Ideen Archipel Jugoslawien | Croatien
Die kroatische Stadt Vukovar nach der 87-tägigen Belagerung durch die jugoslawische Armee im Jahr 1991.

Ich schreibe nicht über Krieg, weil ich es will, sondern weil ich keine andere Wahl habe

Zoran Žmirić wurde 1969 in Rijeka geboren, zog für Kroatien in den Krieg, wurde verwundet und konnte danach 10 Jahre lang nicht schlafen. Alle seine vielfach ausgezeichneten Bücher handeln von seinen Erfahrungen aus dieser Zeit.

Veröffentlicht auf 30 August 2021 um 17:00
© Mladen Pavković  | Die kroatische Stadt Vukovar nach der 87-tägigen Belagerung durch die jugoslawische Armee im Jahr 1991.

Ich sitze bei einem Kaffee mit Liam, der geschickt eine Zigarette rollt, das Papier mit Speichel befeuchtet, den Rauch ausbläst und dann sagt: „Ich habe ein Kapitel aus deinem Roman gelesen. Hervorragend übersetzt. Schreibst du sonst auch immer Horror?“ Galway und Rijeka sind Kulturhauptstädte 2020, und es lief darauf hinaus, dass ich früher oder später einem aktiveren Mitglied der irischen Kunstszene über den Weg laufen würde. Liam ist fingerstyle Gitarrist, Maler und Dichter, und während meines kurzen Aufenthalts in Galway ist er darüber hinaus mein Gastgeber und Stadtführer.

Ich habe keine andere Wahl, ich werde hier mein Bestes geben müssen, obwohl ich sehe, dass hier nichts dabei herauskommen wird. Alters- und interessensmäßig stehen wir uns nahe, dennoch steht für mich fest, wir werden einander nicht verstehen, und das liegt weder an meinen bescheidenen Englischkenntnissen noch an Liams starkem gälischen Akzent. „Das ist kein Horror“, sage ich zu Liam. „Das ist die Realität am Balkan.“ In Liams Blick sehe ich Staunen und Traurigkeit, aber hinter dieser oberen Schicht erahne ich ein Strichcode-Lesegerät, mit welchem er versucht, zumindest Spuren von meinem Sarkasmus einzufangen.

Er kann jedoch keinen Sarkasmus finden, also presst er hervor, als würde er nur zu sich selbst sprechen: „For fock sake.“ Liams aufrichtiger, zufällig entwischter Kraftausruck gibt mir zu verstehen, dass das Trauma des Balkans sich ins Unendliche perpetuieren wird und dass wir einen Trost dafür niemals außerhalb dieser geschlossenen Gegend finden werden. Er ist sich nicht einmal dessen bewusst, dass er meine These bestätigt, als er selbst sagt: „Ja, ein Kriegstrauma ist etwas Entsetzliches.“ Wir verstehen einander nicht, wir können einander nicht verstehen, und dennoch nehme ich mir vor, ihm die ganze Sache zu erklären. Nicht etwa um seiner selbst willen, sondern aus rein egoistischen Gründen, denn es bringt mir Erleichterung, es noch einmal auszusprechen. 


Archipel Jugoslawien:
  1. Das leichte Leben
  2. Leben am Tatort
  3. Die apokalyptische Uhr
  4. 30 Jahre Archipel Jugoslawien
  5. Ich schreibe nicht über Krieg, weil ich es will, sondern weil ich keine andere Wahl habe
  6. Brüderlichkeit und Einigkeit

Ich kann mich genau erinnern, wann das Trauma seinen Anfang genommen hat. Keineswegs zu einem Zeitpunkt, den jemand von außen, jemand wie Liam, automatisch annehmen würde. Die Rede ist nicht von dem Trauma, das einem die Kriegserfahrung selbst verpasst. Die Rede ist von dem Trauma, das einem Menschen, der nach dem Krieg versucht, wieder normal zu leben, von seiner eigenen Umgebung beschert wird. Ich erinnere mich allerdings auch an den Moment, als ich in den Krieg gezogen bin. Wir saßen im Klub Palach, tranken Bier und hörten Rockmusik. Im Fernsehen liefen Nachrichten, protestierende Serben hätten in einem psychiatrischen Krankenhaus in Vrlica das Trinkwasser abgedreht.

