Ideen Archipel Jugoslawien | Kosovo

Das leichte Leben

Vom Mythos der jugoslawischen Brüderlichkeit und vom Traum der Revolution bis zum Alptraum des Krieges: Kindheitserinnerungen und Traumata im Kosovo. Artikel 1 unserer Serie über den Zerfall Jugoslawiens und den Krieg, 30 Jahre danach.

Veröffentlicht auf 3 August 2021 um 10:28

Mein Vater ist kein besonders geselliger Mensch. Gespräch ist seine Sache nicht. Selten redet er, und wenn, dann nur kurz. An jenem Septembertag 1990 machte er den Mund gar nicht erst auf. Er kam von der Arbeit nach Hause und zog sich schweigend in sein Zimmer zurück. 

Es ist für Nahestehende nicht immer leicht zu erkennen, wenn jemand einen Absturz erleidet. Aber bei verschwiegenen Menschen, wie meinem Vater, erst recht. Als Maschinenbauer leitete er zu jener Zeit die Energieabteilung in der Fabrik Metaliku bei Gjakova – eine Stadt im Südwesten von Kosova, nahe der albanischen Grenze. Meine Mutter arbeitete in einer Textilfabrik, ebenfalls in Gjakova. Beide wurden in jenem Herbst entlassen, weil sie, wie tausende andere, sich weigerten, eine Treueerklärung an Serbien zu unterschreiben. 


Archipel Jugoslawien:
  1. Das leichte Leben
  2. Leben am Tatort
  3. Die apokalyptische Uhr
  4. 30 Jahre Archipel Jugoslawien
  5. Ich schreibe nicht über Krieg, weil ich es will, sondern weil ich keine andere Wahl habe
  6. Brüderlichkeit und Einigkeit

Meine Eltern wurden geboren, als das Experiment Jugoslawien seinen Lauf nahm. Ich wurde geboren, als dieses Experiment vor dem Scheitern stand. Alle drei waren wir Zeitzeugen jenes „bolji život“, wie die Jugoslawen es nannten. Das sozialistische Jugoslawien – ein gemeinsames Projekt mehrerer Balkanvölker – sollte diesen für viele Jahrzehnte ein gutes, ein „leichtes Leben“ bescheren. Eine Ausnahme bildeten darin die kleineren Ethnien wie die Albaner. Trotzdem haben wir drei ein wenig von der jugoslawischen Idylle kosten können. Meine Eltern waren von dem berühmten jugoslawischen Slogan beseelt, von Titos Motto, wonach „der Frieden hundert Jahre dauern wird“. Am anderen Ende stand meine Generation, mit dem ständigen Gefühl, dass „der Krieg jederzeit ausbrechen kann“. Und das tat er wirklich, jederzeit, und jedes Mal in neuem Gewand. 

 „Bolji život“ war nie für die Kosovoalbaner gedacht. Die neunziger Jahre sollten dann gänzlich die Slogans von Brüderlichkeit und gemeinsamem Friedensprojekt hinwegfegen. Es folgte die offene Feindschaft, und die ehemalige brüderliche Gemeinsamkeit verkam zur fernen Erinnerung. Diese begleitet uns seltsamerweise bis heute, als Denkmal der „Brüderlichkeit-Einigkeit“ im Herzen der kosovarischen Hauptstadt, wenn auch in anderer Bedeutung – des einen Glorie steht heute für des anderen Schande. Mein neunjähriger Sohn dagegen findet es einfach nur hässlich und bizarr. Noch befremdlicher findet mein Kind den früheren Namen des Sportpalastes: Boro-Ramiz. Ich erzähle ihm die Mär von den zwei Partisanen, Helden Jugoslawiens, der eine Serbe, der andere Albaner. Und von deren Brüderlichkeit, die als Symbol für die Einigkeit beider Völker stand. Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. 

