investigation Nachrichten Untersuchung zur Green Finance | Erster Teil

Wenn die europäische Green Finance die Entwaldung in Indonesien belohnt: Der Fall Michelin

Die Green Finance oder grüne Finanzwirtschaft wurde zur Unterstützung nachhaltiger Entwicklungsprojekte konzipiert, ist aber in Wirklichkeit nicht immer so grün, wie es die Beteiligten gerne glauben machen. Ein als „umweltfreundlich“ zertifiziertes Projekt kann mitunter zur Abholzung des Regenwaldes beigetragen haben und so die umweltbewussten Anleger täuschen. Nach langwierigen Recherchen deckt Voxeurop eine groß angelegte Greenwashing-Operation von Michelin, dem weltgrößten Reifenhersteller, in Indonesien auf.

Veröffentlicht auf 9 November 2022 um 15:22
Dieser Artikel ist nur für Mitglieder von Voxeurop zugänglich

Einleitung

Der Ansturm auf das grüne Gold

Die grüne und nachhaltige Finanzwirtschaft erscheint als ein hochwirksames Instrument im Kampf gegen die Erderwärmung und ihre Folgen. Investitionen in umweltfreundliche Projekte statt in fossile Energieträger stellen eine Möglichkeit dar, die den immer nachdrücklicheren Forderungen der öffentlichen Meinung und bestimmter Investoren entgegenkommt.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass immer mehr Unternehmen darauf zurückgreifen, um ihre Geschäftstätigkeit auszubauen, da sie von einem echten ethischen und ökologischen Ansatz geleitet werden und/oder einen solchen in ihrer Kommunikation hervorheben möchten.

Die in den 2010er Jahren entwickelte und mit der Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens im Jahr 2015 (ein wichtiges Datum, auf das wir noch zurückkommen werden) offiziell anerkannte Green Finance umfasst eine Vielzahl von Tools, Instrumenten und Akteuren und charakterisiert sich durch zahlreiche Abkürzungen und Mechanismen, die mehr oder weniger klar sind – oder obskur, je nachdem, wie man sie betrachtet.

Wir haben uns nach Kräften bemüht, die folgenden Informationen zugänglich und verständlich zu machen, aber das Thema bleibt anspruchsvoll. Die gute Neuigkeit ist: Wenn Sie diese Artikelserie bis zum Ende lesen, dürften Sie in Bezug auf die grüne Finanzwirtschaft über einen ebenso klaren Durchblick verfügen wie durch einen von Kettensägen abgeholzten Urwald.


Das Beste vom europäischen Journalismus jeden Donnerstag in Ihrem Posteingang!


Aber lassen Sie uns auf Michelin zu sprechen kommen. Unter den europäischen Unternehmen, die sich einer „nachhaltigen“ Strategie rühmen, hebt der Reifenriese sein Engagement für eine „verantwortungsvolle und nachhaltige Verwaltung der Kautschuk-Lieferkette (Hevea-Anbau), [...] sein Ziel ‚keinerlei Entwaldungen‘ und sein Engagement für die Erhaltung der biologischen Vielfalt“ hervor. So kann der Konzern seinen Aktionären und Kunden versichern, dass seine Reifen aus Naturkautschuk umweltfreundlicher sind als die der Wettbewerber.

Als Aushängeschild dieser Umweltstrategie für nachhaltigen Naturkautschuk wird das Projekt Royal Lestari Utama (RLU) in Indonesien – ein 2015 gegründetes Joint Venture zwischen Michelin und seinem lokalen Partner Barito Pacific – in Werbevideos als die Erfolgsgeschichte schlechthin präsentiert: Anpflanzung von Kautschukbäumen zur Wiederaufforstung von Gebieten, die durch illegalen Holzeinschlag verwüstet wurden, Schaffung von Arbeitsplätzen vor Ort, Schutz von Flora und Fauna, Elefanten, Orang-Utans und Tigerbabys. All dies geschah unter Beteiligung des World Wildlife Fund (WWF), unter der Schirmherrschaft des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und mit Unterstützung der US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID), die das Projekt als Paradebeispiel für eine nachhaltige Wertschöpfungskette vorstellten.

Nach einem ersten alarmierenden Bericht der Umwelt-NGO Mighty Earth im Jahr 2020 zeigt die Untersuchung, die Voxeurop über eineinhalb Jahre lang mit unseren Partnern des Magazins Tempo in Jakarta durchgeführt hat, die Grenzen dieser Operation auf, die mit Green Bonds (oder grünen Anleihen) finanziert wurde, die BNP Paribas für 95 Millionen Dollar vermarktete. Unsere Journalisten haben Dokumente, Berichte und Schriftwechsel durchforstet und die wichtigsten Akteure in den beteiligten Unternehmen, NGOs und lokalen Gemeinschaften befragt, von europäischen Büros über die Handelsräume in Singapur bis hin zum indonesischen Wald. Das Bild, das sich ergibt, ist weit von der Idylle entfernt, die den europäischen Anlegern verkauft wurde.