Wir schauten alle gemeinsam fern, und jemand sagte: „Die spinnen ja, die werden erst dann Ruhe geben, wenn sie alles, was sie vorhatten, umgesetzt haben.“ Was genau sie vorhatten, war mir nicht ganz klar, aber ich wusste, jemand musste sich ihnen widersetzen. Jemand, der sich auch sonst gut darauf verstand, sich bei jeder Gelegenheit zu widersetzen, ob passend oder unpassend. Jemand, der sich darauf verstand, sich in eine Schlägerei einzumischen und die Streithähne auseinanderzubringen, ohne zu wissen, wer die Schlägerei vom Zaun gebrochen hatte und warum, jemand der mit seinen Mitschülern stritt, wenn diese Roma-Kinder oder Albaner in der Klasse hänselten. Jemand wie ich. 

Das erste Anzeichen für das Trauma war die Frustration. Wir kamen zum Kampfgebiet, wo der Befehlshaber uns wissen ließ, wir sollten die letzte Patrone für uns selbst aufheben. Ich fand das alles urkomisch, geradezu auf der Ebene eines Filmklischees angesiedelt. Dann ging es aber los, es ging um etwas, das ich schon kannte und das keineswegs harmlos war. Man erklärte uns, wir seien da, um die Staatsgrenzen, die Demokratie, die Existenz, den jahrhundertealten Traum und noch einiges mehr zu verteidigen, wobei ich bei einigen der genannten Dinge nicht gerade bewandert war.

Der Staat, der ehemalige wie der soeben formierte, war mir ebenso gleichgültig wie mir auch ein dritter Staat egal wäre, sollte uns schon morgen jemand dazu zwingen, in ihm zu leben. Schließlich stamme ich ja aus Rijeka, einer Stadt, die innerhalb von etwas weniger als hundert Jahren neun Staatszugehörigkeiten gewechselt hatte. Begeisterung zu empfinden ob der Erkenntnis, dass du in einem von diesen durch Politiker und ihre Abmachungen etablierten Staaten lebst, ist ein Konzept, das ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann, so leid es mir auch tut. Für mich sind Grenzen nichts anderes als Kurven im Atlas – heute so, und morgen wer weiß wie. 

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Die Willkommensansprache des Befehlshabers erinnerte mich an meinen Onkel Ivan, der 1942 als Vierzehnjähriger in den Krieg gezogen war. Die italienischen Soldaten zündeten damals Dörfer an, wahllos der Reihe nach, und als sie schon zu dem Dorf meines Onkels herangerückt waren, schnappte sich mein Onkel eine Mistgabel und attackierte die Italiener, gemeinsam mit Gleichaltrigen und etwas Älteren. Nach der erfolgreichen Aktion teilten die Partisanen ihn und die anderen Männer aus seinem Dorf bald in Gruppen ein und führten Disziplin ein, und erklärten ihnen anschließend, ihr Kampf um das nackte Überleben sei in Wirklichkeit vom Ansinnen motiviert gewesen, das bestehende System zum Einsturz zu bringen, und ihr Ziel sei es doch, eine bessere Welt aufzubauen.

Mein Onkel wusste nicht einmal, was Klassenkampf und Weltrevolution bedeuteten, er hatte noch nie von Marx und Lenin gehört, und noch weniger vom Sozialismus. Ihn interessierte es nur, die Faschisten wieder dorthin zurückzuschicken, wo sie hergekommen waren, um anschließend wieder zu seiner eigenen Routine zurückkehren zu können. Ich dachte darüber nach, während der Offizier vor uns selbstbewusst mit Phrasen um sich warf und sich auf eine krankhafte Weise an seiner eigenen Rhetorik berauschte, die allerdings spurlos verschwunden war, als ich ihn ein Jahrzehnt später im Fernsehen sah, wie er vor dem Haager Tribunal lauthals schwieg. Zu dem besagten Zeitpunkt jedoch, als ich vor ihm stand, verknüpfte ich meine Erfahrung mit der Erfahrung meines Onkels Ivan, verband die beiden Punkte auf der Zeitachse, fast im selben Raum, und spürte deutlich, dass da etwas nicht stimmen konnte. 

