Die Befürworter dieser Ernennung, zu denen die Politiker der Stadt und der sehr konservative Verein zum Schutz des kulturellen Erbes Freunde des historischen Zentrums von Amsterdam zählen, betrachten den UNESCO-Titel als die höchste Ehre. Keiner von ihnen sieht darin den Goldesel, der noch mehr Touristen anlocken wird. Das Consulting-Büro PricewaterhouseCoopers hat für 2008 ausgerechnet, dass der durchschnittliche Tourismusanstieg nach einer Ernennung durch die UNESCO nur wenige Prozent ausmacht. Die Befürworter des UNESCO-Labels hoffen ebenfalls auf einen Wandel der Art der Touristen, die die Stadt besuchen: Die "gröhlenden Briten" sollen kosmopolitischen, reichen Besuchern Platz machen. Tatsache ist aber, dass anscheinend nur wenige Touristen wissen, dass die Orte, die sie erkunden, das Label der UNESCO tragen.

Die UNESCO wird zum Starbucks des Kulturerbes

Ursprünglich war dies Label noch bedrohten Naturlandschaften und den außergewöhnlichsten und verwundbarsten Städten und Monumenten vorbehalten. Jetzt tummeln sich über 900 Namen auf derListe und jedes Jahr kommen durchschnittlich 26 neue Einträge hinzu. Dieser Anstieg zieht eine Abwertung des Titels nach sich. Die nach kulturellen Emotionen gierigen Amerikaner können die Niederlande auch auslassen und Aachen, Köln, Brüssel, Brügge oder Bath besichtigen, um das Kulturerbe der UNESCO zu entdecken. Bald wird die Organisation zum Starbucks des Weltkulturerbes werden.

Den Label-Gegnern zufolge, allen voran die lärmenden Aktivisten der Ai Amsterdam, kommt damit der Todesstoß für die Innenstadt. Amsterdam wird zu einem riesengroßen "Begijnhof" [der Beginenhof von Amsterdam] werden, einem überreglementierten Freiluftmuseum. Sie fürchten darum, dass die Hauptstadt der Niederlande so wie Brügge als eine tote Museumsstadt enden wird. Dabei scheinen sie zu vergessen, dass die belgische Stadt erst im Jahr 2000 auf die Liste der UNESCO gesetzt wurde. Da war ihre "Museumifizierung" schon lange im Gange.

Man hört auch häufig, dass die Aufnahme Amsterdams auf die UNESCO-Liste ein Zeugnis ihrer "Verbürgerlichung" sei. Dabei wird aber vergessen, dass die Hauptstadt ihr Kulturerbe noch strenger schützt als die UNESCO das vorhat.

Die UNESCO ist kein trojanisches Pferd

Die Befürchtung, dass aus dem Reglementierungsdruck ein alles umfassendes Joch wird und sich die Stadt überall einmischt, ist nicht berechtigt. Die UNESCO ist kein trojanisches Pferd, das unbemerkt darauf achtet, dass die Werbung von den Fassaden verschwindet und Neubauten verboten werden. Die Vorschriften der Organisation glänzen durch ihre Verschwommenheit und lassen viel Interpretationsfreiheit. Selbst in Venedig, dem Prototyp der Museumsstadt, wo seit 1950 die Zahl der Einwohner um mehr als die Hälfte geschrumpft ist, ist Platz für Modernisierung und Kommerz. So wurde vor zwei Jahren trotz des massiven Protests der Einwohner eine neue Brücke des spanischen High-Tech-Architekten Santiago Calatrava in Betrieb genommen. Und seit mehreren Jahren schmücken auch Werbeplakate einige der schönsten Fassaden des Canale Grande und des Markusplatzes. Und all dies trotz (oder dank?) der UNESCO und mit der Unterstützung der örtlichen Verantwortlichen des kulturellen Erbes.

Und jetzt? Lasst uns einfach so tun, als würde es die UNESCO nicht geben. Man muss schon wirklich den Bogen überspannt haben oder ein Regelrowdy sein, damit die UNESCO einen Ort von der Liste streicht. Als Dresden 2009 wegen des Baus einer neuen Brücke von der Liste gestrichen wurde, schrieb die Frankfurter Rundschau sehr treffend: "Die UNESCO hat zwar eine Entscheidung getroffen, aber keine Lösung gefunden." Dresden hat sich für die Innovation entschieden und dafür seinen Platz auf der Liste aufgegeben. Die UNESCO hat ein Erbstück verloren, aber zusätzlich auch ihren Einfluss auf einen Teil ihrer Freunde.

Amsterdam sollte sich an Dresden ein Beispiel nehmen und seinen Platz auf der Liste des Weltkulturerbes dazu nutzen, ihn zur Diskussion zu stellen und allen Amsterdamern, Touristen und vor allem der UNESCO zeigen, dass man als historische Stadt von "außergewöhnlichem universellem Wert" auch seine Modernität und Entschlossenheit unter Beweis stellen kann. Es sollte sich nicht davon abbringen lassen, in dem Viertel Overhoeks (im Norden der Stadt) Wolkenkratzer zu errichten – die nach den Vorschriften der UNESCO verboten sind – oder eine neue Brücke neben dem Amstel Hotel zu bauen. Wären die Einwohner von Paris, wo sich der Hauptsitz der UNESCO befindet, ihren Kriterien gefolgt, hätten das Centre Pompidou oder die Glaspyramide des Louvre nie das Licht der Welt erblickt. Das wäre doch nun wirklich schade gewesen. (sd)