investigation Nachrichten Untersuchung zur Green Finance | Zweiter Teil

Wie ein wegen seiner Umweltauswirkungen verpöntes Projekt zum Aushängeschild der europäischen grünen Finanzwirtschaft wurde

Im zweiten Teil unserer Untersuchung über die durch Michelin und BNP Paribas mittels grüner Anleihen (Green Bonds) orchestrierte Finanzierung von Kautschukplantagen in Indonesien zeigen wir, dass der Reifenhersteller die Warnungen von Umweltorganisationen und ‑akteuren ignoriert und bezüglich der Verantwortung seines lokalen Partners für die vorherige Abholzung der betroffenen Gebiete keine Transparenz an den Tag gelegt hat.

Veröffentlicht auf 9 November 2022 um 15:39
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Kapitel 2

Während sich Europas grüne Finanzwelt wichtig tut, geht es dem indonesischen Wald an den Kragen

Michelin sucht einen „grünen“ Partner in Indonesien

Michelin ist seit mindestens 2004 in Indonesien ansässig und suchte Anfang der 2010er Jahre einen lokalen Partner, um seine Präsenz in Südostasien zu stärken. Daher näherte sich der französische Reifenriese dem indonesischen Konzern Barito Pacific an. Das von dem Milliardär Prajogo Pangestu, der in Indonesien der „Holzkönig“ genannt wird, gegründete und geleitete Konglomerat (das heute auf Petrochemie und Energie spezialisiert ist) hat in Umweltfragen einen zweifelhaften Ruf. (Lesen Sie dazu Kapitel 1).

Laut Glenn Hurowitz, Generaldirektor der NGO Mighty Earth, fand der erste Kontakt zwischen den beiden Unternehmen Mitte 2013 statt, einige Wochen vor einem ersten Besuch von Verantwortlichen des Unternehmens Michelin vor Ort in der Provinz Jambi (Insel Sumatra) im Oktober 2013. Wie Hurowitz Voxeurop anvertraute, wurden ihm diese Daten von Hélène Paul, der damaligen Einkaufsleiterin bei Michelin, bestätigt.

Bei einem Telefongespräch  beschrieb uns Hervé Deguine, Direktor für öffentliche Angelegenheiten bei Michelin, die Entstehung der französisch-indonesischen Partnerschaft folgendermaßen: „Alles begann damit, dass die Mitarbeiter von Barito technische Beratung wünschten, um ihre Naturkautschukproduktion effizienter zu machen. [...] Wir haben eine Zusammenarbeit vorgeschlagen, die auf eine nachhaltige Produktion ausgerichtet ist, damit nicht nur die Unternehmen, sondern auch die lokalen Gemeinschaften davon profitieren.“

Deguine fuhr fort: „Bei meinem ersten Besuch in Jambi im März/April 2014 wurde ich Zeuge einer massiven Entwaldung, größtenteils mafiösen Gruppen zuzuschreiben [...], die sich in großem Stil Land angeeignet hatten.“ Er stellte jedoch klar, dass er nicht persönlich bei Abholzungsaktionen zugegen war, die speziell von Lestari Asri Jaya (LAJ) durchgeführt wurden, der Tochtergesellschaft von Royal Lestari Utama (RLU), an der Michelin im Rahmen eines Joint Ventures mit Barito Pacific bald zu 49% beteiligt sein würde. „Für uns lautete die Frage nicht, wer den Wald gerodet hat“, fuhr er fort, „sondern wie wir Bauern, die immer von der Abholzung gelebt hatten – hauptsächlich, um Ölpalmen anzupflanzen – davon überzeugen konnten, ihre Einkommensquelle zu ändern, indem sie in unseren Produktionsgebieten Kautschukbäume anpflanzen und den verbleibenden Wald schützen, anstatt ihn weiter zu roden.“

Konzessionen von Lestari Asri Jaya und Wanamukti Wisesa in der Provinz Jambi auf der Insel Sumatra.

Im Oktober/November 2014, einen Monat vor der Gründung des Joint Ventures mit Barito Pacific, organisierte Michelin einen weiteren Besuch vor Ort, diesmal in Begleitung von Vertretern des WWF und der britischen Umweltberatungsfirma TFT (aus der inzwischen die in der Schweiz ansässige Stiftung namens Earthworm wurde). „Wir wollten ihre [WWF und TFT] unabhängige Meinung zu den sozialen und ökologischen Aspekten einholen, bevor wir uns auf das Projekt einließen“, erklärte Deguine.