Ich hatte nicht für ein Land gekämpft, das ich nicht liebe, sondern ich liebe das Land nicht, für das ich gekämpft hatte.

Mein Eindruck, dass hier etwas nicht stimmen konnte, verstärkte sich noch zusätzlich, als der Nebel sich lichtete. Nach einem Klinikaufenthalt verließ ich ein Jahr lang meine Wohnung nicht. In dieser Zeit kam immer wieder jemand aus meiner Kampfeinheit vorbei und ließ mich wissen, dass ich mir keine Sorgen machen solle, man werde alles dafür tun, um mir eine bessere Rente zu verschaffen. Ich machte mir aber gar keine Sorgen, denn die Rente wollte ich gar nicht haben. Ich wollte nur meine Routine wieder haben, mein Leben. Aber diese Leute dachten, sie würden mir einen Gefallen tun, und sprachen weiter darüber, wie sie zu meiner bestehenden Invalidität noch etwas hinzufügen könnten, wie sie nachträglich festhalten würden, dass ich in einer Militäraktion verwundet wurde, die nach meiner Entlassung aus der Armee stattgefunden hatte, denn sie würden die richtigen Leute kennen, und einen Freund lasse man nicht im Stich.

Ich dachte, man müsse mich offenbar sehr schätzen, war man doch bereit zu lügen, nur um mir das Leben nach meiner Rückkehr aus dem Krieg leichter zu machen. Aber je stärker ich mich widersetzte, desto vehementer insistierten sie, und schließlich ging ihr Insistieren in Aggression über. Da endlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie taten das nicht für mich, sondern für sich. Eine neue Gruppe von Anspruchsberechtigten hatte sich formiert, und die Anzahl ihrer Mitglieder war ein wichtiger Faktor. Sie verlangten nach Privilegien und Heldenstatus und nach allem anderen, was eben damit einherging. Sobald ich das begriffen hatte, nahm ich für immer Abschied von diesen Leuten, und in ihren Augen war ich nicht länger der langhaarige junge Typ in punkiger Lederjacke, der ums nackte Überleben gekämpft hatte, sondern ich war jemand geworden, der sein Land hasste.

Aber die Wahrheit ist eine andere; ich hatte nicht für ein Land gekämpft, das ich nicht liebe, sondern ich liebe das Land nicht, für das ich gekämpft hatte. Diesen Sprung in meinem Denken habe ich ausschließlich den Abweichlern zu verdanken, die den Krieg als eine Start-up-Plattform für ihr eigenes Vorankommen ausnützen wollten; der Clique, die in erster Linie sich selbst und später auch alle um sich herum davon überzeugen konnte, dass sie auf Grund ihrer Kriegsbeteiligung etwas Besonderes sei; dass man noch zu ihren Lebzeiten Denkmäler für sie errichten und ihnen Privilegien gewähren müsse. Unter ihnen bilden jene Leute eine besondere Kaste, die das Chaos ja geradezu herbeigesehnt hatten, die den Ausbruch von Gewalt genossen und sich am Leid der anderen bereichert hatten. Gerade wegen dieser Leute ist es heutzutage für jeden, der im Krieg gekämpft und dennoch seine Menschlichkeit bewahrt hat, eine Schande, überhaupt zu erwähnen, dass er im Krieg gewesen ist. Diese Leute sind für normale Menschen ein größeres Trauma als der Krieg selbst. Jeder, der das nicht versteht, tut mir aufrichtig leid. 

Aber diese Leute sind noch gar nicht das Schlimmste, das es in unserem Balkanhorrorbilderbuch zu finden gibt. Das Schlimmste ist, dass sie sich perfekt in unser heutiges System einfügen. In diesem Staat wird Kompetenz nicht geschätzt, stattdessen werden politischer Aktivismus mit nationalem Vorzeichen bevorzugt, und zwar auf sämtlichen Ebenen. Wäre dies nur in der Spitzenpolitik der Fall, dann wäre das wunderbar, denn es würde bedeuten, dass die Pyramide auf den unteren Ebenen gut funktioniert. Aber das Gegenteil ist der Fall. Sämtliche staatlichen Elemente von vitaler Bedeutung so wie auch jene auf unteren Ebenen werden von völlig unfähigen, aber gefälligen Personen geführt. Bei uns werden Vereine und Sportklubs ernsthafter gemanagt als der Staat selbst.