Entwaldetes Gebiet in der Konzession von LAJ in Jambi (Sumatra), im Februar 2022. | Foto: Tempo

Im Juni letzten Jahres erfolgte zwei Monate nach der Übernahme von 100 % des Joint Ventures RLU durch Michelin die vorzeitige Rücknahme der von BNP Paribas vertriebenen Green Bonds – mehr als zehn Jahre vor der vorgesehenen Fälligkeit. Die Anleger haben also kein Mitspracherecht mehr. Sie dürften jedoch daran interessiert sein, die tatsächlichen Auswirkungen der Transaktion zu erfahren, zu deren Finanzierung sie beigetragen haben.

Unsere Untersuchung deckt nicht nur die direkt von diesen Ereignissen in Indonesien betroffenen Akteure und die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung und die biologische Vielfalt vor Ort auf, sondern bringt auch strukturelle Probleme der jungen Green Finance an den Tag: undurchsichtige Zertifizierungsmechanismen, unverbindliche freiwillige Verpflichtungen, fehlende unabhängige Prüfung, Begeisterung für Projekte, die man als emblematisch für eine endlich nachhaltige Wirtschaft sehen möchte.

Sie beleuchtet die Probleme, die durch das Fehlen einer wirksameren Regulierung auf europäischer Ebene für den Übergang zu einer grünen Wirtschaft mit wirklich positiven Auswirkungen auf die Biodiversität und die Klimakrise entstehen, insbesondere wenn europäische multinationale Unternehmen weit außerhalb unserer Grenzen tätig sind. Die Europäische Union hat sich zwar des Themas angenommen und arbeitet derzeit an einer Verordnung über grüne Anleihen – die allerdings erst 2023 in Kraft treten wird – sowie an einer weiteren über importierte Entwaldung, deren Genehmigungsverfahren ebenfalls noch läuft.


Kapitel 1

Im Angebot: „Grüne“ Anleihen

Offiziell beginnt die Geschichte am 14. Dezember 2014, als Michelin 49 % des Agroforstunternehmens Royal Lestari Utama (RLU) erwirbt, das zum indonesischen Konglomerat Barito Pacific Group gehört. Die Gruppe wurde von dem reichen Geschäftsmann Prajogo Pangestu gegründet, der in Indonesien der „Holzkönig“ genannt wird und den Konzern auch leitet. Dem bereits erwähnten Bericht der Umweltorganisation Mighty Earth zufolge soll die Gruppe über eine ernstzunehmende Vorgeschichte im Zusammenhang mit Entwaldung, Landgrabbing, illegalem Holzeinschlag und Offshore-Steuerhinterziehung dank ihres komplexen Netzwerks von Holz-, Zellstoff- und Ölpalmenunternehmen verfügen.

Michelin entscheidet sich für grün

Während die Firma mit dem Bibendum mindestens seit 2004 in Indonesien tätig ist, genießt das Joint Venture mit Barito Pacific, das Anfang 2015 formalisiert wurde, die politische Unterstützung der indonesischen Regierung. Damals wurden sehr große Ambitionen angegeben: Das Unternehmen wollte auf nachhaltige Weise etwa 10 % zur weltweiten Naturkautschukversorgung von Michelin beitragen und sich bei der kommerziellen Produktion und beim Schutz des Ökosystems auf die lokalen Gemeinschaften stützen. Dies betrifft mehrere Standorte in den Provinzen Jambi (Insel Sumatra) und Kalimantan (Insel Borneo).

Landschaft in der Provinz Jambi. | Foto: Cifor

Um seinem „umweltfreundlichen“ Kautschukprojekt mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, beschloss Michelin, den WWF in das Vorhaben mit Barito Pacific einzubeziehen und kooptierte ihn anschließend in die im Jahr 2018 von Michelin selbst gegründete Global Platform for Sustainable Natural Rubber (GPSNR).

Wir setzen uns seit langem dafür ein, die Entwaldung auf Sumatra zu stoppen, indem wir die extensive Entwaldung durch Unternehmen wie die Barito Pacific Group hervorheben [...], als sich Ende 2014 [...] die Gelegenheit bot, Einfluss auf das zu nehmen, was später das Royal Lestari Utama-Projekt werden sollte, betrachteten wir das daher als wertvolle Chance [...], einen Schritt weiter zu gehen“, teilte ein anonymer Sprecher des WWF Voxeurop mit. „Wir sind eine Partnerschaft mit Michelin eingegangen [...], um den Naturkautschukmarkt umzugestalten, den globalen ökologischen Fußabdruck des Unternehmens zu reduzieren und vorrangige Ökosysteme zu erhalten.

