Schirm aufspannen!

Seit der Krise Griechenlands im letzten Frühjahr wirkte kein anderes Land den Märkten gegenüber so verletzlich wie Irland. Während sich die Idee eines Rettungsplans für das Land in den Köpfen ausbreitet, sorgt sich die europäische Presse um die Folgen für die anderen Mitgliedsstaaten der EU.

Veröffentlicht auf 12 November 2010 um 15:34

„Irland vor neuer Finanzkrise“, titelt die Frankfurter Rundschau. Jeden Tag scheint die Lage der von Schulden und astronomisch hohen Zinssätzen geschwächten irischen Wirtschaft für die Euro-Zone alarmierender zu werden. „Das Leitmotiv des herzzerreißenden zweiten Satzes der Eurokrise wurde von Wolfgang Schäuble angestimmt“, stellt die Berliner Zeitung fest.

Der deutsche Finanzminister fordert, dass in Zukunft Anleihenbesitzer zur Kasse gebeten werden, wenn ein EU-Mitgliedsstaat von den anderen gerettet werden muss. „Für die Anleger sind das neue Töne“, kommentiert die Tageszeitung. „Bislang seien sie stillschweigend davon ausgegangen, dass Euroland jedes Mitglied herauskaufen würde. […] Jetzt stellen sie sich darauf ein, selbst ins Risiko zu gehen und fordern dementsprechend noch höhere Zinsen.“ Die Zeitung zitiert weiter ein Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), welches warnt, dass “die deutschen Pläne unweigerlich krisenverschärfende Spekulationsattacken nach sich ziehen werden“.

Brüsseler Blackout wie vor der Griechenland-Rettung

„Die Rekord-Zinssätze könnten Irland und Portugal dazu zwingen, europäische Unterstützung zu fordern“, hält auch die Lisabonner Zeitung Diário de Notícias fest. „Die EU bereitet sich darauf vor, Irland zu helfen, dessen Schuldzinsen neun Prozent überschritten haben. Portugal könnte als nächstes dran sein, sollten sich die Märkte nicht beruhigen.“ Für Portugal „schwindet mit jedem Tag mehr die Chance, diesem Hilferuf zu entgehen“, sollte sich nicht die Risikowahrnehmung durch die Märkte ändern, warnt der von der Zeitung zitierte Wirtschaftsexperte Antonio Nogueira Leite. Aber „die EU ist zur Rettung von Irland bereit“, bestätigt ihrerseits La Vanguardia und schreibt weiter, dass auch „Spanien das Höchstrisiko erreicht hat.“

Beim G20-Treffen in Seoul hatte José Manuel Barroso erklärt, dass „im Notfall“ alles für die Rettung Irlands vorbereitet sei. Aber die Äußerungen des Kommissions-Präsidenten, die die Märkte beruhigen sollten, „haben eine neue Spekulationswelle ausgelöst“. Die Tageszeitung unterstreicht, dass die Sorge noch „vom Brüsseler Informations-Blackout verstärkt wird, der an die Tage kurz vor der griechischen Rettung im Mai dieses Jahres erinnert“.

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Politik und Finanz - zwei unvereinbare Systeme

Der Unterschied heute sei die Tatsache, dass die Eurozone nun einen europäischen Finanzstabilitätsmechanismus aufweisen könne, ergänzt La Vanguardia. Die beste Option zur Eindämmung der Krise sei die „von Frankreich und Deutschland ausgehende Schaffung einer neuen Vertrauensbasis für Investmentgesellschaften“, behauptet Virginia Romero von der Ahorro Capital und betont, dass im Falle einer Rettung Irlands die Situation dramatischer wäre als nach der Hilfe für Griechenland im Mai, da „man von einer Ausnahme zur Regel übergehen würde“. Die große Angst würde zu einer „allgemeinen Ansteckungswelle“ über die Peripheriestaaten hinaus führen“, schließt La Vanguardia.

„Das Ganze ist ein großes Missverständnis“, versichert die Financial Times Deutschland. Die Wirtschaftstageszeitung glaubt, dass „Politik und Investoren jeweils so handeln, wie sie es gewohnt sind – und damit einfach nicht zusammen passen“. Denn während es in der Politik im Allgemeinen – und der europäischen im Besonderen – nach dem Rhythmus von Kompromissen und Mehrheiten nur langsam voran gehe, brauche der Finanzsektor eine belastbare Basis und Schnelligkeit für seine Entscheidungen. „Wohin es führen kann, wenn diese inkongruenten Prinzipien aufeinandertreffen, hat Europa im Frühjahr schmerzlich erfahren“. Die griechische Krise hatte sich aufgrund einer zu langsamen Politik zur Euro-Krise ausgeweitet. Daher der Aufruf auf der Titelseite der FTD: “Jetzt aber schnell!“

EU-Beobachter in Dublin werden „Die Deutschen“ genannt

In Dublin wird die Zeit langsam knapp. „Der irische Staat ist zahlungsunfähig: seine Schulden übersteigen bei weitem seine Rückzahlungsmöglichkeiten“, schrieb Anfang der Woche der Wirtschaftsexperte Morgan Kelly in einem Artikel der Irish Times, der noch immer heftige Reaktionen in Irland auslöst. Das ist eine Tragödie in zwei Akten, erklärt er. Der erste Akt war der Rettungsplan der vergifteten Banken über 70 Milliarden Euro, in den „in den nächsten zwei oder drei Jahren jeder Pfennig ihrer Steuern gehen wird“. Der nächste Akt wird die Krise der Immobilienkredite, deren Symptome schon sichtbar sind. „Die Menschen gehen sehr weit, sie bezahlen ihre Rechnungen nicht und borgen sich große Summen von ihren Eltern, um ihre Kredite zurückzahlen zu können.“

Und währenddessen „loben die Märkte das wohlüberlegte und resolute Krisenmanagement der Regierung und der Zentralbank, die die irische Schuldenlast in die Gruppe der Risikoländer Ukraine oder Pakistan einordnen – gerade noch über dem Niveau von Argentinien, Griechenland und Venezuela“, spöttelt Morgan Kelly. „Seit September gibt es eine ständige ‘Beobachtergruppe’ der EZB im Finanzministerium“, enthüllt der Wirtschaftsexperte. „Obwohl sie aus Beamten verschiedener Nationalitäten besteht, nennt man sie ‘die Deutschen’.“ Die tschechische TageszeitungLidové noviny reagiert auf diese Bevormundung mit der Frage nach einer Neudefinierung des Begriffs „europäische Solidarität“, denn „die irischen Steuerzahler sind zu harter Arbeit verurteilt und müssen sich der deutsch-französischen Vision der europäischen Monetärpolitik unterwerfen.“ (mz)

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