Unter ihnen bilden jene Leute eine besondere Kaste, die das Chaos ja geradezu herbeigesehnt hatten, die den Ausbruch von Gewalt genossen und sich am Leid der anderen bereichert hatten. Gerade wegen dieser Leute ist es heutzutage für jeden, der im Krieg gekämpft und dennoch seine Menschlichkeit bewahrt hat, eine Schande, überhaupt zu erwähnen, dass er im Krieg gewesen ist.

Vereine und Klubs verfolgen klar formulierte Ziele, die das Kollektiv erreichen möchte, während die Politiker den Staat wie einen Bankomaten erleben, von dem sie unbegrenzt viel Geld abheben können, während die kleinen Leute sich anstellen und darauf warten, dass einer von den Politikern versehentlich eine Münze fallen lässt. Für sie, für die arbeitsamen und anständigen Leute, gibt es keinen Gewinn an diesem Bankomaten. Außerdem ist die Arroganz der Politiker unverschämt. Jede Handlung, jede Aussage macht den Eindruck einer Verhöhnung der Menschen, als würde man einen Sterbenden zusätzlich noch verprügeln oder sich über Behinderte lustig machen. Ich reagiere schon lange allergisch darauf, wenn man sich über andere lustig macht. In meinen Augen liegen die Dinge ganz einfach: Ich denke, die Mehrheit hat die Pflicht, die Minderheit zu schützen, ganz gleich ob diese Minderheit sich über die nationale, soziale oder sexuelle Orientierung konstituiert. Bei uns aber geschieht genau das Gegenteil, und das ist ein Trauma, das in Kroatien schon viel länger andauert als der Krieg. 

All das hört sich Liam in einem Pub in Galway an, nickt eifrig dazu und fragt sich wohl, ob ich ihn womöglich als eine Spielfigur missbrauche, um meine eigene Phantasie anzustacheln und einen künftigen Dialog in einem künftigen Roman auszuprobieren, oder ob in Europa, nicht weit weg von seinem eigenen Land, tatsächlich etwas passiert ist und weiterhin passiert, was sich seinem Verstand nicht erschließt. 

„Hast du getötet?“, fragt er mich, beißt sich dann aber sogleich auf die Unterlippe und fügt entschuldigend hinzu, dass man ehemaligen Soldaten eine solche Frage nicht stellt, und ich schaue ihn an und denke an meine Freunde, die sich das Leben genommen haben, obwohl sie im Krieg keinen einzigen Schuss abgegeben haben. Ich erzähle ihm davon. Diejenigen, die sich nicht umgebracht haben, nahmen Medikamente mit Alkohol ein und konnten auf diese Weise zumindest eine Zeitlang in einer temporären Comfort-Zone Zuflucht finden, wo sie jedoch bald darauf verwelkten. Ich habe aus nächster Nähe gesehen, wo das hinführt, und habe beschlossen, aus ihren Fehlern zu lernen.

Nach dem Krieg habe ich keinen Tropfen Alkohol getrunken, auf der Suche nach einem Weg, mich wieder zu sortieren. Leicht war es nicht, vor allem nachts. Ich konnte zehn Jahre lang nicht schlafen. Und es ist nicht so, dass ich es nicht wollte. Jeden Abend zog ich mir meinen Pyjama an und legte mich mit der entsprechenden Absicht ins Bett, aber dort erhitzte sich mein Hirn, bis zur Sinnlosigkeit. Ich las langweilige Texte und schaute das Nachtprogramm im Fernsehen an, ich tat alles, um mich zu erschöpfen, aber die Erschöpfung allein reichte nicht aus.

Auch wenn mein Name jemandem nicht viel sagt, kommt bei der Erwähnung meiner Romantitel meist die Reaktion: „Aha, kenn ich.“ Der Name des Werks hat den Namen des Autors überholt, und das ist es doch, was jeder Autor anstrebt. Naturgemäß ist das so, du bist ein Diener des Worts, du denkst, das Wort ist besser als du selbst, mit Demut näherst du dich dem Wort, und bevor du es niederschreibst, dankst du ihm.

