Stets moderat?

Veröffentlicht auf 20 Dezember 2013 um 11:04

Presseurop hat es sich zur Aufgabe gemacht, Diskussionen über europarelevante Themen anzuregen. Folglich spielt die Beteiligung der Leser eine ganz zentrale Rolle.

Im Internet gibt es einen einfachen Weg, um „die Menschen, die früher einmal Publikum hießen” miteinzubeziehen: Man veröffentlicht Artikel und ermöglicht seinen Lesern, diese zu kommentieren. Die Qualität der anschließenden Diskussion, die bekanntlich stark schwankt, ist sowohl vom Wohlwollen der Teilnehmer als auch von der technischen Beschaffenheit des Forums, und nicht zuletzt von der Moderation der Redakteure abhängig. In diesem Artikel sollen einige der Entscheidungen erläutert werden, die auf Presseurop getroffen wurden.

Auf dem Weg zu einem Diskussionsforum für Leser

Seit Internetnutzer die Möglichkeit haben, Artikel auf online-Nachrichtenportalen zu kommentieren, ist man sich uneinig darüber, welcher Zweck damit verfolgt wird. Es scheint so, als waren sie ursprünglich als eine Art „Leserbriefe an die Redaktion” gedacht, die ausschließlich Zusatzinformationen zu den jeweiligen Artikeln enthalten sollten. Erst im Laufe der Zeit begriffen die Betreiber der Internetseiten, dass die Diskussionen zwischen den Kommentatoren selbst ein legitimes Ziel darstellen könnten.

Wie alle anderen Internetseiten verfolgt auch auf unser Nachrichtenportal Presseurop zwei unterschiedliche, miteinander im Wettstreit stehende Ziele:

  • „Zusätzliche Information” bedeutet, dass aktiv moderiert werden und die Leser dazu ermutigt werden müssen, ihre persönlichen Erfahrungen zu schildern, aber auch ihre fachkundigen Einblicke und Erkenntnisse beizusteuern, von denen auch jene Leser profitieren können, die sich nicht direkt an den Diskussionen beteiligen (ein klassisches Beispiel dafür sind die BBC News).

  • „Diskussion” bedeutet, dass der freie Meinungsaustausch ermöglicht wird, und zielt darauf ab, die Teilnehmer und andere in die Lage zu versetzen, ihre Meinungen vor dem Hintergrund der anderen geäußerten Standpunkte zu ändern (ein klassisches Beispiel hierfür ist Reddit, aber auch zahlreiche ähnliche Foren).

Zu Beginn des Presseurop-Projektes zogen wir das erste Ziel ganz offen vor. Dann aber reagierten die Leser in ihren Kommentaren ziemlich bald genauso oft aufeinander wie auf unsere Artikel. Angesichts der Aufgabe, die Presseurop verfolgt, ergab sich so eine ganz neue Möglichkeit, sich dem zweiten Ziel anzunähern, indem man eine einzigartige Diskussionsplattform schaffen würde. Und genau das haben wir getan. Seit 2010 wurden die Kommentare, die auf den Presseurop-Seiten in unterschiedlichen Sprachen gepostet wurden, zu allen anderen hinzugefügt. Seit 2011 kann man einzelne Kommentare zitieren und wird benachrichtigt, wenn man eine Antwort erhält. Im gleichen Jahr gelang uns die vollständige mehrsprachige Integration der Kommentare, die seit 2012 automatisch mithilfe von Google übersetzt werden.

Aufräumen

Erfolge lassen sich in diesem Bereich nur schwer messen, aber unser Forum wurde immer wieder für seine ungewöhnliche Höflichkeit gelobt. Presseurop verwendet eine sogenannte „automatisierte Moderation”, die sich an Erkenntnissen der Stadtgeographie orientiert. Die Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet haben wiederholt gezeigt, dass die Bürger öffentliche Räume besser behandeln, wenn diese bereits gut behandelt werden. Genau diese Beobachtungen lassen sich auch auf Diskussionen im Internet anwenden. In diesem Sinne verwendet unser Kommentar-System eine ganze Reihe von Filtern, die sicherstellen, dass die veröffentlichten Kommentare repräsentativ und ernst gemeint sind.

