Das türkische Viertel in Skopje, Mazedonien (Foto: Ranopamas)

Europa nach osmanischer Art

Fünf Jahrhunderte türkischer Herrschaft haben die Kultur, Küche, Sprache und sogar Gestik der Balkanstaaten tief geprägt – so sehr, dass es auch ihre Haltung gegenüber der Europäischen Union und den Rhythmus ihrer Integration beeinflusst.

Veröffentlicht auf 8 Februar 2010 um 16:48
Das türkische Viertel in Skopje, Mazedonien (Foto: Ranopamas)

Wenn es darum geht, den Einfluss der Geschichte und des osmanisches Erbes auf die Ausprägung der heutigen Staatsidentitäten zu definieren, verschweigen unsere Wissenschaftler die wichtigsten Punkte. Fast alle Balkanvölker spielen diesen Einfluss herunter, obwohl er allgegenwärtig ist. Maria Todorova, Autorin des Buches Imagining the Balkans (Oxford Press Libri, 1997), sorgt für Wirbel, wenn sie den Historikern und Soziologen der Balkanländer vorwirft, die Wahrheit über die osmanische Vergangenheit und das Erbe dieser Zeit zu verschleiern; verachtenswert und abstoßend bleibe sie in Erinnerung [In Bulgarien, dem Herkunftsland von Todorova, toleriert die offizielle Geschichtsbetrachtung nur den Begriff "türkisches Joch" zur Bezeichnung dieser Herrschaft]. Die Autorin geht sogar noch weiter und erklärt, dass nicht "das osmanische Erbe auf dem Balkan", sondern "der Balkan als osmanisches Erbe" betrachtet werden müsse. So weist sie uns auf die Herkunft des Wortes "Balkan" hin, was in der türkischen Sprache so viel wie bewaldetes Gebirge heißt.

Das auf das Osmanische Reich zurückgehende Erbe ist auf allen Ebenen der Gesellschaft zu spüren. In der Politik beispielsweise zeigt sich dies deutlich bei der außerinstitutionellen Problemlösungssuche (dem pazarlık – Feilschen). Die Nichtexistenz einer einheimischen Kulturelite zählt ebenso dazu. In allen Regionen des Osmanischen Reiches bestand die Elite vorwiegend aus Intellektuellen, die im Ausland ausgebildet wurden. Diese Situation hat sich seit der Unabhängigkeit der verschiedenen Staaten kaum verändert. Das Fehlen eines Bürgertums und einer lokalen Aristokratie sowie die fehlgeschlagene Industrialisierung in der osmanischen Herrschaft zählen zu den Gründen für die wirtschaftliche Schwäche der Balkanländer, obwohl diese im 20. Jahrhundert verschiedene Wege einschlugen.

Gestik und Gerichte aus der Türkei

Die osmanische Epoche hat auch in den Sitten und Bräuchen sowie im Alltagsleben zahlreiche Spuren hinterlassen, die unbestreitbare Merkmale unserer Kultur sind. Wenn man mal die Türkizismen [aus dem türkischen stammende Wörter], von denen unsere Sprache durchsät ist, außer Acht lässt, versetzt besonders die wortlose Rede der "Post-Osmanen" die abendländischen Völker in Erstaunen. Bestimmte schroffe Gesten, das Spucken als Ausdruck von Enttäuschung oder Empörung (das Ganze unterstützt von einem lautstarken yazık! – "Unglück") oder das Aufstützen auf dem Knie, um zu zeigen, dass man es ernst meint, sind kommunikative Gesten, die für einen Morgenländer wesentlich verständlicher sind, als für einen Abendländer. Die Küche ist ein weiterer Bereich des täglichen Lebens, dem es nicht an türkischen Einflüssen mangelt. Sarma (gefüllte Wein- oder Kohlblätter), Moussaka, Tourlitava (Ratatouille) und Börek (Blätterteiggebäck) sind eher orientalische Spezialitäten. Wir trinken türkischen Kaffee und sind alle versessen auf orientalische Süßspeisen wie Aklavas, Touloumbas und Boza. Nicht zu vergessen ist die Kafeana (kahvehan), die Einrichtung, in der, ganz gleich, ob in der Stadt oder auf dem Land, die öffentliche Meinung gebildet wird und die, obwohl sie einer Bar oder einem Restaurant ähnelt, immer eine Kafeana bleiben wird, weil es sie in der westlichen Welt nicht gibt.

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Eine genauere Selbstbeobachtung ergäbe noch viele weitere Beispiele. Das Patriarchat, die Korruption, die Abhängigkeit der Justiz von Politikern und einflussreichen Persönlichkeiten und das Prinzip des Feilschens sind von der osmanischen Kultur untrennbare Elemente. Die fünfeinhalb Jahrhunderte Fremdherrschaft und türkischer Präsenz haben sich tief in unseren Kulturen verwurzelt. Der osmanische Einfluss ist der Hauptgrund für die Schwierigkeiten ("Unterschiede" wäre der treffendere Begriff), auf die unsere Länder beim Übergang zum westlich-liberalen Modell stoßen. Das ist ebenso der Grund dafür, dass sich im Zeitalter des Internets und der Weltsprache Englisch die Diskussionen immer wieder um die Zweckmäßigkeit des Baus von neuen Kirchen und Moscheen drehen.

Bulgarien / Türkei

Sofia und Ankara in Angriffslaune

Der Besuch des neuen bulgarischen Ministerpräsidenten Bojko Borisov in der Türkei Anfang Februar sollte hauptsächlich dazu dienen, den neuen Kurs der Regierung im Vergleich zu seinen Vorgängern aufzuzeigen, analysiert die auflagenreiche Sofiaer Tageszeitung 24 Chasa. Im Juli 2009 hatte die Mitte-Rechts-Regierung von Borisov die von der Sozialistischen Partei angeführte Drei-Parteien-Koalition abgelöst, in der die Partei der türkischen Minderheit in Bulgarien, die DPS, stark vertreten war. "Die Botschaft von Borisov an Ankara lautete, dass man nun nicht mehr mit der DPS bei den bilateralen Beziehungen rechnen könne", schreibt die Tageszeitung weiter. Das bedeutet de facto eine Abkühlung oder zumindest eine Neudefinierung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Die einzigen in Ankara unterzeichneten Dokumente betreffen nur die Transitregelungen von Kohlenwasserstoff. Zahlreiche heikle Themen wie die Rentenbezüge der vielen muslimischen Bulgaren, die vor dem kommunistischen Regime in der Türkei geflohen waren, blieben unberührt. Auf bulgarischer Seite macht Sofia seine Unterstützung der türkischen Kandidatur zum EU-Beitritt davon abhängig, dass für zahlreiche Streitpunkte, von denen einige auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen, Lösungen gefunden werden.

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