Die sakral anmutende, dinosaurierhafte kommunistische Architektur verschmilzt mit dem profanen Alltag der Bewohner und Passanten, was die Jüngeren, wie mein Kind, äußerst kurios finden. Diese steinernen Zeugen des Mythos der Brüderlichkeit bleiben erstaunlich wirkmächtig. Vielleicht weil der Tod des Mythos eine Zeit der Gewalt und Katastrophen nach sich zog, mit seinem letzten Atemzug als einem mächtigen, langsamen Sog in den Abgrund. 

Ein Sturz in den Abgrund war auch jener Septembertag im Jahr 1990, als die Lebensläufe meiner Eltern wie ein Kartenhaus in sich zusammenfielen. Meine Mutter spricht ab und zu über diesen Tag; wie die lebenslangen Mühen und Hoffnungen auf ein besseres Leben über Nacht vernichtet wurden. Davon sollten sich meine Eltern nie wieder erholen, ihr Leben verlor für immer jede Aussicht auf Struktur und Kontinuität. 

Im Frühjahr 1989 war Kosova der Status als autonome Region der Jugoslawischen Föderation, den es seit 1974 besaß, bereits aberkannt worden. Es fiel damit direkt unter die serbische Polizeiherrschaft. Das Leben meiner Eltern samt meiner Kindheit wurde auf den Kopf gestellt. Im Ausnahmezustand war an ein normales Leben nicht mehr zu denken. Das „leichte Leben“ gehörte nun endgültig einer vergangenen Epoche an. 

Ich war klein und mir der Schwere des Einschnitts zunächst nicht bewusst. Meine Routine änderte sich aber allmählich. Die Eltern waren jetzt viel mehr zuhause. Unsere Bewegung wurde immer mehr eingeschränkt: die Spaziergänge am Wochenende, die Qualität des Essens. Alles begann zu schrumpfen, auch die Zahl der Einwohner. Kosova wurde zur verlassenen Heimat für viele, die die Flucht ins westliche Europa antraten, oder noch weiter, über den Ozean. Doch für meinen Vater kam das nicht in Frage. Er würde dieser Erde immer treu bleiben, niemals würde er sie verlassen. Es lag an seiner tiefen, nach außen hin kaum wahrnehmbaren Heimatbindung, die in der turbulenten Familiengeschichte begründet war. Seinen Großvater hatten die Partisanen getötet, seinen Vater trieben die Kommunisten in den Ruin, indem sie ihn zum Umzug in andere Städte zwangen. 

Der Ausnahmezustand und die polizeilichen Maßnahmen setzten uns schwer zu. Im Bemühen, angesichts der bedrohlichen Umbrüche das Familienleben einigermaßen heil zu halten, wandte sich mein Vater in den ausgedehnten Zusammenkünften am Samstagabend seinen Erinnerungen aus der Studienzeit in Zagreb zu. Er erzählte Geschichten aus der Zeit, die er für die schönste in seinem Leben hielt, oder von seinen Reisen durch Europa in den siebziger und achtziger Jahren, als Kosovoalbaner, die sich das leisten konnten, sich frei bewegen durften. Es waren die einzigen Geschichten, die er erzählen mochte, und ich hörte ihm gerne zu. Ich lernte sie dadurch kennen, die Quelle seiner Liebe. Ich träumte dabei von anderen Leben, anderen Orten, anderen Welten. Was gab es dort, hinter den Grenzen unserer bedrohten Realität? Das blieb für mich unbekannt, und ich lernte, in meinem eigenen Häuschen zu leben. Wir reisten nicht mehr, nur einmal im Jahr machten wir Ferien an der montenegrinischen Küste, in Ulcinj, wo wir eine Sommerhütte besaßen. 

Jene unbekannte Welt und jene unbekannten Orte malte ich mir schön aus. Ich wagte nie zu fragen: „Wo ist die Grenze?“ Es gab so viele Grenzen, sichtbare und unsichtbare: politische, wirtschaftliche, sprachliche, kulturelle. Die andere Welt blieb unbekannt und ich wurde zur dauerhaften Träumerin. 

