dem 8. April wurden alle Menschen mit Symptomen getestet, unabhängig von Begleiterkrankungen oder Alter. Darüber hinaus wurden systemrelevante Personen (Gesundheitspersonal, Polizei, Grenzbeamte, etc.) durchgehend getestet. Eine COVID-19-Infektion wurde in der ersten Hälfte 2020 bei etwa 0,2% der Bevölkerung diagnostiziert. Die Rate der gemeldeten Fälle war Ende Juni stark gesunken.

Anfang Oktober begannen die Esten wieder zunehmend Gefahr im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Virus zu wittern. 58% stufen die Situation als kritisch ein. 73% sind darüber besorgt, dass jemand sie mit Corona anstecken könnte, ohne es zu wissen. 83% der Esten sind laut einer Untersuchung des Sozialministeriums bereit, eine Maske in unterschiedlichen Orten und Situationen zu tragen. Während noch im September 55% der Bevölkerung die Corona-Situation als kritisch einstuften, waren es im Oktober 58%. 21% glauben, dass die aktive Krise zwar vorbei ist, aber man nach wie vor wachsam sein und die Sicherheitsmaßnahmen befolgen sollte. 2% glauben, dass die Krise komplett vorbei ist.

Im Vergleich zu September hat das Tragen von Masken und die Anzahl der Menschen, die Veranstaltungen und öffentliche Verkehrsmittel meiden, zugenommen. Die höchste Bereitschaft Masken zu tragen zeigte sich bei Arztbesuchen (75%), in öffentlichen Verkehrsmitteln (67%) und Einkaufszentren (60%). Die Bereitschaft, Masken auf privaten Feiern zu tragen, bleibt am niedrigsten.

Ende November wurden neue Einschränkungen mit Bezug auf Masken, Abstand und Indoorveranstaltungen eingeführt. COVID-19 verbreitet sich immer noch am schnellsten unter Jugendlichen und das Gesundheitsamt („Terviseamet“) sagte: „In den letzten Wochen gab es einen signifikanten Anstieg von Coronavirus-Fällen in der Altersgruppe 10-19.“ Die Regierung überarbeitete seine Anweisungen zur Freizeitgestaltung. Das nächtliche Alkoholverkaufsverbot wurde bis zum 26. Januar verlängert. Dieses untersagt allen Lokalitäten wie Restaurants, Bars und Nachklubs das Ausschenken von Alkohol zum Konsum vor Ort von Mitternacht bis 10 Uhr morgens.

Während Litauen unter einem landesweiten Lockdown und Lettland im Ausnahmezustand lebt, hat Estland weniger strengere Einschränkungen, so sind Konzerte und Theateraufführungen weiterhin erlaubt.

Die estnische Regierung hat weitere Maßnahmen erlassen, die die Ausbreitung des Virus verhindern sollen. So wurden die Öffnungszeiten von Unterhaltungsetablissements und Veranstaltungsorten weiter eingeschränkt und die Zahl der Menschen, die gleichzeitig Geschäfte aufsuchen dürfen, heruntergesetzt. Diese neuen Maßnahmen traten am 5. Dezember in Kraft.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich Estland im Vergleich zu den anderen baltischen Ländern leichter tut, die zweite Corona-Welle zu überstehen. Was könnten die Gründe dafür sein? Anfang März verhängte Estland den Ausnahmezustand, Schloss seine Grenzen und führte einen kompletten Lockdown ein. Doch während andere Länder damit kämpften, Schulschließungen und Beeinträchtigungen bei essentiellen Dienstleistungen zu kompensieren, konnte Estland auf seine belastbare digitale Infrastruktur zurückgreifen, die es in den letzten Jahrzehnten aufgebaut hatte. Digitale Klassenräume, online-Unterrichtsmaterialien und eine große Zahl von online-Diensten im öffentlichen Sektor standen bereits zur Verfügung. Vor allem aber, wussten die Esten diese zu nutzen.

Estland hatte bereits lange vor der Pandemie eine der fortschrittlichsten digitalen Gesellschaften aufgebaut, in der es Dienste wie elektronische Abstimmungen, online-Klassen, digitale Bürokratie und ein digitales Gesundheitswesen gab. Dies machte während der Corona-Krise den Unterschied aus. Manche öffentliche Dienstleistungen mussten gar nicht umstellen, da sie bereits digitalisiert waren. Andere passten sich schnell an die neue Situation an. Während des Lockdowns blieben 99% der Behördendienste online verfügbar. Es bestanden bereits online-Optionen für solche alltäglichen Vorgänge wie Registrierungen von Eigentum und Unternehmen, oder Anträge auf Sozialleistungen. Manche Leistungen wie z.B. Familienbeihilfen werden automatisch durch die Geburt eines Kindes in Gang gesetzt.

Digitale Gesundheitsakten und e-Rezepte entlasteten das Gesundheits- und Pflegepersonal für den Kampf gegen die Pandemie. Starke öffentlich-private Partnerschaften sorgten für kontaktlose Optionen im Alltag, unter anderem bei Grenzübertritten. Estlands Regierung hat sich mit Hingabe der Digitalisierung gewidmet. Noch vor der Krise konnte sie digitale Treffen abhalten. Die Mitglieder nutzten dabei ihre elektronischen Identitäten, um daran teilzunehmen. 87% der Schulen nutzten bereits vor der Krise e-Inhalte. Estnische Lehrer sind in digitalem Unterricht und Internet-Sicherheit ausgebildet. Bereits 2015 setzte sich dieses Land das Ziel, alle Unterrichtsmaterialien zu digitalisieren.

In Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll Stiftung – Paris


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