Syrien: ein Machtkampf um Energie

Veröffentlicht auf 31 Mai 2013 um 14:53

Für diejenigen, die sich wundern, warum die Europäer bei ihrem Versuch, sich auf eine gemeinsame Haltung zum syrischen Waffenembargo zu einigen, so peinlich scheiterten, könnte ein kleiner Fleck auf der Landkarte einen ersten Anhaltspunkt bieten. Das riesige South-Pars-Gasfeld inklusive Nord-Feld. Es liegt im persischen Golf, in gleichem Maße in katarischen wie iranischen Hoheitsgewässern. Damaskus’ Verbündeter Teheran plant den Bau einer Gas-Pipeline durch Syrien, um die Mittelmeerküste und damit den wohlhabenden europäischen Markt zu erreichen. Doha — seinerseits an Seite der Rebellen — hat ein Konkurrenzprojekt: Eine Pipeline, die durch ein von al-Assad befreites Syrien über die Türkei dasselbe Ziel erreichen soll. Bezeichnenderweise begann die Verschärfung der Syrienkrise im Frühjahr 2011 — nur ein paar Monate nach der Aufnahme der Verhandlungen über das iranische Projekt Ende 2010.

Frankreich und das Vereinigte Königreich sind über ihre staatlichen Energieriesen GDF und Shell bedeutende Teilhaber der katarischen Gasindustrie. Russland wiederum hat einen ehernen Pakt mit dem Iran, um alle Versuche der sunnitischen Golfstaaten und ihrer westlichen Verbündeten, die das quasi Monopol Russlands auf Gaslieferungen an Europa gefährden könnten, abzuwehren.

Deutschland ist mit Russland über die Nord-Stream-Pipeline verbunden, für die Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder Lobbyarbeit leistete. Italiens ENI wiederum ist ein wichtiger Geschäftspartner von Gazprom. Dass Paris und London über die Zukunft Syriens nicht dieselbe Position vertreten wie Berlin und Rom klingt unter diesem Aspekt kaum verwunderlich.

Der syrische Sumpf ist nicht die einzige Angelegenheit, wo Energiefragen Europa in jüngster Zeit gespalten haben. Die Debatte über die Umwelt- und Gesundheitsrisiken der Förderung von Schiefergas wurde zunehmend von gegensätzlichen nationalen Interessen gekidnappt. Die Einmischung der russischen Atomindustrie sowie die Unsicherheiten über die Zukunft der deutschen Energiepolitik machten die Dinge noch komplizierter. In dieser Woche wurde das Ansehen der EU im Handelsstreit mit China über Besteuerung von Sonnenkollektoren lädiert. Deutschland und Frankreich zankten sich, ob Billigimporten aus staatlich subventionierten chinesischen Unternehmen Strafzölle auferlegt werden sollen.

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Nach dem Ende der traditionellen Theorie des „Fördermaximums“, scheint die Welt sich nun am Beginn einer Energiequellen-Revolution zu befinden. Massive Investitionen in Schiefergasförderung und andere fossile Brennstoffe könnten die USA bis 2020 energetisch autark machen. Das Land hätte sich vom Ölimport und somit von der damit einhergehenden geopolitischen Last befreit — das mangelnde Interesse der USA am Syrienkonflikt gibt davon bereits einen Vorgeschmack. Sollten sich
jüngste Nachrichten aus Japan bestätigen, dann würden mit dem großangelegten und kostenverträglichen Abbau von Methanhydrat die Energiepreise — für diejenigen, die über die entsprechenden Reserven verfügen — noch weiter sinken.

Bis dahin wird der bereits ins Schwimmen geratene EU-Emissionshandel seinen Zweck verfehlt haben. Es wird zunehmend schwieriger, die strauchelnde europäische Industrie vor Konkurrenten zu schützen, deren Energierechnung nur halb so hoch ist, insbesondere wenn es nicht gelingt „grün“ mit „günstig“ zu kombinieren. Doch vor allem werden Energie und Politik immer unzertennbarer werden. Alles Gerede von einer politischen Union wäre dann nichts weiter als eine Lachnummer, wie es bereits bei der ungeschickten Gemeinsamen Außenpolitik der Fall ist. Die europäischen Politiker und die Vertreter der europäischen Energieindustrie müssen sich an einen Tisch setzten, um eine koordinierte Vision zu erarbeiten. Gelingt dies nicht, dann wird das weit über den Kreis der europäischen Föderalisten hinaus einmal bitter bedauert werden.

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