MAITEBALDI_POLLUTION USINE LEGRE MANTE_MARSEILLE-9 Am Rande des Nationalparks „Parc national des Calanques“ in Marseille befindet sich auch das weitläufige Gelände der ehemaligen Legré-Mante-Anlage – das heute eingezäunt ist. Foto: Maite Baldi
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Wer verschmutzt, zahlt nicht: Was passiert mit Unternehmen, die europäische Gesetze ignorieren?

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Von Lombardei über Flandern bis nach Marseille wird das europäische Verursacherprinzip nur halbherzig umgesetzt: Es verpflichtet Unternehmen zwar dazu, kontaminierte Privatgrundstücke zu sanieren, lässt aber die Bürger und Gemeinden auf den Kosten sitzen.

Veröffentlicht am 17. Juli 2026
MAITEBALDI_POLLUTION USINE LEGRE MANTE_MARSEILLE-9 Am Rande des Nationalparks „Parc national des Calanques“ in Marseille befindet sich auch das weitläufige Gelände der ehemaligen Legré-Mante-Anlage – das heute eingezäunt ist. Foto: Maite Baldi

„Sie warten nur darauf, dass auch ich sterbe. Und nach all den Jahren wird es nicht mehr lange dauern: Die anderen hier sind bereits alle gestorben. Die Wahrheit ist: Für uns und unsere mittlerweile zerstörten Felder wurde noch immer nichts getan, und inzwischen ist klar, dass sich daran nichts ändern wird.“ Das sagt der resignierte Pierino Antonioli, einer der Landwirte, deren Leben durch die von der Caffaro Chimica in Brescia (Lombardei) freigesetzten Giftstoffe auf den Kopf gestellt wurde. Die Industrieanlage wurde nur 900 Meter vom historischen Stadtkern der lombardischen Stadt errichtet, direkt neben einer Grundschule, eingezwängt zwischen Wohnhäusern.

Die Erfahrungen des Landwirts macht auch Maguy Fèvre aus Marseille. Sie lebt in einem Stadtviertel, das durch die Fabrik Legré-Mante von „dämonisch“ hohen Schwermetallbelastungen geprägt ist: „Sie warten nur darauf, dass wir sterben. Sie wälzen das Problem auf andere ab, weil sie nicht den Mut haben, das Gesetz durchzusetzen.“

Bei den Menschen, die in der Nähe dieser kontaminierten Standorte leben – in Brescia ebenso wie im flämischen Zwijndrecht in Belgien oder in Marseille –, taucht immer wieder dieselbe Frage auf: Wenn es das sogenannte Verursacherprinzip gibt (mehr dazu im Infokasten unten), warum müssen dann selbst nach Jahrzehnten in erster Linie die Bürger die Zeche zahlen? Stéphane Horel, investigative Journalistin bei Le Monde und Koordinatorin des Forever Pollution Project, bringt das Dilemma auf den Punkt: Die Anwohner akzeptieren oft unbewusst einen Kompromiss auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit – und tragen die Folgen allein.

Die Gifte von Brescia

Pierino und seine Frau Franca haben nie aufgehört, ihre Geschichte oder die der Caffaro Chimica zu erzählen. Immer wieder öffnen sie die Türen ihres alten Bauernhauses, das nur wenige Meter südlich der Fabrik liegt. Seit 2001 ist dort alles unverändert geblieben – von der Einrichtung bis zur Anordnung der Möbel auf der Veranda. In jenem Jahr wurde die Verschmutzung durch PCB (polychlorierte Biphenyle), Dioxine, sechswertiges Chrom, Quecksilber und Schwermetalle öffentlich gemacht. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar: Über Kilometer hinweg kontaminierte Böden und Gewässer, verseuchtes Grundwasser, ganze Stadtviertel, die saniert werden müssen - und mehr als 30.000 betroffene Familien.

