Oberhausen - das „Griechenland an der Ruhr”

Im einstigen Herzen des deutschen Wirschaftswunders gelegen, ist die Stadt an der Ruhr zu der am höchsten verschuldeten Stadt Deutschlands geworden. Grund dafür sind eine radikale Sparpolitik und die Zahlungen, die aus Solidarität an die ehemalige DDR gehen. Eine finanzielle Unterstützung, die wenige Wochen vor den Regionalwahlen kräftig in Frage gestellt wird.

Veröffentlicht auf 3 April 2012 um 14:53

Es sieht nicht gerade nach einem Ort der Armut aus, das neue Einkaufszentrum Centro am Stadtrand von Oberhausen. Doch der Osten, die ehemalige DDR, bekäme das ganze Geld, während der Western verarme, meint Gabriele Daum, eine elegante Kundin mit Perlenkette. Ihr zufolge wird mit dem Oberhausener Centro lediglich versucht, das Elend zu maskieren, aber fünf der sieben Schwimmbäder mussten schließen, das Musiktheater ist weg, ebenso der Bücherbus, die Arbeitsplätze schwinden, die jungen Leute ziehen weg. „Und das passiert überall im Westen.”

Plötzlich wird das Thema wieder aktuell: Die Spaltung zwischen Ost- und West-Deutschland. Aber mit einer 180-Grad-Wendung. Fragen Sie hier jemanden in Oberhausen, 22 Jahre nach dem Mauerfall werden sie eine unerwartete Botschaft hören: Das Ruhrgebiet, einst das Herz des deutschen Wirtschaftswunders, ist zum neuen Osten geworden, arm und hilfsbedürftig.

Solidaritätszuschlag als Wahlkampfthema

Die Wut der Menschen wird ein wenig mit Hilfe der Politik geschürt: Es ist Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Vier SPD-Bürgermeister haben sich für die Abschaffung des „Solidarpakts II” ausgesprochen, der vor zwanzig Jahren von der Bundesregierung erfunden wurde, damit die Westdeutschen ihren Brüdern im Osten nach dem Mauerfall zu Seite stehen. Der Pakt wurde bis 2019 verlängert.

Die Bürgermeister scheinen einen Nerv getroffen zu haben. Auch Joachim Gauck, der neue Bundespräsident und erste „Ossi” im höchsten Staatsamt, zeigt Verständnis für die Wut des „Wessis”. Im Ruhrgebiet gibt es noch reiche Ecken, aber in Städten wie Duisburg und Dortmund gibt es Orte, die laut Gauck ”wie die DDR nach dem Fall der Mauer” aussehen. Die Straßen sind voller Schlaglöcher, die Häuser mit Brettern vernagelt.

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Oberhausen ist die Stadt mit den meisten Schulden in Deutschland und wird „das Griechenland in Deutschland” genannt. Fast 2 Milliarden Euro Schulden hat die Stadt, bei einer Bevölkerung von 211.000 Menschen macht das 8000 Euro pro Kopf. Die Stadt hat sich einen strikten Sparkurs auferlegt. Die Arbeitslosigkeit liegt hier mit 12 Prozent auf ostdeutschen Durchschnitt. Gabriele Daum und ihre Freundin wissen, wie das gekommen ist. Das Ruhrgebiet leidet noch immer unter den Schließungen der Kohle- und Stahlzechen aus den Achtzigerjahren. Seither hat es das Ruhrgebiet nicht geschafft, seine Wirtschaft zu modernisieren.

Die alte Bergbaustadt versucht es mit teuren Projekten. Außerhalb des Zentrums wird fleißig gebaut: das Centro, ein Industriegebäude, das in eine Luxus-Shoppingmeile umgebaut wurde; eine goldfarbige Spielhalle; das Sea Life Center, wo Tintenfisch Paul während der WM 2010 seine legendären Vorhersagen traf.

Verblühende Stadtlandschaften

Im Stadtzentrum sieht man jedoch die harte Realität. Hier gibt es viele alte, heruntergekommene Arbeiterviertel. Der Leerstand ist groß, die Läden schließen einer nach dem anderen und Tausende von Stellen in öffentlichen Dienst wurden gestrichen. Dass dies auch durch eigene Fehler so gekommen ist, macht für die Oberhausener keinen Unterschied. 270 Millionen Euro hat die Stadt für den Aufbau Ost beigetragen; sie musste sich sogar verschulden, um das zahlen zu können.

Der Oberhausener Christian Barth (26) ist einer der letzten aus der langen Ruhrtradition. Er ist Bergmann in einer Salzmine und er meint, er zahle „zwischen 25 und 50 Euro pro Monat” für den Osten. Das will er nicht mehr. Im Osten verprassen sie das Geld für Luxusprojekte, weiß er, „und wenn es uns schlecht geht, helfen sie uns ja auch nicht, oder?” Er fühlt sich nicht mit dem Osten verbunden: „Was habe ich mit dem zu tun, was meine Vorfahren gemacht haben?”

Allein in einem Container im Stadtzentrum ist noch von „gegenseitiger Solidarität” zu hören. Die Performance-Gruppe Geheimagentur hat ein idealistisches Projekt über die Armutsproblematik der Stadt aufgezogen. Sie verteilt „Kohle für alle”, eine neue (kostenlose) Währung, mit dem die Menschen in vierzig Läden der Stadt etwas gegen eine „solidarische” Idee kaufen können. Die Künstler sehen in der westlichen Wut auf den Osten einen Ausdruck von „Neid — angestachelt durch den Wahlkampf.”

Für Hannelore (72), die sich gerade bei „Kohle für alle” angemeldet hat, sollte der Solidarpakt „nicht mehr einfach nach Windrichtung” verteilt werden. Denn eins sei sicher: „Der Bedarf ist nun hier. Bei uns gibt es überall Schlaglöcher und drüben lauter neue Straßen, nicht?” In einigen ostdeutschen Städten wurde in de Tat die Infrastruktur mit Hunderten von Milliarden „Westgeld” saniert. Dresden ist inzwischen schöner als Duisburg. Jena hat 7,3 Prozent Arbeitslose, weit weniger als das Ruhrgebiet. Aber in Bezug auf die wirtschaftliche Stärke liegt der Osten immer noch weit hinter dem Westen: 12 Prozent Arbeitslosigkeit im Osten im Vergleich zu 7 Prozent im gesamten Deutschland.

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