Unübersetzbare Sprachen, die in Systemen mit automatischer Übersetzungen als besonders große Plage gelten, können dabei aber leider nicht berücksichtigt werden, zumal die automatischen Filter diesbezüglich einfach nicht ihren Zweck erfüllen. Meist besteht unsere Moderationsarbeit also in der nicht wirklich anspruchsvollen Aufgabe, Rechtschreib- und Grammatikfehler zu korrigieren.

Moderation 101

Wie alle anderen Online-Foren müssen auch wir mit drei klassischen Moderations-Herausforderungen fertig werden: Trolle (Beleidigungen und Provokationen), verleumderische Inhalte (üble Nachrede/Diffamierung) und Hasssprache (Verhetzung). Dank des außergewöhnlich großen Entgegenkommens und der bemerkenswerten Rücksichtnahme der Presseurop-Gemeinschaft ist glücklicherweise keines der drei Themen zu einem wirklich großen Problem geworden.

Trolle vergiften das Klima, bringen die rücksichtsvollsten Mitglieder dazu, sich aus den Diskussionen auszuklinken, und halten die anderen ab, daran teilzunehmen. Nie haben wir gezögert, ungeheuer beleidigende Beiträge umgehend zu löschen (auch wenn es davon nur ganz wenige gab). Viel mehr Probleme bereiten uns aber die Grenzfälle, die unter anderem folgende Elemente enthalten:

  • Das Erfinden von Slogans und die Verwendung von Schimpfwörtern in Sätzen, die Ausdrücke wie „kriminell”, „fanatisch”, „verrückt”, aber auch „EUSSR” (EU=UDSSR), „Bankster” (Banker=Ganster) oder „Diktator” enthalten.

  • Anspielungen im Sinne des Godwinschen Gesetzes, d.h. auf die Ideologie und Politiker der 1930er Jahre.

Nur in seltenen Ausnahmefällen löschen oder kürzen wir Kommentare, die derartig sinnlose Provokationen enthalten. Stattdessen sprechen wir höflich formulierte Verwarnungen aus. Im Allgemeinen bitten wir unsere Leser darum, „sich an die Tatsachen zu halten und beim Thema zu bleiben”, um gegenseitigen Beschuldigungen des „Trollens” aus dem Weg zu gehen.

Verleumderische Inhalte sind viel ernsthaftere Probleme, zumal sie gegen geltende Gesetze verstoßen. Wir wurden hin und wieder beschuldigt, beleidigende Kommentare zu veröffentlichen. Allerdings blieben diese Vorwürfe gegenstandslos, weil die verleumdete Person eine öffentlich identifizierbare Einzelperson sein muss, und dies im Allgemeinen nicht der Fall ist, weil unsere Kommentatoren Pseudonyme verwenden.

Hasssprache („Hate Speech”) wurde im Gegensatz dazu vereinzelt zu einem richtigen Problem. Presseurop hat seinen Sitz in Frankreich. Dementsprechend gilt das französische Recht, das Verhetzung im Internet verhältnismäßig hart bestraft und sogar einfache Beleidigungen sanktioniert). Allerdings ist es bekanntermaßen schwierig, „Hate Speech” zu definieren. Sollten wir ein in aller Seelenruhe geäußertes Argument gegen Einwanderung ablehnen, das auf einem offenkundig pseudowissenschaftlichen Rassismus aufbaut und mit einer Studie über das Niveau der nationalen Intelligenzquotienten gerechtfertigt wird? Wir ließen es zu. Wie aber sollten wir mit ganz offensichtlicher Homophobie umgehen, für die religiöse oder kulturelle Argumente vorgebracht werden? Auch sie ließen wir zu. Wurden all diese Dinge aber vulgär ausgedrückt, so löschten wir sie.

[[Im Allgemeinen haben wir versucht, auf Redefreiheit zu setzen und das Grundrecht der freien Meinungsäußerung zu wahren. Das erscheint uns ganz besonders auf einer Internetseite von Bedeutung zu sein, deren Leserschaft den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen angehört]] und unter ‚freier Meinungsäußerung’ in der Tat nicht immer dasselbe versteht, zumal in jedem Land unterschiedliche Gesetze gelten und ein jeder auf seine ganz eigene Geschichte zurückblickt.