Auch Träumen war eine „Straftat“, aber davon konnte mich niemand abhalten, und ich erzählte meine Träume mir selbst. Der Traum von Freiheit war ein schönes, seidenes Tuch. Der Traum von der Volkserhebung war ein zerfetztes, geflicktes Tuch. Der gerechte Gott des Traums war nicht gerecht, als er uns solch große Träume schenkte. Denn am Ende blieb alles nur ein Traum. Bis heute erinnere ich mich an diese Träume, so fassbar für mich damals, dort auf den Straßen, wo die Proteste stattfanden. Meinen Traum von Freiheit erträumte ich am Straßenrand, auf dem Hauptplatz, mitten in der Menge von Tausenden, die wie Soldaten ohne Fahnen marschierten. Ich glaubte den großen Männern, die uns Kinder „kleine Helden der Zukunft“ nannten, welche am Straßenrand von gestern die Freiheit von morgen zusammenweben. Auf die Straße zu gehen, bedeutete, sich der Realität der Lebensunterdrückung zu stellen – da traf sich die Ohnmacht einer Zehnjährigen mit dem nationalen Drama. Dieses Erlebnis gehört zu den mächtigsten meiner Kindheit: Gefühlsaufruhr aus Revolte, Stolz und Furcht. Ich flickte meinen Traum mit den Slogans „Freiheit-Demokratie!“, „Kosova-Republik!“, bis er am Ende des Tages wieder zerfetzt wurde und wir enttäuscht nach Hause zurückkehrten. In diesem Durcheinander erträumte ich mir die große Revolution, die Frieden bringen würde, ohne zu ahnen, dass eine Kindheit in einer solch dramatischen, spannungsreichen Zeit das spätere Erlebnis des Friedens erschweren, ja entstellen würde. Ich war ein Kind, das in einem ununterbrochenen Kriegszustand lebte und sich jeden Tag fragte, welcher neue Krieg denn morgen ausbrechen wird. 

Wie weit entfernt die großen Träume von unserem Familienleben auch lagen, zuhause war alles gut, solange es fürs Essen reichte. Nach ihrer Entlassung wurde meine Mutter zur Hausfrau, während mein Vater eine kleine Hühnerfarm auf den Ländereien von Großvater betrieb. In ruhigeren Zeiten lief der Handel. Wenn die Spannungen wuchsen, stockte er, und das Essen auf dem Tisch wurde weniger. So hing unser häuslicher Segen direkt von der politischen Lage ab. 

Ich weiß noch, es muss 1993-1994 gewesen sein, wie ich einen roten, hochmodischen Mantel in den Schaufenstern des Kaufhauses sah und unbedingt haben wollte. Vergeblich versuchte ich, meinen Vater zum Kauf zu überreden. „Wir haben das Geld nicht“, gab er schroff zurück. Es war ein sehr trauriger Tag. Nicht nur wegen des Mantels, sondern wegen all der Dinge, die ich nicht haben konnte. Ich wünschte mir echte Sachen, Farben, Düfte, Reisen, reale, fassbare Freiheiten und nicht nur deren Abbildungen. Ich wollte gerne ein eigenes Zimmer haben. Ich wollte wirklich reisen können, statt die Welt im Fernsehen zu sehen. Ich träumte von einem echten, eigenen Leben, aber ich lebte in einem kleinen Haus in einer kleinen Stadt und in einer Zeit, in der sich täglich über unseren Köpfen Großes und Erschütterndes zusammenbraute. 

 Die Geschichte war dabei, ihre nächste Seite aufzublättern; es geschah vor unseren Augen und mit schwindelerregender Geschwindigkeit. Ich gewöhnte mich an das furchtbar Große und Leere, an die Unsichtbarkeit der begehrten Dinge und legte mir Gleichgültigkeit zu. Es klingt erschreckend, dieses Leben mit dem Gefühl, dass morgen alles wieder vorbei sein könnte. Aber wir erwiesen uns als erstaunlich robust und fähig, uns blitzschnell an alles anzupassen. In einer Welt, in der sich alles ständig verschob, lernten wir, unsere kleinen Oasen zu schützen. 