Warnungen von NGOs und unabhängigen Experten

Michelin hatte bei der Firma TFT eine Prüfung der Aktivitäten von Lestari Asri Jaya (LAJ) in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse das Unternehmen im November 2014 erhielt. Dieser Bericht, der nicht veröffentlicht wurde und von dem TFT/Earthworm uns eine Kopie übermittelt hat, zeigt deutlich, was Hervé Deguine offensichtlich nicht gesehen hat.

Das Dokument enthält nämlich visuelle Beweise für die zu dieser Zeit von LAJ durchgeführte Abholzung in Gebieten, in denen später Kautschukplantagen gepflanzt werden sollten, einschließlich Fotos und geografischer Koordinaten der Maschinen, die die Waldgebiete abgeholzt haben, die hätten erhalten bleiben sollen. Einige davon lagen an Flüssen und waren für die lokale Tierwelt von entscheidender Bedeutung, während sich andere sogar an den Grenzen zwischen der Konzession und dem Nationalpark Bukit Tigapuluh befanden. 

Bagger im Einsatz in der Konzession von LAJ am Rande des Nationalparks Bukit Tigapuluh im November 2014.
Rodungsgebiete in der Konzession Lestari Asri Jaya | Quelle: Audit, das TFT im November 2014 an Michelin übergab.

„Nach unserem Audit, bei dem wir Bagger im Einsatz beobachten konnten, mussten wir LAJ bitten, die Rodungen und die Vorbereitung des Geländes auszusetzen, um die Umwelt- und Sozialbewertungen im Auftrag von Michelin durchführen zu können“, sagte Bastien Sachet, Geschäftsführer von TFT/Earthworm, gegenüber Voxeurop.

Was die Absicht betrifft, dort Kautschukbäume anzupflanzen, wo gerade erst Wald gerodet wurde, kam der TFT-Bericht zu dem Schluss, dass „der Versuch, dem Projekt ein positives Image zu verleihen, indem man es als einfache ‚Wiederaufforstung‘ darstellt, Kritik auf sich ziehen würde“. Sachet betonte, dass „Kautschukbäume zwar Bäume sind, ihr Anbau in einer industriellen Plantage aber keine Wiederaufforstung darstellt“.

Mit diesen Schlussfolgerungen war Michelin offenbar nicht zufrieden. Das Unternehmen lehnte Bastien Sachets Vorschlag, den grünen Wandel von RLU zu begleiten, ab und beendete seine Beziehung zu TFT/Earthworm. Im Mai 2015 gab es sogar in einer Pressemitteilung bekannt, dass „das Projekt die Wiederaufforstung von drei Konzessionen [beinhaltete], die durch illegale Abholzung verwüstet wurden“ – ohne jegliche Angaben dazu, wer für diese Abholzung verantwortlich war.

Dabei war das Audit von TFT/Earthworm nicht die erste Prüfung, die wegen der Umweltauswirkungen der Aktivitäten des zukünftigen Partners von Michelin Alarm schlug. Der Bericht eines Zusammenschlusses von NGOs, darunter der indonesische Zweig des WWF, warnte bereits 2010 vor der drohenden Gefahr für den Regenwald in der Konzession von Lestari Asri Jaya, die an den Nationalpark Bukit Tigapuluh auf Sumatra angrenzt. Der Bericht enthüllte, dass mehrere Dörfer in diesem Gebiet über die „von LAJ geplante Abholzung“ besorgt waren.

Im November 2015 war das lokale WWF-Team außerdem an einer Untersuchung beteiligt, die belegte, dass LAJ in einem als Daerah Perlindungan Satwa Liar bekannten Artenschutzgebiet sowie außerhalb seines Konzessionsgebiets illegal Wald abholzt. Diese Enthüllungen kamen nur wenige Monate nach der Unterzeichnung des Joint Venture-Vertrags zwischen Michelin und Barito Pacific und ihrer Verpflichtung zur Nichtabholzung ans Licht.