Schon bald stellten die Antoniolis fest, dass die PCBs in ihren Blutkreislauf gelangt waren und nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Kinder vergifteten. Die Ergebnisse der Blutanalysen waren alarmierend: 600 Nanogramm PCB pro Milliliter Blut – bei einem Grenzwert von 10 Nanogramm, der schon damals als zu hoch angesetzt galt.

Pierino Antonioli nella sua cascina, a Brescia, dove la sua famiglia vive da oltre un secolo. | Foto: ©Stefano Nicoli 
Pierino Antonioli auf seinem Bauernhof in Brescia, wo seine Familie seit über einem Jahrhundert lebt. | Foto: ©Stefano Nicoli

Über Nacht verlor Pierino seine Arbeit und damit seine Existenzgrundlage, denn alles – seine Felder, Tiere und Anbauflächen – waren verseucht. 25 Jahre später hat seine Familie noch immer keinen Cent erhalten. Im Gegenteil: Irgendwann verlangte der Staat von ihm sogar Grundsteuer für das kontaminierte, völlig unbrauchbare Land. „Zum finanziellen Ruin kam auch noch der Spott“, erinnert er sich. Franca ist heute 81 Jahre alt, Pierino 83, und sein Blut ist bis heute schwer mit PCBs belastet. Er kämpft gerade gegen seinen fünften Tumor.

Nur wenige Meter nördlich des Bauernhofs schickten hunderte Familien aus Brescia jahrelang ihre Kinder zur Schule – ohne zu ahnen, was sich direkt unter ihren Füßen befand. „Im Jahr 2006 erfuhren wir plötzlich, dass die Kinder den Schulhof nicht mehr betreten durften. Wir verlangten eine Erklärung, aber wir bekamen einfach keine Antwort.“

So erinnert sich Guido Menapace, einer der Organisatoren der Proteste in einem der von Caffaro Chimica zerstörten Stadtviertel, an den Beginn dieser Geschichte: „Die Umweltverschmutzung war längst bekannt, die Behörden wussten davon, doch die Öffentlichkeit war nicht informiert worden. Wir mussten die Wahrheit selbst ans Licht bringen, indem wir Einsicht in die Regierungsakten beantragten um Stück für Stück zu rekonstruieren, was geschehen war.“

Doch bevor die Bewegung die bürokratischen Hürden bewältigen musste, stieß sie auf das Misstrauen der eigenen Nachbarn: „Viele sagten uns, wir sollten das Thema Umweltverschmutzung in der Nachbarschaft ruhen lassen. Sie hatten Angst, dass ihre Häuser an Wert verlieren könnten. Einige schämten sich sogar zuzugeben, dass sie in einem verseuchten Viertel wohnten.“ Es dauerte sieben Jahre voller Proteste sowie die Besetzung der Schule, des Umweltdezernats und des Gesundheitsamts, bis die Bewohner Antworten von den Verantwortlichen erhielten. 

Guido Menapace è passato da papà ad attivista per riuscire a capire cosa stava realmente accadendo nella scuola delle sue figlie, a Brescia. Anche il suo quartiere è stato contaminato dalla Caffaro: per anni i bambini non hanno potuto giocare nei parchi. | Foto: ©Stefano Nicoli
Guido Menapace wurde vom Vater zum Aktivisten, um herauszufinden, was in der Schule seiner Töchter in Brescia wirklich vor sich ging. Auch sein Stadtteil wurde von Caffaro verseucht: Jahrelang durften die Kinder nicht in den Parks spielen. | Foto: ©Stefano Nicoli

Die Sanierung des Schulgartens erfolgte erst im Jahr 2016. Die öffentlichen Parks des Stadtteils, in denen die Kinder das Gras nicht betreten durften,wurden erst ein Jahrzehnt später saniert. Doch die Kosten wurden nicht von den Verursachern der Verschmutzung getragen: „Das Prinzip sollte einfach sein: Wer verschmutzt, zahlt. In unserem Fall zahlen immer noch die Opfer.“

