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Das Fake News Geschäft

Fake News sind nicht immer ideologisch motiviert. Im Gegenteil, die meisten Fake News im Internet dienen in erster Linie dazu, Geld zu verdienen. Wie ein Bericht aus fünf osteuropäischen Ländern zeigt, stützt sich das Geschäft mit der Desinformation stark auf Facebook und Google Ads.

Veröffentlicht auf 28 August 2020 um 09:30

Über die mazedonischen Teenager wurden zahlreiche Berichte geschrieben. Während der US-Präsidentschaftswahl 2016 haben sie mit dem Verfassen und Verbreiten gefälschter Nachrichten viel Geld verdient. Inzwischen wurden zahlreiche Fachbücher zum Phänomen der Fake News veröffentlicht. Allerdings wurde der kommerzielle Aspekt der Desinformation bisher kaum untersucht. 

Seit Februar 2019 werden vom Center for Media, Data and Society der Central European University Daten über Einzelpersonen und Unternehmen gesammelt, welche Desinformations-Websites in fünf mittel-und osteuropäischen Ländern betreiben oder besitzen, nämlich Bosnien und Herzegowina, Ungarn, Moldawien, Rumänien und Slowakei. Ziel ist es, Daten über unabhängige (d. h. nicht zum Mainstreams gehörende), lokale Falschinformations-Websites in jedem Land zu sammeln. Untersucht werden Eigentumsverhältnisse, Management, Finanzierungsquellen, erzielte Einnahmen und Verbindungen zu anderen Einrichtungen wie Unternehmen oder politischen Parteien.

Von Zombies, die im Dienst der ukrainischen Armee im Donbass kämpfen, über Migranten, die auf einem Grab eines ungarischen Friedhofs picknicken, bis hin zu George Soros, der Menschen 7 Euro geschenkt haben soll, damit diese mit ihren Haustieren an einer Demo in Rumänien teilnehmen. An Fake News mangelt es in den untersuchten Ländern nicht. Ausgefallene Verschwörungstheorien, magische Heilmittel und aufrührerische Anschläge gegen Politiker tragen in jedem der untersuchten Länder zu einem regen Geschäft mit Fake News bei.

Einnahmequellen

Die Vorgehensweise der Websites, um Einnahmen zu generieren, ist in den fünf Ländern ähnlich. Allerdings gibt es länderspezifische Unterschiede bezüglich des Ausmaßes und des Erfolgs. Die Desinformations-Websites in der Slowakei scheinen über das am weitesten entwickelte Business-Modell zu verfügen. Die Firma hinter der bedeutendsten slowakischen Fake News Website zemavek.sk erzielte 2018 einen Umsatz von 430.906 Euro. Die zweiterfolgreichste Website hlavnespravy.sk verdiente 153.965 Euro, gefolgt von extraplus.sk mit 133.196 Euro.

Für die anderen Länder gibt es kaum Informationen zu den erzielten Umsätzen Nach Schätzung einer ungarischen Anti-Fake-News-Aktivisten-Gruppe soll die bedeutendste ungarische Desinformations-Website 2018 zwischen 30.700 und 36.800 Euro monatlich verdient haben (vor Löschung ihrer zahlreichen Facebook Seiten). 

Im Gegensatz dazu erklärte der Besitzer eines inzwischen nicht mehr existierenden Fake News Netzwerkes in Moldawien, dass er 2017 höchstens 200 Dollar pro Monat verdiente. Und in Rumänien sind die Unternehmen hinter drei Fake News Seiten nicht nur finanziell instabil, sondern auch mit bis zu 70.000 Euro verschuldet. Diese drei Unternehmen waren Teil einer kleinen Gruppe. Die Mehrzahl der Websites aber wird von Personen betrieben, die kaum aufzuspüren sind. Die Einnahmen, die in Bosnien und Herzegowina durch Falschinformations-Websites erzielt wurden, konnten nicht ermittelt werden.