Schild, das ein als Wildschutzgebiet („Daerah Perlindungan Satwa Liar/DPSL“) ausgewiesenes Areal am Rande von Block 4 der Konzession von Lestari Asri Jaya kennzeichnet, im Januar 2015. | Foto: WWF Indonesien.
Stämme gefällter Bäume im Block 4 der Konzession von Lestari Asri Jaya, im Mai 2015. | Foto: KKI Warsi

Grüne Anleihen um jeden Preis

Offensichtlich hat dies die Verantwortlichen von Michelin nicht davon abgehalten, die Tropical Landscapes Finance Facility (TLFF) zu kontaktieren, eine innovative Finanzierungsplattform für Geschäftsprojekte, die mit dem Pariser Klimaabkommen in Zusammenhang stehen. Diese war gerade erst von der französischen Bank BNP Paribas mit Unterstützung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), das die Umweltaspekte überwachte, mitbegründet worden. Das Ziel? Die Finanzierung durch grüne Anleihen eines Projekts, dessen Rentabilität stark unter dem Verfall der Preise für Naturkautschuk litt. (Siehe Kapitel 1)

Struktur der TLFF. | Quelle: Mighty Earth

Laut den Informationen, die Voxeurop erhalten hat, versäumte es der Reifenriese, die Umweltgeschichte des Projekts transparent zu machen. Er argumentierte lediglich mit einer vorherigen illegalen Abholzung, um den Weg für eine Rhetorik der „Wiederaufforstung“ und eines Projekts mit positiven Auswirkungen zu ebnen, die später schwarz auf weiß in den Emissionsprospekt der grünen Anleihen aufgenommen werden sollten.

Laut Alex Wijeratna, Kampagnenleiter bei Mighty Earth, „wird die vorsätzliche Umweltzerstörung durch seinen Partner vor Ort Royal Lestari Utama in keiner Mitteilung von Michelin an seine Kunden oder die Inhaber der grünen Anleihen erwähnt. Das Unternehmen war zwar zu dem Zeitpunkt, als diese Abholzungsaktionen stattfanden, rechtlich nicht involviert, aber die Due-Diligence-Berichte zeigen, dass Michelin wusste, was vor sich ging“. Sollten sich die Versäumnisse als wahr erweisen, könnten sie als irreführende Geschäftspraktiken gelten, z. B. nach dem französischen Verbraucherschutzgesetz.

Bastien Sachet von Earthworm sagte gegenüber Voxeurop, er sei „aus persönlicher Sicht“ der Meinung, dass „wenn grüne Anleihen eine Situation aus ökologischer Sicht verbessern sollen, die Anleger im Voraus über die Probleme informiert werden müssen, zu deren Lösung die grünen Anleihen beitragen werden. So hat Michelin uns das Projekt vorgestellt, und ich glaube, so wurde es von dem Unternehmen auch öffentlich präsentiert“.


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Michelin hat das Audit von TFT/Earthworm nie veröffentlicht und weigerte sich, Voxeurop mitzuteilen, ob der Bericht an die Mitglieder der Tropical Landscapes Finance Facility weitergegeben wurde.

Auf Nachfrage erklärte Satya Tripathi, der die Plattform bis 2018 leitete, gegenüber Voxeurop: „Ich erinnere mich, dass ich damals von diesem Bericht gehört habe, aber ich kann mich nicht daran erinnern, ihn selbst gelesen zu haben.“

Johannes Kieft, Generalsekretär der TLFF und Senior-Spezialist für Landnutzung beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), erklärte gegenüber Voxeurop: „Die TLFF hat sich zur Transparenz verpflichtet,“ und er ist mehr als klar: „Ich wusste von dem Bericht von TFT/Earthworm und der Abholzung durch Lestari Asri Jaya. Das Unternehmen war gesetzlich verpflichtet, den bewirtschafteten Wald zu roden, weil es von der Regierung ermächtigt wurde, die Flächen für industrielle Forstwirtschaft zu nutzen“, nämlich für die Kautschukproduktion. (Lesen Sie das demnächst erscheinende Kapitel 3 über die unklaren rechtlichen Rahmenbedingungen für die Abholzung in Indonesien)

„Wir haben erst nach der Veröffentlichung des Berichts von Mighty Earth [2020] von der Prüfung durch TFT/Earthworm erfahren, da sie von Michelin in Auftrag gegeben und nicht weitergegeben worden war“, bestätigte gegenüber Voxeurop eine Quelle, die für Asia Debt Management (ADM Capital) – eine in Hongkong ansässige Investmentgesellschaft und zusammen mit BNP Paribas Mitbegründerin der Finanzierungsplattform TLFF, die die grünen Anleihen ausgegeben hat – arbeitet und anonym bleiben möchte.

