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„Dieser Krieg öffnet die Wunde unserer Sowjetvergangenheit”

Für den estnischen Historiker Aro Velmet hat der Krieg in der Ukraine in seiner Heimat alte Spannungen aus Sowjetzeiten wieder aufleben lassen. Mit Folgen für die Rechte der großen russischen Minderheit in Estland.

Veröffentlicht auf 7 Juli 2022 um 11:38
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Ich hätte nicht weiter von der Ukraine entfernt sein können, als der Krieg begann. Am 24. Februar, als Wladimir Putin seine "militärische Sonderoperation" startete, feierte mein Heimatland Estland seine 104-jährige Unabhängigkeit, und ich habe in Los Angeles, 10.000 km von der Ukraine entfernt, einen Geschichtskurs über apokalyptische Bewegungen gegeben. Die Entfernung zwischen Tallinn und Kiew ist mit 1000 km exakt zehnmal geringer.

Was für einen Unterschied 9.000 km ausmachen können. Ein Freund erzählte mir, dass er nicht schlafen konnte, weil er ständig nach seinem Handy griff, um sich durch die neuesten Front-Nachrichten zu scrollen. Ein anderer Freund deckte sich mit Konserven und Treibstoff ein. Verwandte von mir, ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern, diskutierten darüber, in welches Land sie fliehen sollten, wenn es hart auf hart käme. "Ich glaube nicht, dass Putin hier einmarschieren wird - aber es kann nicht schaden, darauf vorbereitet zu sein" - das sagten die meisten meiner Landsleute zu dieser Zeit. Ich selbst folgte einer ähnlichen Logik. Sicherlich haben sie überreagiert - aber an eine Überreaktion hatten ja auch alle noch vor dem 24. Februar geglaubt. 

In Los Angeles war es - leider - leichter, die Ukraine von sich fernzuhalten. Weniger Menschen haben persönliche Verbindungen zu der Region, Nachrichten über den Krieg wurden schnell von Diskussionen über steigende Benzinpreise und den Rechtsruck des Obersten Gerichtshofs überschattet. Versuche, der Krise einen Sinn zu geben, kamen schnell zu dem konfusen Ergebnis, dass der Krieg eine Folge der NATO-Erweiterung sei und es daher - wie alles andere in diesem narzisstischen Land - letztlich um die Vereinigten Staaten gehe. 

Gelegentlich erinnerte mich aber doch jemand daran, dass LA keine andere Welt ist. Eine Studentin erzählte mir zum Beispiel, dass sie bei der Gaming-Firma, für die sie arbeitet, einen ukrainischen Designer haben. Dieser hatte in letzter Zeit mehrere Abgabetermine verpasst, weil er von Charkiw aus arbeitet und immer wieder durch Luftalarm unterbrochen wurde. 

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Als ich Anfang Mai nach Estland zurückkehrte, war der Krieg für die meisten Menschen, die ich kannte, bereits Teil des Alltags geworden. Die anfängliche Panik über eine mögliche russische Invasion im Baltikum war dem nüchternen Bemühen um die Unterstützung der Ukrainer im In- und Ausland gewichen. Bis heute hat Estland über 40.000 Flüchtlinge aufgenommen. Das ist vergleichbar mit der Zahl der Flüchtlinge im Vereinigten Königreich, dessen Bevölkerung jedoch mehr als Fünfzigmal so groß ist wie die Estlands, wo derzeit 300 Flüchtlinge auf 10.000 Einwohner kommen.  

Das Kulturzentrum auf der anderen Straßenseite meines Hauses war zu einem zentralen Ort für Freiwillige geworden, wo Menschen Spenden sammelten und sortierten. Ein Freund verschickte E-Mails mit der Bitte um Hilfe bei der Lieferung von Treibstoff an Flüchtlinge, die sie in einer freien Wohnung untergebracht hatten. Ein anderer organisierte Lieferungen von medizinischen Hilfsgütern an die Front. Manche schliefen noch immer nicht, weil sie weiter ununterbrochen Nachrichten auf ihren Handys lasen. 

In politischer Hinsicht hat der Krieg alte Spannungen zutage gefördert, von denen einige dachten, sie seien schon lange begraben. Andere Spannungen wurden plötzlich noch viel deutlicher als sonst. Ein konservativer Politiker etwa, der sich während der syrischen Flüchtlingskrise vor einigen Jahren noch konsequent gegen die Umsiedlungspolitik der EU ausgesprochen hatte, verkündete nun, dass die osteuropäischen Staaten den Zustrom von Flüchtlingen nicht allein schultern könnten, und forderte mehr Solidarität von den westlichen Mitgliedern der Union. Da fühlte ich mich an die Definition des Begriffs „Chuzpe” von Leo Rosten erinnert: „Die Dreistigkeit eines Menschen, der seine Mutter und seinen Vater ermordet hat, aber Gnade vor Gericht verlangt, weil er ein Waisenkind ist." 

Nach einer kurzen, seltsam ruhigen Phase kam die rechtsextreme Konservative Volkspartei dann mit ihrer alten "die Einwanderer wollen uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen"-Leier, aber bisher scheint sie damit auf taube Ohren zu stoßen. Vielleicht ist das auch gar nicht so überraschend. Denn plötzlich scheinen auch die estnischen Mainstream-Medien jegliches Interesse an moralischer Panikmache verloren zu haben. Sie fragen nun nicht mehr, warum die in Estland ankommenden Flüchtlinge so teure Telefone (auch bekannt als handelsübliche Smartphones) besitzen, ob sie seltene Krankheiten haben oder ob ihre Werte auch mit der estnischen Kultur vereinbar seien. Die Ukraine-Krise hat überdeutlich gemacht, dass die rassistische Hysterie im Zusammenhang mit Flüchtlingen nie ein rechtsextremes Phänomen allein war, sondern schon lange von den Mainstream-Medien und der politischen Mitte geteilt wurden.  …

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