Unterdessen ist mehr zu den Methoden zu finden, die von diesen Websites angewandt werden, um ihren Umsatz zu fördern. Slowakische Desinformations-Websites stützen sich in der Regel auf Werbung, E-Commerce, Crowdfunding und Steuerbestimmungen (Möglichkeit für einen Steuerzahler in der Slowakei 2% seiner Steuerschuld berechtigten Unternehmen zur Verfügung zu stellen). Die jährlichen Werbeeinnahmen von Desinformations-Websites in der Tschechischen Republik und der Slowakei beliefen sich im Jahr 2017 auf insgesamt 930.000 bis 1,27 Mio Euro. Nachdem eine Lobbygruppe Werbungsagenturen unter Druck gesetzt hat, damit diese kein Geld an Desinformations-Websites zahlen, wurden Berichten zufolge 17.000 Werbekampagnen eingestellt. Die Websites mußten andere Einnahmequellen finden. Eine davon ist Crowdfunding. Die Website slobodnyvysielac.sk verdiente 2018 mit ihren Lesern fast 100.000 Euro. Zemavek.sk ist ebenso erfolgreich. Die Firma generiert Einnahmen durch den Verkauf von Waren, Dienstleistungen und steuerliche Einstufung.

In anderen untersuchten Ländern ist die Werbung die Haupteinnahmequelle von Desinformations-Websites. Einige sind so übersät mit Werbung, dass das Surfen erschwert wird. Man hat den Eindruck, dass die Veröffentlichung von Artikeln nur als Vorwand dient, um Werbespots einzublenden. Eine typisch fiktive Geschichte, die man auf einer ungarischen Desinformations-Website findet, zeigt, wie der Sohn von Viktor Orbán ungarische Leute beschimpft: Insgesamt werden für 200 Wörter 40 Werbeannoncen eingeblendet. Den Fehlern nach zu urteilen, scheint es so, als wurde im Artikel selbst wenig Wert auf die Schreibkunst gelegt. 

Die meisten Websites benutzen die Google Ads Plattform, um Werbung einzublenden. Direkte Werbebanner werden zwar benutzt, jedoch viel seltener. Die von den Websites verlangten Preise für Werbebanner kann man herausfinden. Die zur Zeit erzielten Einnahmen sind jedoch schwer zu ermitteln. Eine wenig bekannte extrem politische Website in Ungarn gab zum Beispiel eine wöchentliche Preisspanne für Werbebanner von 3.000 bis 5.900 Euro an. Auf der Website selbst wurden jedoch ausschließlich Anzeigen über die Google-Plattform gefunden.

Die in der Slowakei verwendeten Umsatzquellen, die nicht aus der Werbung stammen, werden in anderen Ländern weniger geschätzt. Der Einsatz von Crowdfunding wird in Rumänien und Ungarn nur sporadisch probiert. Er scheint jedoch keinen Erfolg zu haben. In Rumänien bittet eine Website um steuerliche Vergünstigungen. Diese Methode findet in anderen Ländern aber keinen Anklang. Möglicherweise weil die juristischen Rahmenbedingungen anders sind. Es gibt Beispiele von Websites in Rumänien und Ungarn, die ihre Einkünfte durch den Verkauf von Waren oder Dienstleistungen erzielen. In Rumänien wurde eine Website als Geschäftsfassade für den Laden des Eigentümers in Bukarest identifiziert, der “dakische” Produkte verkauft. in Ungarn bietet eine Website Kreditdiensleistungen an. Außerhalb der Slowakei ist der Verkauf von Waren und Dienstleistungen jedoch nicht die Haupteinnahmequelle.

Während slowakische Desinformations-Websites nach anderen Lösungen suchten, um Einkünfte zu generieren, nachdem ihnen ein Teil der Werbeeinnahmen gestrichen wurde, verfolgten Bosnien und Herzegowina eine andere Strategie. Sobald Google merkt, dass Websites Fake News nutzen, um Klicks zu generieren und keine Werbung mehr für sie schaltet, geben die Eigentümer in Bosnien und Herzegowina die Websites einfach auf und erstellen eine neue mit demselben Inhalt. Dieses Phänomen erklärt die hohen Schwankungen unter den Desinformations-Websites im Land. Eine solche Fluktuation wurde auch in Ungarn beobachtet, obwohl diese auch zum Teil durch die Androhung rechtlicher Verleumdungsklagen erklärt werden kann.

In Moldawien verschwinden die Desinformations-Websites auch sehr schnell, aber vermutlich eher aus wirtschaftlichen Gründen. Moldawien zählt dreieinhalb Millionen Einwohner, die Rumänisch und sogar oft Russisch sprechen. Das bedeutet, dass lokale Medien, einschließlich lokaler Desinformations-Websites, mit größeren und finanziell besser gestellten rumänischen und russischen Medien konkurrieren.

