Was die Eurozone von Afrika lernen kann

Es gibt keine andere Lösung für die Griechenlandkrise als eine Umstrukturierung der Schulden, meint die indische Wirtschaftswissenschaftlerin Jayati Ghosh. Die Erfahrung hoch verschuldeter afrikanischer Staaten legt nahe, dass Sparmaßnahmen nicht nur eine Gefahr für die wirtschaftliche Erholung innerhalb der Eurozone darstellen, sondern auch erneute Rezessionen auslösen könnten.

Veröffentlicht auf 18 Mai 2010 um 15:12

Es ist heute klar, dass die Probleme der griechischen Wirtschaft – und der Eurozone – durch die hohen Hilfsinfusionen von EZB und IWF nicht gelöst wurden und auch nicht gelöst werden können. Die griechische Regierung soll Sparmaßnahmen durchführen, welche sowohl heute als auch in der absehbaren Zukunft zu wesentlichen Rückgängen im Einkommens- und im Beschäftigungsbereich führen und die bestehenden Ungleichgewichte nicht korrigieren, sondern vielmehr verschlimmern werden.

Die hoch verschuldeten Entwicklungsländer (HIPC – High Indebted Poor Countries) in Afrika könnten den Griechen hinsichtlich dieser Entwicklung ein paar Tipps geben. Sie könnten ihnen erklären, wie Deflationsmaßnahmen, die einer Regierung auferlegt werden, die Konjunktur in eine Abwärtsspirale drängen. Und wie diese dann wiederum die bestehenden Kapazitäten sowie die Aussichten auf zukünftiges Wachstum zerstört und für breite Teile der Bevölkerung die materielle Existenz angreift und verunsichert.

Erfahrungen mit dem Teufelskreis Umschuldung

Sie könnten ihnen erzählen, wie untragbar das ist, weil die Schuldentilgung durch das stetige Sinken des Bruttoinlandsprodukts immer schwieriger wird, während die Schulden nicht nur immer weiter auflaufen, sondern sich sogar vermehren, indem ständig unbezahlte Zinsen und Zinseszinsen zum Kapital dazukommen. So steigen die Schulden eines Landes ganz von alleine, auch ohne neuen Zufluss.

Sie könnten ihnen erklären, wie es letztendlich keine Alternative zur Umstrukturierung der Schulden geben wird, weil das Problem nur zunimmt, trotz (und teilweise wegen) strikt umgesetzter Sparmaßnahmen. Sie könnten ihnen von ihren eigenen Erfahrungen erzählen, von verlorenen Jahrzehnten wirtschaftlichen Rückschritts, der durchaus hätte vermieden werden können, wenn die Schulden viel früher umstrukturiert und andere Strategien zur Erholung der Wirtschaft verfolgt worden wären.

Kommt die Umstrukturierung nicht jetzt, kommt sie später

Die Lehre aus diesen Erfahrungen dürfte offensichtlich sein: Es gibt keine Alternative zur massiven Umstrukturierung der griechischen Schulden, und sie geht einher mit einem Verlust für die internationalen Darlehensgeber, die bei der Vergabe der Darlehen von vorneherein nicht gewissenhaft genug waren. Wird sie nicht jetzt vorgenommen, dann wird sie in jedem Fall irgendwann in der Zukunft vorgenommen werden müssen, nachdem sie in Griechenland eine erhebliche materielle Not verursacht hat.

Warum wird eine derart offensichtliche Schlussfolgerung nicht einmal erwähnt? Eine Umstrukturierung der griechischen Schulden würde zu einem relativ hohen Sicherheitsabschlag von Seiten der deutschen und französischen Banken führen, welche während des Booms beträchtlich viele Darlehen vergeben und dazu beigetragen haben, genau die Ungleichgewichte zu schaffen, aufgrund derer die griechische Wirtschaft weniger konkurrenzfähig ist als zum Beispiel die deutsche. Doch das darf natürlich nicht passieren, also muss die griechische Bevölkerung die Last der Schuldenbereinigung alleine tragen, über mehrere Generationen hinweg, in einer deutlich als untragbar vorhersehbaren Entwicklung.

Eurolands Irrtum: sich aus der Krise herausexportieren zu können

Es kommt noch schlimmer. Andere Länder mit potenziell ähnlichen Problemen wie Griechenland steuern schon auf Sparmaßnahmen und kontraktive makroökonomische Strategien zu, die unweigerlich die fragile Erholung der Wirtschaft bedrohen und die nächste Rezession verursachen bzw. intensivieren werden. Spanien kündigte kürzlich nicht nur eine Straffung der Geldpolitik an, sondern auch eine Haushaltskonsolidierung, zu welcher Kürzungen der Beamtenlöhne und Renten sowie viele weitere Maßnahmen gehören. Dies ist insofern besonders auffallend, weil Spanien bis vor zwei Jahren einen Haushaltsüberschuss verzeichnete (das Defizit stammte aus der Privatwirtschaft) und seine jüngsten Defizite allein auf die Krise zurückzuführen sind.

Irland unterläuft bereits ein extremes Deflationsprogramm, mit beträchtlichem Rückgang des BIP und drastischen Kürzungen der öffentlichen Ausgaben in allen möglichen Bereichen von der physischen Infrastruktur bis zur Bildung. Die baltischen Staaten – nicht nur Lettland, das bereits einen IWF-Plan besitzt, sondern auch Estland, wo der Schmerz selbstverschuldet ist – erfahren aufgrund der strengen Sparmaßnahmen drastische Kürzungen von Einkommen, Arbeitsplätzen und Löhnen. In Rumänien fand ein außergewöhnliches Ereignis statt, als die Polizei auf die Straße ging, um gegen die Lohnsenkungen zu protestieren. In Großbritannien spricht die neue Regierung bereits von Maßnahmen zur Reduzierung des Defizits, indem die Ausgaben drastisch gekürzt und die indirekten Steuern erhöht werden.

Alle diese Länder hoffen, dass sie sich aus dem Schlamassel "herausexportieren" können, doch das ist einfach nicht machbar, weil die Rechnung nicht aufgeht. Also verurteilen sich diese Länder – und den Rest Europas gleich mit – zu einer Zeit der Stagnation oder rückläufiger Einkommen, mit allen dadurch ausgelösten wirtschaftlichen und sozialen Problemen. (pl-m)

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