In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass sich Michelin damals überall auf der Welt stark bemühte, seinen Aktivitäten und dem Unternehmen selbst ein umweltfreundlicheres Image zu verleihen: Der Konzern erhielt im Bereich der sozialen und ökologischen Unternehmensverantwortung die höchste Punktzahl unter allen Unternehmen, die im Rahmen des französischen Gesetzes über die Sorgfaltspflicht von Unternehmen geprüft wurden. Außerdem hat er sich zu einem Strategieplan für die Biodiversität bis 2030 verpflichtet und Daten über die Auswirkungen seiner Geschäftstätigkeit auf den Klimawandel veröffentlicht.

In diesem Sinne ermutigte Michelin Barito ebenfalls zu mehr Umweltfreundlichkeit, was durchaus lobenswert ist. Im März 2015 verpflichteten sich die beiden Unternehmen zur Nichtabholzung: In Zukunft sollte die Erweiterung der Kautschukbaumkonzessionen von RLU nur auf offenem Land und unter Rücksichtnahme auf die Lebensräume wild lebender Arten möglich sein.

Werbevideos von Michelin für das Projekt RLU

Die Rettung eines Projekts mit Finanzierungsschwierigkeiten durch die Einführung von grünen Anleihen

Bei Unterzeichnung des Joint-Venture-Vertrags strebt Michelin eine Steigerung der Produktion in den Konzessionen von Barito von 0,7 auf 1,8 Tonnen Naturkautschuk pro Hektar an. Das Jahresziel liegt bei etwa 80.000 Tonnen. Drei Viertel dieser Produktion sind für die indonesischen Werke bestimmt, die Michelin über seine Zuliefertochter Société des Matières Premières Tropicales (SMPT) beliefern, der Rest für externe Abnehmer.

Gemeinsam setzen die beiden an RLU beteiligten Unternehmen auf einen Geschäftsplan für 23 Jahre bis 2040. Sie legen insgesamt 100 Mio. USD Eigenkapital in die Tresore des Joint Ventures (in das Michelin nach einer späteren Kapitalerhöhung  insgesamt 55 Mio. USD investiert hatte). Um ihr riskantes Projekt dauerhaft zu sichern, wäre eine höhere Summe erforderlich gewesen, da der Rückgang der Kautschukpreise im Jahr 2015 ihre Gewinnerwartungen schmälert.

Luc Minguet, ehemaliges Vorstandsmitglied von Royal Lestari Utama, erklärte gegenüber Voxeurop, dass „ursprünglich geplant war, das Projekt von den Banken finanzieren zu lassen. Trotz der Beteiligung des WWF war jedoch keine traditionelle Bank dazu bereit, da sie das Projekt für nicht rentabel genug hielten“ (1). Alex Wijeratna, Senior Director von Mighty Earth, fügte hinzu: „Die Due-Diligence-Prüfung der Banken muss umfangreiche Abholzungen, Berichte über gewaltsame Konflikte mit der lokalen Bevölkerung und Vorwürfe bezüglich Land Grabbing während der Vorbereitungsphase des RLU-Projekts in Jambi aufgedeckt haben – höchstwahrscheinlich haben diese Umstände sie von einer Finanzierung abgehalten.“ Schon kurz nach Projektbeginn zeigen sich also erste Schwierigkeiten.

Zum Glück für Michelin ergab sich im Oktober 2016 eine hervorragende Gelegenheit, das Joint Venture zu retten, als die Bank BNP Paribas die Tropical Landscape Finance Facility (TLFF) mitbegründete, die vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) unterstützt wird, das auch für die Überwachung der Umweltaspekte zuständig ist. Die von der indonesischen Regierung genehmigte und in der Hauptstadt Jakarta ansässige TLFF beschreibt sich selbst als innovative Finanzierungsplattform für Geschäftsprojekte, die mit dem Pariser Klimaabkommen (das 2015 gerade erst unterzeichnet wurde, wir kommen darauf zurück) und den Zielen für nachhaltige Entwicklung in Zusammenhang stehen.

„Solange wir den Privatsektor nicht – mit Hilfe von Gewinnaussichten – davon überzeugen, die Produktion anders zu betrachten, wird sich nichts ändern“, erklärte eine Quelle, die anonym bleiben möchte und für die in Hongkong ansässige Investmentfirma Asia Debt Management (ADM Capital) tätig ist, gegenüber Voxeurop. Als Mitbegründer der TLFF an der Seite der Vereinten Nationen und von BNP Paribas ist ADM Capital dafür verantwortlich, dass die finanzierten Projekte bestimmte Performanceanforderungen erfüllen. 