Die kurze Lebensdauer der Desinformations-Websites in Bosnien und Herzegowina, in Ungarn und Moldawien ist ein Zeichen für die Fluidität in der Fake News Szene dieser Länder. Sie steht im Gegensatz zum Fake News Geschäft in der Slowakei, wo die Akteure sehr gut etabliert sind. So stellt sich die Frage, wie Desinformations-Websites mit ständig wechselnden Domain-Namen ihr Publikum weiter finden, oder umgekehrt: Wie das Publikum weiterhin seine bevorzugten Desinformationsinhalte findet. Die Antwort ist ganz einfach: Über Facebook.

Facebook

In allen fünf Ländern nutzen die Desinformations-Websites Facebook in erster Linie, um ihre Leser zu erreichen. In Moldawien macht eine neue Desinformations-Website den Zugang zu ihren Artikeln über Facebook möglich. In der Slowakei beziehen bestimmte Websites 80% ihres eingehenden Datenverkehrs über soziale Netzwerke, hauptsächlich über Facebook. In Ungarn läuft der Datenverkehr von Desinformations-Websites komplett über Facebook. Und in Rumänien wäre das Wirtschaftsmodell der Desinformations-Websites ohne Facebook (und die Werbeplattform von Google) gar nicht existenzfähig.

In Bosnien und Herzegowina und in Ungarn hilft Facebook üblichen Websites, ihre Leserschaft bei der Stange zu halten. Obwohl Desinformations-Websites oft nur kurzfristig verfügbar sind, sind ihre Facebook-Seiten ausdauernder. Diese scheinen außerdem oft mit den auf ihnen geposteten Fake News nicht viel gemein zu haben. In Bosnien und Herzegowina dienten Facebook-Seiten zunächst als Fanseiten von Prominenten und wurden später in Desinformations-Websites umgewandelt. In Ungarn veröffentlichen inzwischen Seiten Fake News, die früher ein breites Interessenangebot - von Holzschnitzerei bis zur Nostalgie der 1980er Jahre -  bedienten. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Facebook-Seiten sich auf natürlichem Wege derart verändert haben. Die ungarischen Ermittlungen deuten auf  Anzeichen für einen  Schwarzmarkt mit Facebook-Seiten und Facebook-Gruppen hin. Die Preise für die Seiten lassen vermuten, dass Werbung die Haupteinnahmequelle von Desinformationsseiten ist. Die wertvollste Facebook-Zielgruppe sollen “Frauen über fünfzig” sein, da diese keine Adblocks verwenden. 

In Ungarn werden Desinformationsbeiträge oft für Facebook optimiert. Diese “Artikel” ähneln stilistisch und inhaltlich oft vielmehr Facebook-Beiträgen als echten Nachrichtenartikeln. Sie sind oft in der ersten Person im Singular geschrieben und fordern ihre Leser auf, sie zu teilen. Dies zeigt, wie bedeutsam Facebook für  Desinformations-Websites ist.

Facebook ermöglicht auch Cross-Posting und Re-Posting. Fake News, die auf einer bestimmten Website veröffentlicht werden, werden auf Facebook-Seiten geteilt, die zu anderen Websites gehören. Diese Praxis scheint eine einfache Möglichkeit zu sein, um ein breiteres Publikum zu erreichen. Im ungarischen Bericht wird auch auf die Existenz einer Koordinierung zwischen den Facebook-Seiten aufmerksam gemacht. Ähnliche Beiträge wurden im Laufe des Tages zu scheinbar zufälligen Uhrzeiten auf einer Reihe von Facebook-Seiten geteilt. In anderen Fällen, waren die Uhrzeiten nicht so zufällig. Es wurden z. B. Artikel zur vollen Stunde geteilt. Die Koordination und die Regelmäßigkeit deuten auf Automatisierung hin.

Die Hypothese der Automatisierung wird durch die gelegentlich beobachteten Pannen beim Recycling von Fake News Artikeln bestätigt. Das endlose Re-Posting von Artikeln auf Facebook scheint ein wirksames Mittel zu sein, um die Betriebskosten von Desinformations-Websites zu senken. In Ungarn wurden im Hochsommer hin und wieder Artikel über Weihnachtsdekoration oder Oster-Kochrezepte  gepostet, was Automatisierung vermuten lässt.  