Die Arbeiten werden aus öffentlichen Mitteln finanziert, die – wie Menapace betont – „anderen öffentlichen Dienstleistungen entzogen werden“, während bei privaten Grundstücken die finanzielle Last weiterhin auf den Bürgern ruht. „Viele wollen den Boden ihres Gartens oder Gemüsegartens nicht untersuchen lassen. Denn wenn festgestellt wird, dass er kontaminiert ist, laufen sie Gefahr, die Sanierung aus eigener Tasche bezahlen zu müssen. Und die Kostenvoranschläge sind hoch: Sie liegen zwischen 1.050 und 1.200 Euro pro Quadratmeter. Da ist es besser, nichts zu wissen.“

Ein amerikanischer Gigant in Flandern

Seit 2022 ist das 3M-Chemiewerk in Zwijndrecht gesetzlich verpflichtet, Untersuchungen durchzuführen und den kontaminierten Boden auf seinem Gelände zu sanieren. Es ist jedoch nicht verpflichtet, die Anwohner der umliegenden Gebiete für die Umweltverschmutzung zu entschädigen. Jeroen Van Reeth, der die Fabrik des amerikanischen Giganten von seinem Schlafzimmer aus sehen kann, erzählt, dass er – wie alle anderen auch – überrascht war, als 2021 die Nachricht von einer schweren PFAS-Belastung (Per- und Polyfluoralkylsubstanzen, auch als „ewige Schadstoffe“ bezeichnet) bekannt wurde.

„Es gibt viele Gesetze, und die Emissionen sind streng reguliert, daher gingen wir davon aus, dass die Situation unter Kontrolle sei.“ Eine chronische Exposition gegenüber PFAS, selbst in geringen Konzentrationen, wurde mit Leberschäden, erhöhtem Cholesterinspiegel, einer Schwächung der Immunantwort, einem niedrigen Geburtsgewicht und verschiedenen Krebsarten in Verbindung gebracht. Seine Nachbarinnen Wendy D’Hollander und Stefanie Bellinkx halten sich bis heute an die damals von den Gesundheitsbehörden ausgesprochenen Empfehlungen: Sie verzichten auf den Verzehr von Gemüse und Eiern aus ihren eigenen Gärten und versuchen zu verhindern, dass ihre Kinder im Garten mit Erde spielen.

Jeroen Van Reeth, Anwohner der „roten Zone“ von Zwijndrecht. Dort, wo sein privater Garten endet, beginnt das Grundstück von 3M. Das Gelände wird vom Unternehmen genutzt, um Untersuchungen und Überwachungen zum Zustand des Bodens durchzuführen. | Foto: ©Simone De La Feld

Eine von der flämischen Regierung zwischen 2023 und 2025 durchgeführte Biomonitoring-Studie zeigte rückläufige PFOS-Werte – eine spezielle PFAS-Verbindung - im Blut der Bewohner im Vergleich zu 2021. Er argumentiert daher, dass kein kausaler Zusammenhang zwischen der PFAS-Belastung und gesundheitlichen Auswirkungen gezogen werden kann. Die beiden Untersuchungen wurden jedoch von unterschiedlichen Behörden und Methoden durchgeführt, was zu Abweichungen bei den Ergebnissen führen kann. „Deren größte Sorge ist, dass es einen Zusammenhang zwischen ihren Produkten und Gesundheitsproblemen gibt“, erklärt Toon, die seit jeher in der roten Zone lebt.

