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Auszubildende in Deutschland während der Pandemie: „Helfen, wo es brennt“

Deutschlands Ausbildungssystem ist eine der wichtigsten Säulen des deutschen Arbeitsmarkts. Zehntausende Lehrstellen blieben 2020 jedoch unbesetzt, weil Corona das Kennenlernen zwischen Betrieben und Auszubildenden erschwert. Ist diese Hürde einmal genommen, übernehmen Azubis derzeit oft Verantwortung, die sie sonst nicht gehabt hätten. Über ihre persönliche Situation hinaus machen sich einige, vier Monate vor der Bundestagswahl, Sorgen um ihr Land.

Veröffentlicht auf 13 Mai 2021 um 10:43

Als Kind träumte Oliver Sachsze davon Architekt zu werden. Als er vor vier Jahren seinen Realschulabschluss machte, wollte er Verkäufer werden, etwas später dann Tanzlehrer. Den richtigen Beruf zu finden ist schon unter normalen Bedingungen nicht leicht, und die Pandemie macht den Weg in die Zukunft auch für Azubis nicht einfacher. Berufsorientierung, Praktika und Jobmessen konnten im vergangenen Jahr nur eingeschränkt stattfinden, sodass Betriebe und Auszubildende sich nicht persönlich kennenlernen konnten.

Bis Februar 2021 wurden bei der Bundesagentur für Arbeit, 387.471 Ausbildungsplätze erfasst, rund acht Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig gab es zwölf Prozent weniger Bewerber als vor einem Jahr, etwa 60.000 Ausbildungsplätze blieben unbesetzt. Um diesem Trend entgegenzusteuern, bieten Arbeitsagenturen, aber auch die Industrie- und Handelskammern, virtuelle Formate der Berufsorientierung wie digitale Azubi-Speed-Datings an.


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Den Laden am Laufen halten

Oliver Sachsze kam noch vor der Krise über das Arbeitsamt an seine derzeitige Ausbildung im Bereich Groß- und Außenhandelskaufmann bei der Chemnitzer Firma Büroland, die hochwertige Büromöbel verkauft und „Büros von gestern umwandelt in Arbeitswelten von morgen“. Ein Slogan, der rückblickend wie eine geniale Eingebung klingt. Als Oliver Sachsze 2019 dort seine Ausbildung begann, war Corona « bloß eine Biermarke“ und er wurde in der Kundenberatung vor allem für den Verkauf von Büromöbeln in Verwaltungsgebäuden, Shops oder Konferenzräumen geschult. Das Büro von morgen hatte sich damals noch keiner in den eigenen vier Wänden vorgestellt. Aber der Betrieb passte sich an und verkauft nun auch höhenverstellbare Schreibtische und ergonomische Bürostühle fürs Homeoffice. „Gegen Nackenschmerzen“, sagt der umtriebige 20-Jährige, der selbst noch in Ikea-Möbeln bei seinen Eltern zu Hause wohnt. Eigentlich wollte er längst in eine „eigene, wunderschöne Dachwohnung“ gezogen sein, aber das ist ihm jetzt zu einsam.

Angst um seinen Ausbildungsplatz hatte er jedoch nicht. Während seine Ausbilder in Kurzarbeit geschickt wurden, hielt er, zusammen mit drei weiteren Azubis, „den Laden am Laufen“, 40 Stunden die Woche, bei vollem Azubigehalt. Eine einfache Rechnung: „Die Azubis als billige Arbeitskraft lassen wir da, und den Rest des 23-Mann-Betriebes schützen wir anders. Das klingt jetzt böse, aber ich nehme das meinem Chef nicht übel, denn ich konnte zu Hause eh nichts machen und war froh, so überhaupt noch etwas zu erleben“, sagt Oliver. Als die ersten Corona-Hilfen für den Betrieb im Rahmen des Bundesprogramms Ausbildungsplätze sichern flossen und nach zwei Monaten unerwartet viele Aufträge herein kamen, gab es eine Corona-Prämie von 300 Euro für alle, auch für die Azubis. Und die Chancen auf eine Übernahme im Betrieb stehen gut für Oliver. 

Horizonterweiterung und Eigenverantwortung 

Für Azubis in der Hotel- und Gastrobranche ist die Situation schwieriger. Viele mussten ihre Ausbildung abbrechen oder umsatteln. Auch die Lage im Hamburger Designhotel TORTUE war kritisch, als im März 2020 die Gäste ausblieben. Reservierungen, Restaurantbetrieb, Events, der gesamte Hotelalltag fiel weg, das TORTUE musste schließen, aber für die Auszubildenden ging es trotzdem weiter. Inventuren, Instandhaltungs- und Reinigungsarbeiten halfen über die Zeit bis zur Wiedereröffnung im Sommer hinweg. „Es wurde viel geputzt und es war nicht immer leicht“, sagt Paul Höfkes, Kochazubi im 2. Lehrjahr. Als das Hotel Anfang November erneut schließen musste, haben die Kochauszubildenden die Verpflegung des Personals übernommen. „So viel Verantwortung hätte ich unter normalen Bedingungen nicht gehabt, das hat viel Spaß gemacht“, erinnert sich Paul.

