Studenten als Lügendetektoren

Politiker nehmen es nicht immer so genau mit der Wahrheit. Studenten aus Tschechien und der Slowakei haben sich deshalb zusammengeschlossen, um Fakten zu checken und ihre Arbeit professionellen Medien anzubieten.

Veröffentlicht auf 27 Mai 2013 um 10:05

Im vergangenen Jahr, kurz vor Weihnachten, als der tschechische Präsidentschaftswahlkampf in vollem Gange war, sollte Miloš Zeman erklären, woher die Gelder seiner Wahlplakate und Flugblätter stammten, mit denen er das Land regelrecht überflutet hatte. Die Medien spekulierten eifrig über eine eventuelle Finanzierung seines Wahlkampfs durch den russischen Ölkonzern Lukoil. Der Umfragenfavorit wies den Verdacht von sich. „Ich kann Ihnen dazu nur eines sagen“, erklärte er seelenruhig im Fernsehen: „Lukoil hat eine offizielle Erklärung abgeben, die besagt, dass man uns niemals Geld überwiesen hat, weder direkt noch indirekt.“

Miloš Zeman stützte seine Aussage auf die offizielle Stellungnahme eines bekannten Unternehmens. Dem Moderator war diese Erklärung nicht bekannt, er konnte aber auch nicht sicher sein, dass es sie nie gegeben hatte. Kurzum: Zeman kam mit seiner Behauptung durch.

Zur selben Zeit sah sich eine Gruppe von Studenten in Brno die Sendung im Fernsehen an. Sobald sie die Transkription der Sendung kurz nach ihrem Ende bekamen, begann für sie ihre Routinearbeit. Einer der erfahrenen im Team sortierte aus dem Wortschwall alle Tatsachenbehauptungen heraus, mit anderen Worten, alle Fakten, die über öffentlich zugängliche Quellen geprüft werden können. Die offizielle Stellungnahme von Lukoil gehörte selbstverständlich dazu.

Miloš Zemans Behauptung hat den Test nicht bestanden. Die Studenten gaben ihr die Note „Lüge“, die schlechteste auf ihrer Ratingskala.

Ein bemerkenswerter Erfolg

Mit dem letzten Präsidentschaftswahlkampf hat der Verein Demagog.cz bis dato seine größten Erfolge zu verzeichnen und die Aufmerksamkeit etablierter Medien [wie die Tageszeitung Hospodářské noviny und das öffentlich-rechtliche Fernsehen] auf sich gezogen, die sie baten, in ihrem Auftrag die Deklarationen der Kandidaten auf den Prüfstein zu stellen.

Für eine nichtprofessionelle Studentenvereinigung, die es in Tschechien erst seit einem Jahr gibt, ist das ein bemerkenswerter Erfolg. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Aussagen der Politiker, besonders in Fernsehdebatten, auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Politikwissenschaftler bilden den Kern von demagog.cz. Finanziert wird das Unterfangen von der Stiftung Open Society Fund Prag und dem Programm „Jugend in Aktion“ der Europäischen Union. Das Unternehmen Newton Media hilft bei den Transkriptionen der TV-Aufzeichnungen.

Zwei Studenten aus Bratislava, Ondrej Lunter und Matej Hrušk, haben das Projekt Demagog an die Uni Brno gebracht. Da ihnen das Niveau der slowakischen Fernsehduelle unerträglich geworden war, hatte die beiden jungen Leute quasi ohne Mittel die slowakische Version des Projekts ins Leben gerufen.

Fact-Checking, eine typische Studenten-Idee

„Das war eine typische Studenten-Idee. Wir sahen die sonntäglichen Politik-Talkshows, die in der Slowakei mit wesentlich weniger Anstand als in Tschechien geführt werden, und fanden, dass die Politiker nur Eigenwerbung machten, ohne dass irgendjemand widersprach“, erinnert sich Matej Hruška, der die Idee hatte, sich von den USA inspirieren zu lassen. Dort boomt das Fact-Checking, das Überprüfen der Fakten, seit ungefähr zehn Jahren.

In den Vereinigten Staaten, dem Land, auf das alle slowakischen und tschechischen Studenten schauen, wird das Fact-Checking in großem Maßstab betrieben. 2005 — das Highspeed-Internet hatte sich durchgesetzt und jeder nutzte nun Google — kannte das Phänomen seinen Durchbruch. Heute gibt es in den USA mehrere Gruppen, die mit den Tschechen und Slowaken von Demagog vergleichbar sind. FactCheck.org beispielsweise wird vom erfahrenen CNN-Journalisten Brooks Jackson betrieben und verfügt über ein jährliches Budget von rund einer Million Dollar.

In Brno und Bratislava kann man über solche Summen nur lächeln. Dort leben die beiden Vereine vor allem vom Engagement der Studenten. Und wie es scheint, ist ihnen das bis jetzt auch ganz recht so. Wie der Experte Jan Tvrdoň erklärt: „Unsere Uni ist ein ganz besonderer Ort. Fast jeder engagiert sich in irgendwelchen Projekten. Aber keine Angst, wir wissen auch, wie man Partys macht.“ Aber in der Praxis unterscheiden sich die Ergebnisse in den USA oder in Mitteleuropa kaum.

Unsere Politik ist professionelles Theater

Die Studenten aus Brno beschreiben das [politische] Umfeld in der Tschechischen Republik als „ein Theater, das professioneller geworden ist. Die politische Elite hat gelernt, wenigstens nur die Tatsachen zu nutzen, die ihrem Standpunkt entsprechen.“ Mit Miloš Zeman änderte sich das schlagartig. Mehr als jeder andere verbreitete er Informationen, die entweder falsch waren, irreführen konnten oder unmöglich zu verifizieren waren. Bei Demagog erklärt man das aus der Tatsache, dass sich Zeman zehn Jahre lang aus der Politik zurückgezogen hatte. Er sei mit den Reflexen aus einer Zeit zurückgekehrt, in der es noch nicht möglich gewesen war, alles mit Google nachzuprüfen. Dennoch mussten sich die Studenten einer harten Realität beugen: Genau dieser Kandidat hat — trotz aller nachgewiesenen Lügen — die Wahlen gewonnen.

Hinweis: Einige Tage nach unserem Treffen erhielt das Team von demagog.cz den Journalismuspreis 2013 in der Kategorie Innovation im Online-Journalismus.

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