Die lokale Gemeinschaft in Zwijndrecht ist aktiv geworden, allen voran ihre Frauen: Im Jahr 2023 ließen Hedwig Rooman und Wendy – gemeinsam mit anderen Müttern – ihre Muttermilch untersuchen und stellten erschreckend hohe PFAS-Werte fest. „Alles, wofür wir uns bis heute einsetzen, tun wir für unsere Kinder“, erzählen sie. Nach Jahren des Zögerns ist nun auch die OVAM, die in Flandern für die Abfall- und Bodensanierung zuständige Behörde, der Ansicht, dass der Boden in den angrenzenden Wohngebieten dringend saniert werden muss. „Die Arbeiten sind für Ende dieses Jahres geplant.“

Die flämische Regierung hat jedoch beschlossen, das groß angelegte Blutuntersuchungsprogramm weder auf ehemalige Anwohner noch auf ein größeres geografisches Gebiet auszuweiten. Dabei lagen die Kontaminationswerte aus früheren Biomonitoring-Untersuchungen so weit über den Grenzwerten, dass sich 3M sogar dazu verpflichtete, in den Gärten der „roten Zone“ den Boden bis in 70 Zentimeter Tiefe abzutragen und zu ersetzen.

„Es gibt Menschen, die über zwanzig Jahre lang viel Arbeit in ihren Garten gesteckt und sich eine wunderschöne Oase geschaffen haben – sie erhalten nun zwar eine Entschädigung, um alles wieder herzurichten. Wer das jedoch nicht möchte, sollte das Recht haben, diesen massiven Eingriff im eigenen Garten abzulehnen. Manche Menschen haben wegen dieser ganzen Sache sogar beschlossen, einfach wegzuziehen“, erklärt Els D'Hondt, eine ehemalige Einwohnerin von Zwijndrecht.

Manche sind sich der Gefahr zwar bewusst, entscheiden sich aber dennoch fürs Bleiben. „Für mich wäre es schwer, mein Haus an jemand anderen zu verkaufen, im Wissen, dass es immer noch belastet ist“, erklärt Toon. Abgesehen von der emotionalen oder moralischen Bindung ist es ohnehin nicht so einfach, ein Haus in Zwijndrecht zu verkaufen. Wie Els und Stefanie berichten, hat die Ovam mitgeteilt, dass das Haus im Grundbuch offiziell als kontaminiert eingetragen wird, wenn man die Sanierung verweigert.

Die Preise bei einem eventuellen Verkauf würden dadurch natürlich sinken. Die angekündigten Sanierungsmaßnahmen reichen schlichtweg nicht aus, um den tatsächlichen Schaden zu begleichen. „Im Boden unter dem 3M-Gelände befinden sich noch etwa 60 Tonnen PFAS, und das ist nur die Menge, die bekannt ist, da die Gebäude, die die Verschmutzung verursacht haben, abgerissen werden“, warnt Jeroen. „Und aus dem Wasserlauf, der durch das 3M-Gelände fließt, sickert die Verschmutzung auch aus dem Kanal hinaus, gelangt in die Gewässer und schließlich in den großen Fluss.“

Für Els ist das Leben neben einem umweltschädlichen Chemieunternehmen und der Versuch, dagegen anzukämpfen, wie Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen. „Für eine vollständige Sanierung sind sehr kostspielige Verfahren erforderlich, die man sich in einem Gebiet wie diesem nicht leisten kann.“

In Marseille wird mit zweierlei Maß gemessen 

„Für uns ist das eine enorme Sache. Es handelt sich um einen Präzedenzfall, der in Frankreich nationale Bedeutung hat.“ So kommentiert Rolland Dadena, einer der Koordinatoren der Association Santé Littoral Sud (Asls), das Urteil des Verwaltungsgerichts von Marseille. Das Gericht hatte den französischen Staat im Dezember 2024 wegen „schuldhafter Untätigkeit“ verurteilt.

Der Grund: Der Staat hatte seine Befugnisse nicht genutzt, um eine Sanierung des Geländes zu erzwingen. Das Areal in den Calanques von Marseille – darunter das Werk Legré-Mante – ist durch den über ein Jahrhundert langen Betrieb verschiedener Fabriken schwer kontaminiert.