Etwa zehn Minuten Schlaf pro zwei Stunden war mein Maximum. Dann fing ich an zu schreiben. Geschichten gewöhnlicher Menschen mit gewöhnlichem Leben, nichts Aufregendes, aber mir genügte es, um zur Ruhe zu kommen. Über den Krieg zu schreiben fiel mir nicht einmal im Traum ein. Mit dem Krieg hatte ich schon Schluss gemacht, darüber hatte ich nichts mehr zu sagen. Aber jedes Mal, wenn ich dachte, ich hätte meinen Frieden gefunden, hob ich den Kopf, schaute mich um und sah eine Schlammgrube. Eine moralische, eine geistige und jegliche andere Schlammgrube. Hinter meinem Rücken spielte sich eine verzerrte Wirklichkeit ab. Der Krieg war weiterhin ein Thema, zumeist als eine Rechtfertigung für kriminelle Machenschaften.

Um die Sinnlosigkeit der Rückkehr in die Vergangenheit zu begreifen, muss man nur daran denken, dass das Jahr 1990 gleich weit weg vom heutigen Datum ist wie das Jahr 2050 in der Zukunft, und es stellt sich immer mehr heraus, dass dieses Land nicht kreiert wurde, um eine Zukunft zu haben, sondern damit die Zukunft den Dieben und ihren jeweiligen Familien gehören möge. Meine Frustration wuchs an, so lange, bis sie unerträglich wurde, so lange, bis mir klar wurde, es war nun an der Zeit, dass auch ich meine Version über das Kriegsgeschehen erzählte. Erzählte oder niederschrieb. 

Schließlich schrieb ich zwei Romane über den Krieg. Oder besser gesagt, gegen ihn. Ich schenkte ihm auch einen Gedichtband, in dem jedes Gedicht mit dem Symbol des dreifachen Kreuzes beginnt, mit dem Gläubige vor der Lesung des Evangeliums gesegnet werden, wenn sie ihre Gedanken, ihre Worte und ihr Herz ins Gleichgewicht bringen wollen. Allerdings verkündet dieses Evangelium nach der Gewehrkugel keine frohen Botschaften, und kein Satz beginnt mit einem Großbuchstaben, denn im Krieg gibt es nichts, dass es wert wäre, vergrößert und glorifiziert zu werden. Haute erkennt man mich als Autor gerade an dieser Kriegsschrift. Auch wenn mein Name jemandem nicht viel sagt, kommt bei der Erwähnung meiner Romantitel meist die Reaktion: „Aha, kenn ich.“ Der Name des Werks hat den Namen des Autors überholt, und das ist es doch, was jeder Autor anstrebt. Naturgemäß ist das so, du bist ein Diener des Worts, du denkst, das Wort ist besser als du selbst, mit Demut näherst du dich dem Wort, und bevor du es niederschreibst, dankst du ihm. Du küsst ihm die Hand und sagst „Danke, dass du mich erwählt hast“.

Und dennoch macht mich mein Erfolg nicht froh. Ich wollte das nie. Ja schon, schreiben wollte ich, das Schreiben wird bei mir wie bei so vielen anderen immer irgendwo tief drinnen geschlummert und darauf gewartet haben, von einem Aktivierungscode zum Leben erweckt zu werden. In meinem Fall geht es zurück zur vierten Schulklasse, als ich auf die Frage hin, was ich werden möchte, wenn ich groß bin, notierte: Schriftsteller. Und es ist auch passiert, ich bin ein Schriftsteller geworden, mit Wiedererkennungswert, allerdings durch die Schuld anderer und nicht durch eigenen Verdienst.