Große Herausforderungen

Die unlösbarsten Probleme haben die Moderatoren in Wirklichkeit aber nicht immer erkennen können. Dazu zählen all die heimtückischen Probleme, die Online-Foren so bergen, und für die es keine einfach so auf der Hand liegenden Lösungen gibt. Missverständnisse sind eine klassische Falle aller Diskussionen:

Das habe ich niemals gesagt. Kannst Du mir sagen, wo ich so etwas „befürwortet” habe? Wie unverschämt!
Du hast geschrieben „Das reicht!”. Ich habe das Recht, meine Meinung zu sagen und habe Dich nie aufgefordert, Deinen Mund zu halten.
Bitte, sage Deine Meinung. Na los, mach schon: Lächle mal wieder und sei nicht so verbittert.
Ich bin überaus zufrieden und keineswegs verbittert. Du bist total verbittert und gibst nichts anderes von Dir als beleidigende Banalitäten.

In diesem Fall (der wirklich stattgefunden hat und einer ansonsten eher höflich geführten Diskussion entnommen wurde) ist die Kommunikation aufgrund mehrerer Missverständnisse gescheitert. Ohne Augenkontakt und Körpersprache ist es in der Tat schwierig, eine Diskussion immer vor dem Entgleisen zu bewahren, das diese Form annehmen kann. Einer unserer Leser, der regelmäßig Kommentare verfasst, geht mit diesem Problem wie folgt um: Er setzt hin und wieder Smileys unter seine Kommentare. Das mag zwar nicht die perfekte Lösung sein, aber vielleicht bringt es so etwas wie eine vorbeugende Wirkung mit sich.

Negativismus und Zynismus sind vergleichbar komplizierte Probleme für Moderatoren, zumindest solange, bis nicht eindeutig nachgewiesen werden kann, dass es sich um einen regelrechten Missbrauch und Übertreibungen handelt. Allerdings wurde die Diskussion in der Zwischenzeit sprichwörtlich ‚runtergezogen’:

Europäische Demokratie? Ich nehme an, Du machst Scherze?!

Diese so dahingesagte Bemerkung zu einem Artikel über das Europäische Parlament lässt keine Antwort zu und führt auch zu nichts. Egal, ob damit die Politiker (in Brüssel oder anderswo), Eliten und ihre „Propaganda”, oder aber Bankiers, Journalisten, oder gar Wissenschaftler zur Zielscheibe gemacht werden, das Ergebnis ist und bleibt gleich: Man verändert den Umgangston, schreckt andere Teilnehmer mit ausgefeilteren Ideen ab, und führt die Diskussion in eine Sackgasse.

Üblicherweise bitten wir die Leser in diesen Fällen, ihre Aussagen und Behauptungen mit nachweisbaren Tatsachen zu belegen. Wir haben ganz einfach nicht die Möglichkeiten, die Fakten einer jeden Erklärung selbst zu überprüfen, und bitten unsere Leser in diesen Fällen darum, sie selbst zu begründen. Für falsche Informationen darf es auf seriösen Nachrichtenportalen einfach keinen Platz geben, dabei gehören auch sie zwangsläufig zu informellen Gesprächen, die online geführt werden. Auch hier gilt: Wir haben ganz einfach nicht die Mittel, jede Behauptung auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen und bitten unsere Leser darum, sie zu begründen und zu rechtfertigen.

Besonders problematisch

Einige von ihnen haben sich aber als ganz besonders problematisch erwiesen:

Es ist schwierig, die globale „Erwärmung” nachzuweisen, zumal in den letzten Jahren überall auf der Welt rekordverdächtig niedrige Temperaturen verzeichnet wurden und hier und da die Rekorde sogar geknackt wurden.

Hier wurden wahrscheinlich falsche Fakten angeführt. Übrigens scheint die Leugnung der globalen Erwärmung ein ganz besonders guter Kandidat für die Moderatoren zu sein. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe:

  • Einerseits ist es das Ergebnis einer absichtlich irreführenden Informationskampagne, in der es vor allem um die Interessen einflussreicher Personen geht, und an der sich keine einzige Nachrichtenorganisation beteiligen sollte.

  • Der Komplexitätsgrad der Wissenschaft ist so hoch, dass die Behauptung von Nicht-Experten nicht unbedingt widerlegt werden kann (auch wenn keiner unserer kommentierenden Leser dieser Kategorie angehört).

  • Sinn und Zweck des Ganzen ist es, die Diskussion entgleisen zu lassen, so dass das eigentliche Thema des Artikel – an das der Autor desselben gedacht hat – überhaupt nicht mehr diskutiert wird.