Dieses „sich verschiebende Leben“ war das Gegenstück zum „normalen Leben“. Das normale Leben setzt Stabilität voraus und das Gefühl, dass es vorangeht. Wenn man im Chaos lebt und die Normalität außer Reichweite liegt, neigt man zu deren Überhöhung. In Zeiten, in denen die Realität ständig auf- und abgebaut wird, wie Theaterkulissen bei jeder neuen Szene, tauchen die großen, metaphysischen Fragen auf – über den Sinn und Unsinn des Lebens, über das Unentschlüsselte in unserem genetischen Code.

Die Forscher haben eine „epigenetische“ Erklärung über die Weitergabe von psychisch-physischen Traumata: Diese hinterlassen ihre Spuren in den Genen des Individuums, die dann den Nachkommen vererbt werden. Mein Vater wollte nie über sein Trauma reden, und doch wurde sein Trauma auch meins. Er wollte nie darüber reden, wie die Realität durch das Trauma verformt wird. Er sprach nie über den Tod, außer wenn er sagte, es sei Zeit, den Tod von sich wegzuschieben. So weit wie möglich! Ich dagegen mochte es, über den Tod zu reden, zumal er in meiner Zeit einen ganz anderen Stellenwert angenommen hatte. Er herrschte über unser Leben und gab diesem eine völlig neue Perspektive. Er brachte mir eine große, wenn auch maßlos ironische Lektion bei – nicht über das Nichts danach, sondern über die Fülle im Hier und Jetzt. Mein Flirt mit dem Tod war künstlerisch und philosophisch. Doch zu jener Zeit gab es überall Menschen, die wussten, wie man stirbt. Und auch welche, die zu töten fähig waren.  

 Wir schreiben das Jahr 1998. Es ist Frühsommer, draußen brennt die Sonne. Meine Mutter legt ihre „Tagesschicht“ ein, sie kocht, putzt und wäscht. Mein Vater ist gerade eben vom Markt zurück, wo er Eier verkauft hat, schweigsam, abwesend, mit der Last der sengenden Hitze auf den Schultern. Er liest die Zeitung. „Es geht los“, sagt er. Mutter senkt den Kopf. Sie geht in die Küche, Kaffee kochen. 

Der schrecklichste Tag des Krieges war für mich der erste Tag der Befreiung. Ich fühlte mich so erschöpft wie noch nie. Meine Mutter brachte das vor Monaten verlassene Haus in Ordnung.

Ein paar Tage später kam meine Kindheitsfreundin zu Besuch. „Ich ziehe in den Krieg“, sagte sie, „und wir sehen uns vielleicht zum letzten Mal.“ Sie sah nicht wie eine Kriegerin aus. Sie war schön, blondes Haar, blaue Augen, sehr attraktiv. Ich kannte sie seit immer, sie lebte im Nachbarhaus. Wir hatten oft über die Revolution gesprochen, „Heldinnen“ gespielt. Die Revolution gibt sich die Ehre, ihre eigenen Söhne zu fressen. Für die Töchter reicht nicht einmal das. Sie bleiben hinter der Tür, wie ein Besen, mit dem man den Boden kehrt. Dieses schöne und leidenschaftliche sechzehnjährige Mädchen floh eines Nachts ins Hinterland, zur kosovarischen Armee. Einige Jahre später hörten wir, dass sie Selbstmord begangen hatte. 

Unsere Wege trennten sich in jenem Sommer. Sie ging, ich blieb. So prägt die Geschichte Parallelen und Unterschiede. Vielleicht gibt sich die Revolution manchmal die Ehre, auch ihre eigenen Töchter zu fressen. Aber wenn überhaupt, dann auf den echten Schlachtfeldern und nicht in den verträumten Ecken wie der meinen. Während draußen eine echte Tragödie die Menschen beschäftigte, blieb ich bei meinen Büchern. Das war mein Weg, inmitten des reißenden Stroms zu überleben. 