A Zwijndrecht l’Agenzia per l'ambiente delle Fiandre ha installato diverse stazioni di monitoraggio che raccolgono dati sui PFAS presenti nell'aria. Alcune di queste sono state posizionate nella pista ciclabile che connette la “zona rossa” – composta da case, fattorie e giardini – e la 3M. Foto: ©Simone De La Feld
In Zwijndrecht hat die Umweltbehörde von Flandern mehrere Messstationen installiert, die Daten zu PFAS in der Luft erfassen. Einige davon wurden auf dem Radweg aufgestellt, der die „rote Zone“ – bestehend aus Häusern, Bauernhöfen und Gärten – mit dem 3M-Standort verbindet. Foto: ©Simone De La Feld

Die Entscheidung stellt einen Wendepunkt im Kampf lokaler Umweltverbände dar. Allen voran die ASLS wehrt sich seit Langem gegen den Staat und den Investmentfonds Ginkgo. Der Fonds ist heute Eigentümer des Geländes und plant dort ein groß angelegtes Wohnbauprojekt. Wie die Richter feststellten, weist der Boden Konzentrationen von Blei, Arsen und Zink auf, die bis zu 500-mal über den Normalwerten liegen. Dies führt zu erheblichen Schäden für die Ökosysteme und die Allgemeinheit.

Der juristische Sieg hatte jedoch sehr unterschiedliche Folgen. An den Standorten innerhalb des Nationalparks Calanques hat der Staat Maßnahmen zur Eindämmung der Schadstoffe eingeleitet, die Rolland als „gigantisch“ bezeichnet. In Legré-Mante hingegen, wo die Verantwortung für die Sanierung heute bei Ginkgo liegt, ist der Prozess ins Stocken geraten.

Das Urteil verpflichtete die zuständige Regionalbehörde, innerhalb von zehn Monaten nach Zustellung des Urteils ihre Befugnisse zu nutzen und den Eigentümer zum Beginn der Sanierung zu zwingen. Geschehen ist bislang jedoch nichts. „Warum war es dort möglich und hier nicht?“, fragt sich Rolland. 

Die gleiche Frustration macht sich im gesamten Viertel breit. Maguy, deren Mann an Leukämie gestorben ist und die seinen Tod auf die mutmaßliche Schadstoffbelastung zurückführt, fordert Konsequenzen: Die zuständige Regionalbehörde muss Ginkgo dazu verpflichten, das Gelände vor Baubeginn komplett zu sanieren. Für François, einen Anwohner und ehemaligen Arbeiter bei Legré-Mante, existiert das Verursacherprinzip schlichtweg nicht: „Es wird überhaupt nicht eingehalten.

Am Ende sind es die Unternehmer– die eigentlichen Verursacher –, auf deren Interessen Rücksicht genommen wird, und nicht auf die der Bevölkerung”. Zudem bestehen weiterhin gesundheitliche Risiken: In einigen Gärten wurden Schwermetalle nachgewiesen. Die Behörden haben den Bewohnern daher dringend davon abgeraten, selbst angebautes Gemüse zu essen. Zudem sollen sie Vorsichtsmaßnahmen treffen, um den Kontakt mit kontaminiertem Staub zu minimieren.

Aus diesem Grund haben sich mehrere Anwohner einer Sammelklage wegen „Gefährdung des Lebens“ angeschlossen. Sie fordern nicht nur Schadenersatz, sondern vor allem die Anerkennung des seelischen Schadens. „Man hat uns einfach nie ernst genommen“, resümiert François.

L’ex fabbrica di acido tartarico Legré-Mante nel quartiere della Madrague, a Marsiglia. Chiusa dal 2009, il suo terreno di 85.000 m2 è oggi altamente contaminato da metalli pesanti che possono provocare saturnismo. | Foto: ©Maïté Baldi
Die ehemalige Weinsäurefabrik Legré-Mante im Stadtteil Madrague in Marseille. Das seit 2009 stillgelegte Werk verfügt über ein 85.000 m² großes Gelände, das heute stark mit Schwermetallen belastet ist, die zu einer Bleivergiftung führen können. | Foto: ©Maïté Baldi