Viele wären damit einverstanden, dass Leserbeiträge, in denen der Holocaust geleugnet oder herabgemindert wird, abgelehnt werden. Einige Nachrichtenkanäle – ein bemerkenswertes Beispiels ist die L.A. Times – haben sich dagegen entschieden, offen mit dieser Klima-Leugnung umzugehen, egal ob mögliche Fehlinformationen potenzielle Folgen nach sich ziehen könnten.
Wir haben uns entschieden, uns auf „Warnhinweise” zu beschränken, die wir einzelnen Kommentaren hinzufügen.

Die Unverhältnismäßigkeit der Standpunkte ist ein gefährliches Problem, gegen das alle Diskussionsforen ankämpfen. In politischen Debatten, die im Fernsehen übertragen werden, lädt man Politiker dann ein, wenn sie einen mehr oder weniger beliebten bzw. interessanten Standpunkt vertreten. In weniger formellen Kontexten wie unserer Internetseite hat man all das einfach nicht unter Kontrolle. Das Risiko, das sich daraus ergibt, ist folgendes: Bestimmte Sichtweisen überwiegen. Auf Presseurop ist das Ganze sogar noch ein bisschen problematischer, zumal wir es uns nicht nur zur Aufgabe gemacht haben, unterschiedliche politische Standpunkte und Meinungen zur europäischen Integration darzustellen, sondern auch verschiedene Sprachen und Nationalitäten in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander zu bringen.

Erfolge

Zwangsläufig kommt es dabei vor, dass einige Standpunkte in den Presseurop-Foren nicht häufig und nicht ausführlich genug zu Wort kommen. Betrachtet man das Ganze kritisch, so ist es uns nur selten gelungen, dieses äußerst zerbrechliche Gleichgewicht herzustellen. Aber es konnten auch Erfolge verzeichnet werden. Beispielsweise die ersten zehn Kommentare zur jüngsten Kolumne von Martin Schulz, die alle zu neun unterschiedlichen Übersetzungen seines Artikels abgegeben wurden. Aber natürlich ist es nicht zu vermeiden, dass bestimmte Meinungen auf Presseurop nicht häufig und nicht ausführlich genug zu Wort gekommen sind. Urteile sind subjektiv, aber berücksichtig werden sollten:

  • Mitte-Links-Stimmen aus Nordeuropa

  • Finanzpolitische Falken aus den krisengebeutelten Ländern

  • Gemäßigte- und Zentrumspolitiker, sowie Euro-Agnostiker aller Länder

  • Meinungen aus Zentral- und Osteuropa, Skandinavien und den Balkanländern.

Ein bestimmter Leser, der regelmäßig zum Forum beitrug, stets höflich war und immer wieder konsequent die Wirtschaftsintegration der EU an den Pranger stellte, verfasste weit über 6000 Kommentare, darunter 31 von 81 Beiträgen, die zu einem einzigen Artikel abgegeben wurden.

Auf der anderen Seite wurde eine vor Kurzem veröffentlichte Kurznachricht zur Währungspolitik ganze 120 Mal kommentiert, und zwar ausgesprochen ausgewogen: Aus rund zwanzig Kommentaren kann abgeleitet werden, dass der Sparkurs positiv bewertet wird, rund siebzehn wettern dagegen, und eine Handvoll verflucht die ganze Einheitswährung als nicht wieder gutzumachende Katastrophe. (Alle anderen Kommentare weichen vom Thema ab, aber enthalten viele interessante Diskussionspunkte in Bezug auf europäischer Nachrichtenquellen.)

Wie alle andere Herausforderungen ist die Unverhältnismäßigkeit der Standpunkte in einem online-Forum irgendwie unvermeidbar. Aber auch wenn Meinungen ungleichmäßig verteilt sind, kann es dennoch von Nutzen sein, sie sich einmal durchzulesen und darüber nachzudenken. So schrieb ein italienisches Forumsmitglied in einem besonders wohl überlegten Kommentar einem deutschen Leser ganz ehrlich:

Deine letzten Kommentare sind wirklich sehr wertvoll und ich glaube, dass sie Menschen im Norden und im Süden Europas überzeugen können. Für alle Leser und all jene, die sich an den Kommentaren beteiligen, bietet dieses Forum die Gelegenheit, wirklich etwas dazu zu lernen.

Das denken wir auch.

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