Milorad Dodik (Mitte), der serbische Präsident Aleksandar Vučić und der Geist des ehemaligen serbischen Nationalistenführers Slobodan Milošević.

Bosnien erneut vor dem Abgrund

Seitdem der bosnische Serbenführer Milorad Dodik den serbischen Teil Bosniens abzuspalten droht, könnte das 1995 gegründete Bosnien und Herzegowina auseinanderbrechen. Der alte Traum der serbischen Nationalisten aus dem Bosnienkrieg soll auf diese Weise verwirklicht werden, warnt der bosnische Schriftsteller Faruk Šehić aus Sarajevo

Veröffentlicht am 29 November 2021
Corax  | Milorad Dodik (Mitte), der serbische Präsident Aleksandar Vučić und der Geist des ehemaligen serbischen Nationalistenführers Slobodan Milošević.
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Die derzeitige Situation in Bosnien und Herzegowina erinnert an die frühen Neunziger, an die Geschehnisse unmittelbar vor dem Krieg. Es scheint durchaus begründet, Parallelen zu einer Zeit der nationalistischen Unruhen und Möchtegern-Politiker, der kollektiven Ängste und Hoffnungen zu ziehen.

Die Berliner Mauer wurde gestürzt, doch die Mauersteine sind uns auf den Rücken gefallen. Jugoslawien taumelte seinem blutigen Zusammenbruch entgegen.

Was jetzt für Chaos sorgt, sind die Sezessionsdrohungen des Teils von Bosnien und Herzegowina, der Republika Srpska heißt. Diese ist durch das Daytoner Friedensabkommen entstanden, als ethnisch bereinigtes Gebiet unter der Kontrolle serbischer Kräfte, nachträglich mithilfe dieses Friedensabkommens in eine politische Entität verwandelt.


Archipel Jugoslawien:

  1. Das leichte Leben
  2. Leben am Tatort
  3. Die apokalyptische Uhr
  4. 30 Jahre Archipel Jugoslawien
  5. Ich schreibe nicht über Krieg, weil ich es will, sondern weil ich keine andere Wahl habe
  6. Brüderlichkeit und Einigkeit

Radovan Karadžić, der Anführer im Krieg des aufständischen Teils von Bosnien und Herzegowina, begründete seine Politik auf Islamophobie und dem Mythos von der Bedrohung des serbischen Volks seitens der Moslems. Diese Serben waren von den Moslems ähnlich bedroht wie die Deutschen durch die Juden in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts.

Was der Anführer der bosnischen Serben, Milorad Dodik, heute tut, ist genau das Gleiche, er versucht Karadžićs Kriegsziele mit politischen Mitteln zu verwirklichen. Außerdem gewinnt er mithilfe der Islamophobie erhebliche Unterstützung der europäischen illiberalen Parteien und ihrer Anführer.

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Kaum jemand beachtet Dodiks alltägliche Provokationen und das Verbreiten skrupelloser Lügen in der Medienlandschaft. Einige Analytiker versuchen diese politische Krise durch das Klischee zu rechtfertigen, Politiker würden sich dieser feurigen Rhetorik zu Wahlkampfzwecken bedienen, oder um ihr eigenes kriminelles Wirken zu vertuschen. Kriegstreiberei ist aber genau das, was sie ist, sie hat keine verborgene Bedeutung.

Milorad Dodik glaubt tatsächlich, was er sagt. Seine Worte sind explosiv, seine Auftritte haben jede rote Linie längst überschritten; die Menschen haben sich an seine ultranationalistischen Exzesse gewöhnt. Und genau das sehnt er herbei. Er möchte, dass die Bürger von B.u.H und die probosnischen Parteien all dessen derart überdrüssig werden, dass sie die neue Realität wohl oder übel akzeptieren. Und in einer neuen Realität wäre die Republika Srpska mit Serbien vereint. Dass dies nicht auf friedlichem Wege zustande kommt, weiß selbst Milorad Dodik.

Deshalb wendet er die Taktik vom Frosch im Topf an. Wenn wir einen Frosch in heißes Wasser legen, springt er heraus. Legen wir ihn dagegen in einen Topf mit kaltem Wasser und erhöhen die Hitze schrittweise, wird er gekocht, ohne es zu merken. Die Gekochten sind in diesem Szenario wir, die Bürger von Bosnien und Herzegowina, sowie der Staat B.u.H.

Sollte die Volksversammlung der Republika Srpska per Abstimmung ihren Rückzug aus den Streitkräften von Bosnien und Herzegowina, der Staatlichen Untersuchungs- und Schutzbehörde oder der Verwaltung für indirekte Besteuerung beschließen, würde das formal das Ende von Rechtsstaatlichkeit und Gesetz in Bosnien und Herzegowina bedeuten. Eine Anarchie würde einkehren, in der die Republika Srpska eine nicht anerkannte politische Entität wäre, wie Transnistrien oder Abchasien, nur von illiberalen EU-Ländern anerkannt. Für Bosnien und Herzegowina selbst würde das eine Katastrophe bedeuten; eine demographische, wirtschaftliche, kulturelle und moralische.

Danach käme es zu bewaffneten Konflikten. Niemand kann sagen, von welcher Intensität der neue Krieg wäre, aber seine Folgen wären für die Einwohner dieses Landes unabsehbar, allein deshalb, weil wir uns von den Traumata des letzten Krieges noch nicht erholt haben und einen neuen einfach überhaupt nicht gebrauchen können. Ganz zu schweigen von all den Toten, Verwundeten, Vertriebenen und Verschwundenen. In Bosnien und Herzegowina gelten nach wie vor 7.500 Personen aus dem letzten Krieg als vermisst.

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