Reif für den Schrottplatz?

Die angekündigte Schließung des Opel-Werks im belgischen Antwerpen verdeutlicht die europaweite Krise der Automobilbranche. Von Konjunkturfragen einmal abgesehen, macht sich die Presse Gedanken über die Zukunft eines für unseren Kontinent kritischen Industriemodells.

Veröffentlicht auf 22 Januar 2010 um 16:23
Der Prototyp Citroën C-Métisse auf der Pariser Automobilausstellung, 2006. Bild: Jipol /Flickr

"Opel Antwerpen geopfert, das Ende des flämischen Wunders", "Opel, der Keulenschlag", "Opel wirft 2600 Beschäftigte raus"... Die belgische Presse titelt einstimmig über die Schließung des Opel-Werks in Antwerpen, die am 21. Januar von General Motors angekündigt wurde. "In einer globalisierten, von Multis beherrschten Welt ist eine kleine Region wie Flandern, in der politisch nicht viel auf dem Spiel steht, der ideale Platz, um die Axt zu schwingen", bedauert De Morgen. Doch Antwerpen wird kein Einzelfall bleiben. GM hatte schon mehrmals dementiert, Werkshallen schließen zu wollen, und beabsichtigt nun, 8300 der knapp 50.000 Arbeitsplätze in Europa abzubauen – darunter 4000 in Deutschland – und seine Produktionskapazitäten um 20 Prozent zu reduzieren.

De Standaard zufolge lautet "die große Frage" folgendermaßen: "Wie weit sind wir mit der Vorbereitung unserer Zukunft, die nicht mehr auf der Montage herkömmlicher Fahrzeuge beruht? Wir müssen uns der Realität stellen: Die glorreichen Jahre der Branche werden nie wieder zurückkehren." Die Tageszeitung ist der Meinung, der Staat müsse die Verantwortung übernehmen und die Unternehmen unbedingt auf die Innovationskarte setzen, um die Krise überwinden zu können. "Es gibt Chancen bei High-tech- und umweltfreundlichen Produkten, unter anderem im Bereich elektrische Autos [...]. Der Staat hat bei diesem radikalen Umbruch eine wichtige Rolle zu spielen. Er muss die Bedingungen schaffen, damit Innovationen gefördert und Investoren angezogen werden können." Deutet die angekündigte Schließung der Opel-Fabrik auf das Verschwinden der europäischen Automobilindustrie hin? Die Stellenstreichungen in anderen Ländern ließen genau dies befürchten, unterstreicht Les Echos. Renault und Peugeot-Citroën sähen für 2010 den Abbau von 10.000 Arbeitsplätzen vor. Fiat plane die Schließung seiner Fabrik in Sizilien mit 1400 Beschäftigten. Und "die Verbindung der Wirtschaftskrise, der Heranreifung des Marktes, der technologischen Entwicklungen und des programmierten Durchbruchs neuer Konkurrenten aus Asien lässt die Bedrohung weiter lauern".

Jedes fünfte Auto wird in Osteuropa montiert

Und doch, so argumentiert die Pariser Wirtschaftszeitung, "war Europa in Sachen Konkurrenzfähigkeit vielleicht noch nie so stark wie heute". "Volkswagen läuft den größten Marken, allen voran Toyota, den Rang ab. Renault bleibt Vorreiter und Vorbild für gelungene transkontinentale Zusammenarbeit, Fiat kauft Chrysler und Audi, Mercedes und BMW haben weltweit immer noch keine großen Rivalen." Das Problem der europäischen Automobilindustrie sei demnach nicht so sehr das drohende Ende einer Industrie, "als vielmehr das ihrer Produktionsweise", heißt es in Les Echos. Die deutsche, französische und italienische Industrie seien *"ihrer eigenen List in die Falle gegangen*", indem sie angesichts der Wirtschaftskrise und dem Heranreifen des europäischen Marktes die Montage nach Osteuropa auslagerten. "Heute wird jedes fünfte Auto in Polen, Ungarn, Rumänien oder Slowenien hergestellt. Moderne, rentablere Produktionseinheiten gegenüber historischen, sich abmühenden Werkshallen. Resultat: schwer zu beziffernde Kapazitätsüberhänge, die jedoch angesichts des Markteinbruchs sehr wohl bis zu 50 Prozent oder sogar mehr betragen könnten", erklärt die Tageszeitung. "Dieser Übergang, den schon andere Branchen wie etwa die Eisen- und Stahlindustrie durchlebten, wird schmerzhaft sein. Wir wissen also schon, wie es weitergeht: Konzentration der Käufer, Modernisierung der Produktionsmittel und Spezialisierung der Produkte auf das hochpreisige Segment."

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"Belgien kann der Bundesregierung eine Lehre sein", kommentiert in Berlin der Tagesspiegel. "Obwohl die flämische Regierung Opel mit bis zu 500 Millionen Euro unterstützen wollte, machte GM das Werk in Antwerpen platt. Geld ist manchmal nicht alles." Diese Geschichte veranschauliche die Unfähigkeit der Regierungen, die großen Unternehmen in ihren Ländern zu retten, kommentiert La Libre Belgique. Sie zeige "eine doppelte Machtlosigkeit. Erstens die der Politiker, in einer globalisierten Wirtschaft noch auf die Ereignisse einzuwirken. [...] Zweitens die eines Europas, das unfähig ist, über seine nationalen Egoismen hinauszuwachsen, um den Diktaten bzw. Erpressungen der größten Unternehmen eine konsequente, im allgemeinen Interesse konzertierte soziale Antwort entgegenzustellen."

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