Die Trennlinie zwischen denen, die von der Revolution träumten, und denen, die die Revolution machten, verlief ein paar Kilometer hinter unserem Haus. Aber was unvorstellbar ist, kann nicht passieren – bis es wirklich passiert. Ich war durch mein eigenes Vorstellungs-Unvermögen geschützt; ich glaubte, dass dieser neue Krieg nicht so aufregend sein kann. Das Grauen versteckte sich vollends hinter dem Unvorstellbaren. 

Das Jahr 1999 sollte dann die gnadenlose Klarheit bringen – das ganze Ausmaß der Tragödie und der Absurdität des Seins, der Geschichte, des Schicksals. Es war ein Hinabsteigen in die Hölle, in die absolute Unmenschlichkeit. Es war die Begegnung mit der Faszination des Bösen. 

Am Abend des 24. März 1999 verfolgten mein Vater und ich die BBC-Nachrichten über den Beginn der NATO-Bombardements gegen Serbien. Es war sein altes Radiogerät, das er seit seiner Studienzeit besaß. Er trank Raki. „Es ist der Anfang vom Ende“, sagte er, „es heißt, bald ist alles vorbei.“ Dann schwieg er wieder, mit dem Ohr am Gerät. Ich hörte mit, in meinem gelben Schlafanzug. Ich konnte nicht schlafen. Es war die letzte Nacht, in der ich in meinem Schlafanzug, in meinem Haus schlafen würde. Es war eine schöne Nacht, wenn auch eine sternenlose. 

Viele schliefen ruhig in jener Nacht, durch das Unvorstellbare geschützt. Viele andere hatte das Unvorstellbare schon eingeholt. Als ich wach wurde, hörte ich die Stimmen mehrerer Frauen aus unserem Wohnzimmer. Die Frauen in meiner Stadt waren immer schon die Ersten gewesen, die die Neuigkeiten erfuhren und verbreiteten. Heute berichteten sie völlig verstört über Gräueltaten, Tötungen, Vergewaltigungen, Vertreibungen, die in der vorigen Nacht durch militärische und paramilitärische serbische Kräfte verübt worden waren. Und die bis Mitte Juni systematisch fortgesetzt werden sollten, in jenem Jahr des Teufels. 

Unser Haus füllte sich mit Dutzenden Flüchtlingen. Wir zogen am selben Tag, alle zusammen, in ein anderes Haus. Und dann in ein anderes, und noch ein anderes, wir, sterbensbedrohte Nomaden, die das Sterben so weit wie möglich von sich wegzuschieben versuchen. 

In jener ersten Nacht der Bomben wurde unser Leben in zwei Teile aufgespalten: in die Zeit vor dem Grauen und in die Zeit nach dem Grauen. Das Unvorstellbare wurde vorstellbar und würde es auch für immer bleiben. Getrennt werden die beiden Teile von einer Erinnerungslücke, von dem Rätsel, wie wir über Nacht zu nichts und niemand werden konnten.

Der Krieg war zu Ende, doch die schlimmsten Tage sollten noch folgen. Die Gefallenen hatten sich in den Eulengesängen schlafen gelegt, die Überlebenden kehrten in die Heimat zurück. Die Toten kennen keinen Groll, und die Lebenden mussten ihn verlernen. Sie mussten den Frieden erlernen und den Krieg vergessen. 

Der schrecklichste Tag des Krieges war für mich der erste Tag der Befreiung. Ich fühlte mich so erschöpft wie noch nie. Meine Mutter brachte das vor Monaten verlassene Haus in Ordnung. Mein Vater ging zu seinem früheren Arbeitsort, in die Fabrik, um sich umzusehen. Der Gigant aus Metall stand völlig leer da, ausgeraubt. 

Ich hob meine vergrabenen Bücher und mein erstes Gedichtmanuskript wieder aus. Die Erde hatte sie aufbewahrt, so wie sie die Knochen der Toten aufbewahrt. Das Haus war da, alles war da. Aber unsere Seelen kamen nur mühsam hinterher. 


Dieser Artikel ist Teil des Projekts Archipel Jugoslawien von Traduki. Er wird in Zusammenarbeit mit der S. Fischer Stiftung veröffentlicht.


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