Die Überprüfungen von BNP Paribas, „die Bank für eine Welt im Wandel“

Laut einem Experten, der an dem Projekt mitgearbeitet hat und ebenfalls anonym bleiben möchte, soll BNP Paribas auch von der Abholzung durch Royal Lestari Utama gewusst haben. Derselbe Experte deutete gegenüber Voxeurop an, dass die Schirmherrschaft der Vereinten Nationen die Beteiligten nicht dazu veranlasst hätte, genauer hinzuschauen: „Alle Mitglieder der TLFF waren zuversichtlich, da die Transaktion unter der Schirmherrschaft des UNEP stand und ordnungsgemäß dokumentiert war.“

Voxeurop hatte auch Zugang zum Protokoll eines Treffens, das im Dezember 2020 zwischen den Mitgliedern der TLFF und Alex Wijeratna von Mighty Earth stattfand. Bei diesem Treffen bestritt Robert Barker, der damalige Direktor für nachhaltige Finanzen bei BNP Paribas, dass er von der Beteiligung von Royal Lestari Utama an der Abholzung in Jambi gewusst habe, als er das Due Diligence-Verfahren für die französische Bank koordinierte. „Ich glaube nicht, dass dieser Fall nach dem Prinzip ‚wenn wir damals gewusst hätten, was wir heute wissen‘ beurteilt werden kann“, sagte er und fügte hinzu: „Zu der Zeit, von der wir sprechen, waren die meisten von uns noch nicht in dieses Projekt involviert.“ Robert Barker ist heute unabhängiger Berater.

Vor seinem Weggang von BNP Paribas hat Voxeurop versucht, ihn über mehrere Kanäle zu erreichen – bis jetzt liegt keine Antwort von ihm vor. Die von uns kontaktierte Kommunikationsabteilung von BNP Paribas wollte sich nicht äußern.

Screenshot der Internetseite von BNP Paribas für grüne Anleihen.

Obwohl es Informationen darüber gab, dass ein sehr bedeutender Teil der Fläche für das Plantagenprojekt (siehe Kapitel 1) gerade erst abgeholzt wurde, scheint kein Akteur der TLFF Einwände gegen die von Michelin eingeleitete Umweltzertifizierung erhoben zu haben.

Anleger, die mit ihrem Geld zu einer besseren Welt beitragen wollen, könnten an dieser Stelle beruhigt sein. Beruhte die Umweltzertifizierung nicht auf einer gründlichen und unabhängigen Analyse, die die Berichte der NGOs und von TFT berücksichtigt? Leider hat niemand daran gedacht, dass die Erlangung eines Umweltlabels alles andere als ein Spießrutenlauf ist.

Auf der Jagd nach dem Umweltlabel: Der leichte Weg zu einer grünen Anleihe

Grüne Anleihen werden sowohl für Emittenten als auch für Anleger immer interessanter: „Sie lassen sich teurer verkaufen als ihre nicht-grünen Pendants“, erklärt Caroline Harrison, Researchleiterin bei der Climate Bonds Initiative (CBI), der weltweit größten Plattform zur Beschaffung von Klimaschutzkapital. „Das bedeutet, dass der Emittent für die Aufnahme eines Darlehens geringere Kosten zahlt als bei der Ausgabe konventioneller Anleihen. Für den Käufer wächst der Wert seiner Anlage schneller“, fügt sie hinzu.

Das Erlangen einer Nachhaltigkeitszertifizierung ist jedoch ein freiwilliger Schritt, den kein Gesetz zwingend vorschreibt. Eine solche Zertifizierung verschafft Zugang zum magischen Umweltlabel, das dazu beiträgt, potenzielle Investoren anzuziehen. Dazu muss der Antragsteller lediglich einen qualif…

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