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Serbien auf der Seite von Putins Schlächtern

Während sich die Welt bei der Verurteilung der russischen Aggression gegen die Ukraine einig ist, haben sich die Medien in Serbien der Verherrlichung des Verbrechens hingegeben. Sie feiern die Zerstörung ukrainischer Städte und feuern die russischen Streitkräfte an, im Feldzug gegen das Nachbarland nicht aufzugeben, stellt der Belgrader Schriftsteller Tomislav Marković mit Entsetzen fest.

Veröffentlicht auf 21 Juli 2022 um 11:29
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“Ukraine greift Russland an!”– so lautete die Februarschlagzeile im Informer, dem populärsten serbischen Boulevardblatt, dessen Besitzer und Chefredakteur seit Jahrzehnten ein Hausfreund des Präsidenten Aleksandar Vučić ist. Diese surreale Überschrift stellt nicht etwa einen Ausrutscher der medialen Darstellung des Krieges in der Ukraine dar, sondern vielmehr das unverhüllte Abbild der Putinophilie, wie sie schon seit vielen Jahren in Serbien vorherrschend ist. Während sich die ganze Welt bei der Verurteilung der russischen Aggression gegen die Ukraine einig ist, haben sich die Medien unter der Kontrolle von Aleksandar Vučić der ungehemmten Verherrlichung des Verbrechens hingegeben.

Die Boulevardblätter, Tages- und Wochenzeitungen und Fernsehsender mit landesweiter Frequenz feiern die Zerstörung ukrainischer Städte und feuern die russischen Streitkräfte aus vollem Herzen an, im Feldzug gegen das Nachbarland nicht aufzugeben. Die Redakteure und Journalisten dieser Manipulationsmedien befinden sich in einer Art tiefer Trance; das Töten von Zivilisten, völlige Verwüstung von Städten sowie die Zerstörung von Kulturdenkmälern und Kirchen erfüllt sie mit Verzückung, Freude und Begeisterung.

Während weltweit in zahlreichen Städten Demonstrationen zum Zeichen der Unterstützung der Ukraine stattfanden, wurden in Belgrad Massenkundgebungen organisiert, bei denen Vladimir Putin zugejubelt und der Buchstabe “Z” auf den Asphalt gemalt wurde. Die ganze Welt schaut voller Entsetzen in Echtzeit dabei zu, wie auf den Straßen von Butscha Leichen liegen, Gebäude in Kiew und Charkow in Flammen aufgehen, Krankenhäuser und Schulen zerbombt werden, Autos brennen, Zivilisten vor den russischen Granaten und Bomben in U-Bahn-Stationen fliehen und  Millionen Flüchtlinge ihr Land verlassen; unterdessen macht das Herz der putinophilen Serben Freudensprünge. Anstelle von Mitgefühl für die unschuldigen Opfer macht sich massenhaft Verständnis für die Verbrecher breit.

Die Unmöglichkeit der Neutralität

Seine Untertanen in den Massenmedien feiern Tod und Zerstörung, doch unterdessen simuliert Aleksandar Vučić politische Neutralität. Mit knapper Not hat Serbien für die Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen gestimmt, in der die russische Aggression aufs Schärfste verurteilt und der Kreml aufgefordert wird, die Gewalt gegen die Ukraine sofort zu beenden, doch weigert es sich standhaft, Sanktionen gegen Russland einzuführen.

Vučić wurde bereits von Scharen europäischer Staatsleute, amerikanischer Senatoren und diversen Abgesandten aufgesucht, die ihm klarmachten, dass der Moment der Wahl gekommen ist: möchte Serbien ein Teil Europas sein oder ein Verbündeter Russlands? Jeglichem Druck zum Trotz hält Vučić Serbien weiter in einer Art Schwebezustand zwischen Himmel und Erde. Es ist jedoch klar, dass im Falle des verbrecherischen russischen Feldzugs gegen die Ukraine keine Politik der Neutralität möglich ist.


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Diese Haltung Serbiens gegenüber dem Krieg in der Ukraine erfordert ein paar zusätzliche Erläuterungen. Wo in anderen Ländern Sputnik und Russia Today für die Verbreitung der Kreml-Propaganda zuständig sind, verhält sich in Serbien ein Großteil der einheimischen Medien, als wären sie Teil einer russischen Maschinerie unter dem direkten Kommando von Vladimir Putin und dem Roskomnadzor, der föderalen Agentur für die Überwachung der Medien und Beaufsichtigung der Kommunikation.

Doch das Problem ist nicht nur medialer Natur, sondern eine Folge ohnehin verheerender Politik. Serbien hat sich nie von der großserbischen nationalistischen Ideologie losgesagt, die zu den Kriegen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien geführt hat. Es gab lediglich eine kurze Ausnahme während Amtszeit von Zoran Đinđić als Premierminister, doch dieser Versuch einer Rückkehr zur Zivilisation wurde durch dessen Ermordung am 12. März 2003 jäh unterbrochen. Das Attentat ist von exakt jenen Mächten v…

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