Satya Tripathi ist ehemaliger Generalsekretär der TLFF, die er gründete, als er Leiter des indonesischen Büros des Programms der Vereinten Nationen zur Reduzierung von Emissionen aus Entwaldung und Waldabbau (UN-REDD) war, und heute Generalsekretär der Global Alliance for a Sustainable Planet. Er erklärte gegenüber Voxeurop, dass Michelin und sein indonesischer Partner Barito Pacific im November 2016 – nur wenige Wochen nach der Eröffnung der Finanzierungsplattform, die vom Umweltzweig der Vereinten Nationen und der französischen Bank ins Leben gerufen worden war – die TLFF kontaktiert haben

Die Plattform mit dem erklärten Ziel, „private Finanzmittel zu erschließen [...], mit deren Hilfe Entwaldung und Waldschädigung verringert und geschädigte Flächen wiederhergestellt werden sollten“, war auf der Suche nach einem ersten, symbolträchtigen Projekt, um verantwortungsvolle Investoren anzuziehen – da kam die Bewerbung von Royal Lestari Utama genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Gelegenheit war für alle Beteiligten geradezu ideal.

Nach einem Zertifizierungsprozess, dessen Ablauf, Transparenz und Aufrichtigkeit viele Fragen aufwirft (siehe Kapitel 2 unserer Untersuchung), schließt die TLFF im Frühjahr 2018 ihre Pilottransaktion (TLFF I) mit langlaufenden Anleihen im Wert von 95 Mio. USD ab, um „die Finanzierung einer nachhaltigen Naturkautschukplantage [...] in zwei Provinzen Indonesiens zu unterstützen“ (2).

BNP Paribas übernimmt die Vermarktung der von der TLFF ausgegebenen Green Bonds, deren Emissionserlös zur Gewährung eines Darlehens an RLU verwendet wird. Dieses Darlehen soll dem indonesischen Unternehmen Investitionen ermöglichen, um die Erträge seiner Plantagen und damit die finanzielle Rentabilität der Anleihen zu steigern. So schließt sich der Kreis. Nebenbei vereinnahmen BNP Paribas und ADM Capital eine ansehnliche Provision (3)

Partner, Investoren und Berater von RLU:

Quelle: Mighty Earth

Stellen wir uns nun einen umweltbewussten europäischen Anleger vor, der am Steuer seines Elektroautos mit Michelin-Reifen sitzt. Immer wieder kommen ihm die Sätze aus dem Emissionsprospekt (4) von BNP Paribas in den Sinn, die ihn vom Kauf der grünen Anleihen überzeugt haben: „Diese Landschaft, die früher vollständig bewaldet war, wurde in den letzten Jahren stark abgeholzt“; „Die Kreditnehmer haben bis Dezember 2017 bereits rund 18.076 Hektar mit Kautschukbäumen bepflanzt“; „[sie] planen, [...] Naturwaldgebiete, die Tigern, Elefanten und Orang-Utans Lebensraum bieten“ und „Kohlenstoffsequestrierung durch die Entwicklung von Kautschukplantagen“. Mit seinem Geld bekämpft der Anleger aktiv den Klimawandel, und gleichzeitig darf er auf Gewinn hoffen – er ist begeistert.

Mit grünen Anleihen erst entwalden und dann „wieder aufforsten“

Das ist eine schöne Geschichte, die aber hier noch nicht endet. Wie unsere Untersuchung zeigt, begann sie auch nicht im Jahr 2014 mit einem Handschlag zwischen Michelin und Barito, sondern bereits einige Jahre früher.

Die Unterzeichnung des Joint Venture-Vertrags erfolgte nämlich nur wenige Monate nach dem Ende einer groß angelegten Waldrodungsaktion, die 2010 von einer der Tochtergesellschaften von Royal Lestari Utama, Lestari Asri Jaya (LAJ), in der Provinz Jambi (Insel Sumatra) vor den Toren des Nationalparks Bukit Tigapuluh eingeleitet worden war. Von dieser Abholzung hatte Michelin bereits Kenntnis (siehe Kapitel 2), als das Unternehmen die Gespräche mit Barito Pacific aufnahm, die zum Vertragsabschluss von 2014 führten – und damit lange vor dem Zeitpunkt, an …

Sie sind ein Medienunternehmen, eine firma oder eine Organisation ... Endecken Sie unsere maßgeschneiderten Redaktions- und Übersetzungsdienste.

Zum gleichen Thema