Auch verschmutzte Orte sind Orte des Glücks

Die Umweltverschmutzung wird oft erst nach Jahren sichtbar, die Behörden greifen zu spät ein, und die Verantwortung verläuft im Sande. Mittendrin stehen die Menschen, die täglich Giftstoffen ausgesetzt sind und auf eine juristische Antwort warten: „Welchen Preis zahlen wir dafür?“

Stéphane Horel versucht, das Dilemma auf den Punkt zu bringen: „Was sind 30 zusätzliche Lebensjahre wert, wenn man mit 50 an Krebs erkrankt? Selbst wenn man geheilt wird, bleibt die Gesundheit beeinträchtigt. Hätten die politischen Entscheidungsträger die Bedingungen dieses Paktes damals ehrlich offengelegt – hätten wir ihn als Gesellschaft dann wirklich unterschrieben? Ich bin mir sicher, dass wir das nicht getan hätten.“

In una riunione pubblica dell’ASLS a giugno 2026, i membri dell’associazione – tra cui il presidente Rolland Dadena, a destra – mostrano il contrasto tra i lavori realizzati nel Parco Nazionale dei Calanchi e lo stato di abbandono del sito inquinato di Legré-Mante. | Foto: ©Maïté Baldi
Bei einer öffentlichen Versammlung der ASLS im Juni 2026 verdeutlichen die Mitglieder des Vereins – darunter der Vorsitzende Rolland Dadena (rechts) – den Kontrast zwischen den im Nationalpark Calanchi durchgeführten Arbeiten und dem verwahrlosten Zustand des kontaminierten Geländes von Legré-Mante. | Foto: ©Maïté Baldi

Das Grundproblem bleibt in allen drei Fällen dasselbe, auch wenn die Konsequenzen variieren: Sie reichen von der Zusage einer kompletten Sanierung bis hin zu bloßen Teilmaßnahmen auf den kontaminierten Geländen. Von ihren belasteten Gärten aus, mit denen sie dennoch so viele glückliche Erinnerungen verbinden, fragen sich die Bewohner von Brescia, Marseille und Zwijndrecht noch immer: Warum haben die Verursacher sie trotz festgestellter Haftung nie für die Schäden an ihrer Gesundheit und ihrem Eigentum entschädigt? Und warum wird ein so klarer, eindeutiger Grundsatz wie das „Verursacherprinzip“ in der Realität einfach nicht umgesetzt?

Pierino und seine Frau Franca mussten in all den Jahren mit einer Rente von wenigen hundert Euro überleben. Aber – wie er selbst sagt – „wir sind einfache Leute: Wir brauchen nicht viel zum Leben. Immer wieder ist von Geld für die Sanierung die Rede, von Entschädigungen vom Staat. Bei uns ist nie auch nur ein Cent angekommen. Und mittlerweile sind wir alt ...“.

Das Prinzip: Polluter Pays

Das Prinzip: Das Verursacherprinzip (engl. Polluter Pays Principle, kurz PPP) ist ein Eckpfeiler des EU-Umweltrechts und im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union verankert. Es legt fest, dass die Kosten für die Vermeidung, Bekämpfung und Beseitigung von Umweltverschmutzung von demjenigen zu tragen sind, der sie verursacht – und nicht von den Betroffenen, die darunter leiden.

Der Ursprung: Das 1972 von der OECD eingeführte Prinzip wurde schrittweise ausgeweitet: von den reinen Kosten für die Vermeidung von Umweltverschmutzung bis hin zur vollen Haftung für verursachte Schäden. Letzteres gilt selbst dann, wenn die Verschmutzung innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte liegt oder auf unvorhergesehene Ereignisse zurückzuführen ist.