Neben Sales, Marketing- oder Kommunikationstrainings fanden ab Jahreswechsel auch Risotto- und Spirituosen-Trainings auf Zoom statt, die Zutaten dafür holten die Azubis vorher im Hotel ab. An den Kochtrainings nahmen alle Auszubildenden teil, egal welcher Ausbildungsberuf. «Dafür hätte ich im normalen Hotelalltag keine Zeit», sagt Renée Adam, die ihre Ausbildung als Hotelfachfrau macht. «Wir haben auf Horizonterweiterung gesetzt und das kommt jetzt allen zu Gute», erklärt HR-Managerin Isabel Raschke.

Martin Barthels. Photo: Iris Hoffmann| Arbeitsagentur Sachsen

Wegen der Corona-bedingten Schließung mussten die Azubis phasenweise trotzdem in Kurzarbeit, allerdings bei vollem Gehalt. Manche Hotels haben ihren Auszubildenden in den ersten 3 Monaten Kurzarbeit nur 60 % ihres Gehalts gezahlt, dann gestaffelt 70 % und 80 %, so wie allen anderen Mitarbeitern in Kurzarbeit. „Das wollten wir nicht, da die Lebenshaltungskosten in Hamburg sehr hoch sind“, erklärt Isabel Raschke, die mittlerweile wieder aufatmen kann. Seit der Wiedereröffnung des Hotels für Geschäftskunden im April können etwa 95% der Azubis wieder eingesetzt werden.

Helfen, wo es brennt

Mit der neuen Situation klar kommen musste auch Martin Barthels, der diesen Sommer seine Ausbildung als Fachassistent für Arbeitsmarktdienstleistungen in der Arbeitsagentur Sachsen abschliessen wird. Als der 21-Jährige seine Ausbildung dort begann, lernte er u.a. Arbeitslosen- oder Kindergeld zu berechnen. Im März 2020 war plötzlich Kurzarbeitergeld das wichtigste Thema, mit dem jedoch auch seine Ausbilder bisher wenig zu tun hatten. 900 Betriebe hatten in Sachsen über das gesamte Jahr 2019 Kurzarbeit beantragt, allein im März 2021 waren es 1000. Um dieser Flut gerecht zu werden, wurden auch Azubis eingesetzt, obwohl das nicht auf dem Lehrplan stand.

Nach zwei Wochen Schulung ging es los. „Damals wusste keiner so recht, wie es weitergeht und dementsprechend war die Stimmung unter den Leuten. Aber wir waren genau da, wo es gebrannt hat und das war ein gutes Gefühl“, erinnert sich Martin Barthels. Keine leichte Aufgabe, so vielen Menschen in Existenznot am Telefon wieder neuen Mut zu machen. Die Hilfe des berufspsychologischen Dienstes, den die Arbeitsagentur in Sachsen seit Beginn der Krise seinen Mitarbeitern und Azubis zur Seite stellt, hat Martin jedoch nicht gebraucht. Angst, selbst arbeitslos zu werden, hat er auch nicht. Im Gegenteil, Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld wird auch in Zukunft viel beantragt werden.

„Die Stimmung im Land kippt »

Bereits im April 2020 hatten in Sachsen mehr als 13.000 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Im April 2021 lag die Arbeitslosenquote bei 6,3 %, knapp über dem bundesweiten Durchschnitt von 6 %. Das macht Martin Barthels Sorgen, auch im Hinblick auf die kommenden Bundestagswahlen. „Viele Existenzen sind zerbrochen und ich habe Angst vor einem Rechtsruck“. Bereits bei den Landtagswahlen 2019 in Sachsen belegte die AfD mit 27,5 % der Stimmen den ersten Platz, vor allem auf Kosten der Linken und der CDU. „Die CDU wird weiter stimmen verlieren“, meint Oliver Sachsze. “Viele Leute haben kein Verständnis für die Corona-Politik, da wird es noch einmal richtig knallen. Die Stimmung im Land kippt, aber ein Umbruch kann auch gut sein. Und die AfD wird keinen Kanzler stellen, ich habe trotz allem Vertrauen in unsere Demokratie.“

In Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll Stiftung – Paris

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