Man hat es mir aufgedrängt, über den Krieg zu schreiben, weil man sich hierzulande schon seit dreißig Jahren unaufhörlich damit beschäftigt und somit immer wieder die Knochen all jener umgräbt, die ich in meinem Inneren schon längst begraben habe. Dabei würde ich so gerne über anderes schreiben, über Reisen, über die Suche, darüber, wo es die Seele hinzieht. Aber es geht nicht. Immer wenn ich mich daranmache zu schreiben, tauchen sie auf, wie Raubtiere, die sich zum Wasser begeben, sie kommen mit ihren immergleichen knurrenden Mantras – Krieg, Nachkriegszeit, Krise. Sie halten uns Reden aus ihren goldenen Höfen heraus, proklamieren, wie schwer es sei und wie sehr man doch sparen müsse, denn wir hatten ja den Krieg ...

Als hätten sie sich bewusst dafür entschieden, mich so zu quälen. Die Militärjunta in Südamerika wandte ähnliche Methoden an. Den Gefangenen wurde monatelang täglich die gleiche politische Rede vorgespielt. Die Gefangenen schlugen schließlich mit dem Kopf gegen die Wand oder bissen sich in die Handgelenke, um die Folter zu stoppen. Ich habe den Eindruck, dass die heutigen Politiker die normal gebliebene Minderheit auf diese Weise einer Folter unterziehen. Sie hören nicht auf, über den Krieg zu sprechen, und ich, nachdem ich ihnen Jahre und Jahre lang zugehört habe, treffe die Entscheidung, anstatt meinen Kopf gegen die Wand zu schlagen, zur Feder zu greifen.

Anstatt mir selbst die Adern durchzubeißen, verpasse ich mir einen Schlag in den Solarplexus, gehe in mich, und wenn ich dann soweit bin, dass mir dort vor mir selbst übel wird, komme ich an meiner eigenen Kehle wieder heraus. Aber diesmal, anstatt vom Balkon hinunterzuschauen und mich zu fragen, ob es hoch genug ist, wie ich es schon zwei Mal getan habe, beschließe ich, Papier und Bleistift zu suchen, um anschließend meine Eingeweide aufs Papier zu kippen. Ich schreibe nicht über den Krieg, weil ich es will, sondern weil ich einfach keine andere Wahl habe, und wenn ich schon dabei bin, dann tu ich es ohne Bremse. 

Ich verstehe und ich akzeptiere, dass vielen Menschen in ihrem Leben nichts Aufregenderes zugestoßen ist als der Krieg. Vor diesen Menschen ist es mir geradezu peinlich, es zuzugeben, aber auf mich trifft das nun einmal nicht zu. Sie, die immerzu wartet, hat „Ja“ gesagt. Nichts anderes lässt sich damit vergleichen. Niemand konnte jemals so warten wie sie. Sie hat auf meine Rückkehr aus der Jugoslawischen Volksarmee JNA gewartet. Dann hat sie auf meine Rückkehr aus dem Krieg gewartet.

Dann hat sie auf meine Rückkehr aus der Klinik gewartet. Sie hat darauf gewartet, dass ich meine Rehabilitation abschließe. Dann darauf, dass ich wieder zu mir kam und wieder der gleiche Mann wurde, bei dessen Anblick ihr, wie sie sagt, bei einer Party die Knie weich geworden wären. Auf das Letztere hat sie zwar gewartet, sie hat es jedoch nicht bekommen. Dieser Mann ist irgendwo hängen geblieben, in der späten Pubertät, irgendwo gegen Ende eines Sommers, der ewig dauern sollte. An seiner Stelle ist ein anderer zurückgekommen, und anstelle des endlosen Sommers, der uns nicht beschieden war, dauert das hier nun ewig an.

Aber ... möge es andauern. Ich fühle mich trotzdem siegreich. Ganz oben auf meiner Prioritätenliste stehen weiterhin Wahrheit, Friede, Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit. Dass ich mich hier, wo ich lebe, vom kollektiven Primitivismus überwältigt fühle, ist kein guter Grund zum Jammern. Das sage ich allerdings nicht zu Liam, denn manche Gedanken sollte man besser für sich behalten. Ich weiß ohnehin, was er sagen würde, aber ich bin nicht sicher, ob ich ein weiteres Mal aushalten könnte, es zu hören: „For fock sake.“ 


Dieser Artikel ist Teil des Projekts Archipel Jugoslawien von Traduki. Er wird in Zusammenarbeit mit der S. Fischer Stiftung veröffentlicht.


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