Die Anwendung: In der EU wird das Verursacherprinzip maßgeblich durch die Umwelthaftungsrichtlinie (ELD) umgesetzt. Diese schreibt bei unmittelbarer Gefahr vorbeugende Maßnahmen vor und verlangt im Schadensfall eine Sanierung. Zudem ist das Prinzip in der Abfallrahmenrichtlinie, der Wasserrahmenrichtlinie und den Vorschriften zur Umweltverträglichkeitsprüfung verankert.

Verantwortungsbereich – Was der Verursacher tragen muss und was nicht: Das Prinzip verpflichtet den Verantwortlichen zwar, kontaminierte Standorte zu sanieren, es garantiert den Betroffenen jedoch nicht automatisch eine finanzielle Entschädigung für Gesundheitsschäden, Vermögensverluste oder wirtschaftliche Einbußen. Um Schadensersatz zu erhalten, müssen Bürger selbst vor Gericht klagen und den konkreten Schaden sowie den Kausalzusammenhang zur Verschmutzung nachweisen. Ein automatischer kollektiver Rechtsschutz (wie eine flächendeckende Sammelklage) ist im europäischen Recht hierfür nicht vorgesehen.

Die Kritikpunkte: Nach Angaben des Europäischen Rechnungshofs (Sonderbericht 2021) wird das Verursacherprinzip nach wie vor unvollständig umgesetzt. In vielen Fällen werden Sanierungskosten weiterhin aus Steuergeldern bezahlt – etwa wenn der Verantwortliche nicht ermittelt werden kann, zahlungsunfähig ist oder die Gesetze keine geeigneten Instrumente bieten.

Die Europäische Kommission hat zwar bekräftigt, dass das Prinzip auch bei der Sanierung von PFAS-Verschmutzungen strikt anzuwenden ist und öffentliche Mittel ausschließlich für sogenannte „verwaiste Standorte“ (ohne bekannten Eigentümer) genutzt werden dürfen. Allerdings fehlt der EU nach wie vor ein einheitliches Regelwerk für Entschädigungen bei Gesundheitsschäden. Der Schutz der Bürger hängt somit weitgehend von den jeweiligen nationalen Gesetzen und der Möglichkeit des Einzelnen ab, vor Gericht zu klagen.

Überprüfung der Gesetze: Da der Grundsatz bisher nur lückenhaft greift, hat die Europäische Kommission eine umfassende Eignungsprüfung (einen sogenannten Fitness-Check) eingeleitet. Dabei werden 76 Rechtsakte und EU-Fonds in den 27 Mitgliedstaaten daraufhin untersucht, wer tatsächlich die Kosten für Prävention, Kontrolle und Umweltschadensersatz trägt. Die Veröffentlichung war ursprünglich für 2025 geplant, der Bericht wurde jedoch noch nicht offiziell vorgelegt.

Die Rolle des Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR): Einen parallelen Schutz bietet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Er wendet das Verursacherprinzip zwar nicht direkt an, kann aber die Verantwortung von Staaten feststellen, wenn diese angesichts von Umweltverschmutzung untätig bleiben. Er beruft sich dabei auf das Recht auf Leben (Art. 2), die Achtung des Privatlebens (Art. 8) oder das Verbot unmenschlicher Behandlung (Art. 3).

Zwei aktuelle Urteile markieren hierbei eine bedeutende Entwicklung: Im Jahr 2024 erkannte die Große Kammer im Fall „Klima Seniorinnen gegen die Schweiz“ an, dass die Untätigkeit eines Staates im Klimabereich Grundrechte verletzen kann. Im Jahr 2025 stellte der Gerichtshof im Fall „Cannavacciuolo gegen Italien“ – der sich auf die sogenannte „Terra dei Fuochi“ bezog – eine Verletzung des Rechts auf Leben durch jahrzehntelange illegale Entsorgung gefährlicher Abfälle fest, wobei er erstmals epidemiologische Studien als Beweismittel heranzog und Italien dazu verpflichtete, innerhalb von zwei Jahren Sanierungsmaßnahmen durchzuführen, Entschädigungen zu leisten und die Bevölkerung zu informieren.

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