Eigentümer-Netzwerke

Die Fluidität  in der Fake News Szene ist nicht unbedingt ein Zeichen von Fluidität der Geschäftsmodelle an sich. Im Gegenteil: Die gleichen Organisationen und Personen veröffentlichen immer neuere Websites, um die Websites zu ersetzen, die sie löschen mussten. In Bosnien und Herzegowina, Ungarn, Moldawien und Rumänien werden viele Desinformations-Websites von einer kleinen Zahl von Betreibern oder Eigentümern kontrolliert. Von 50 Websites in Rumänien wurden fünf Netzwerke identifiziert. In Bosnien und Herzegowina hat man herausgefunden, dass eine einzige Person mit 46 Fake News Websites in Verbindung stand. In Ungarn wurden zwei große und mehrere kleine Desinformations-Netzwerke ausfindig gemacht. Die Vorteile von Netzwerken sind klar und ähnlich wie die für legale Informationsnetzwerke: Größenvorteile (Skaleneffekte). Mit weniger Ressourcen wird eine größere Leserschaft erreicht.

Anders als in der Slowakei, wo registrierte Unternehmen hinter den Websites stehen, sind die Eigentümer und Betreiber von Desinformations-Websites schwer zu fassen. Bei den meisten Websites fehlt ein Impressum bzw. ein Bereich “Über uns”. Die meisten Eigentümer von Websites nutzen Privacy-Dienste, um ihre Identität in WHOIS-Datenbanken zu verstecken. Daher ist es nahezu unmöglich, finanzielle Informationen über sie zu ermitteln. In einigen Ländern ist dies zum Teil ein juristisches Problem. In Moldawien werden Finanzinformationen über nicht öffentlich finanzierte Unternehmen durch den handelsrechtlichen Datenschutz behütet. In Bosnien und Herzegowina fehlt eine eindeutige Gesetzgebung. In der Slowakei, Ungarn und Rumänien hingegen sind juristische Personen verpflichtet, ihre Finanzberichte offenzulegen. Diese Gesetze werden aber manchmal missachtet.

Gutgläubige oder Geldgierige

Einige Desinformations-Wesites verfolgen aber noch andere Ziele als den reinen Umsatz. Neben den sogenannten “Geldgierigen” wurden in den untersuchten Ländern auch zahlreiche sogenannte “Gutgläubige” gefunden. Sie waren im Allgemeinen Anhänger von Verschwörungstheorien und "alternativen Nachrichten" zur "Wahrheit", welche - wie sie behaupten - in den Mainstream-Medien nicht zu finden sind. Einige Websites verfolgen auch eindeutig ein politisches Programm. Der Bericht über Bosnien und Herzegowina unterscheidet zwischen allgemeinen Desinformations-Websites und politischen Propaganda-Websites. Allerdings sind diese Kategorien offensichtlich nicht klar und deutlich voneinander zu trennen. Zahlreiche Desinformations-Websites verfolgen zwar ideologische oder politische Ziele, beabsichtigen aber auch den Gewinn von Einnahmen. Und in einigen Fällen ist es unmöglich, genau festzustellen, in welche Kategorie welche Website einzuordnen ist: Zu den wirklich Gutgläubigen oder den Geldgierigen. 

Das Projekt "Business of Desinformation" liefert wertvolle Einblicke in die finanziellen Aspekte der Desinformation in fünf mittel- und osteuropäischen Ländern. Solche Informationen waren bisher nicht verfügbar. Die Berichte beweisen, dass die Verbreitung von Fake News oft ein profitables Geschäft ist. Wenn wir also das nächste Mal auf eine prickelnde Geschichte über die bevorstehende Apokalypse, George Soros' Krieg gegen die traditionelle Familie oder Viktor Orbáns Highschool-Zeugnis klicken, sollten wir daran denken, dass sie wahrscheinlich aus einem einzigen Grund geschrieben wurde: Um Geld zu verdienen.

Der Artikel wurde auf der Grundlage der Ergebnisse des Business of Misinformation-Projektes geschrieben, das vom Center for Media, Data and Society von der Central European University durchgeführt und von der Open Society Foundation finanziert wurde.

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