In der Haut eines Europaabgeordneten

Der BBC-Journalist Brian Wheeler verbrachte mehrere Wochen in den Fluren des Europäischen Parlaments und veröffentlichte sein Tagebuch im Internet. – Ein drolliger Trip in die Welt der leisen Sohlen.

Veröffentlicht auf 22 Mai 2009 um 09:33

„Begleiten Sie mich, wie ich genüßlich Jahrgangs-Champagner schlürfe, in den besten Restaurants speise und an überflüssigen Untersuchungsmissionen in exotischen Gefilden teilnehme… und das alles auf Ihre Kosten.“

Für einen Briten ist bei den Begriffen Europa und Europaparlament alles möglich. Deshalb hat Brian Wheeler, BBC-Korrespondent aus Westminster, beschlossen, nach Straßburg zu fahren, um herauszufinden, wie die europäische Demokratie wirklich funktioniert.

Sein Blog wendet sich vor allem an die Bürger Ihrer Majestät. Nur die wenigsten kennen die Namen der Abgeordneten, die sie am 4. Juni ins Europaparlament wählen werden (in Großbritannien wird traditionell donnerstags gewählt). Auf geht’s zur Stadt am Rhein, einer der beiden „Hauptstädte“ Europas, wo Wheeler drei Fragen stellt : Wer sind diese Abgeordneten der anderen Art ? Was machen die den ganzen Tag ? Und vor Allem : Wieviel verdienen Sie und welche kolossalen Summen werden ihnen als Spesen zurückerstattet für ihre sogenannten „Grundbedürfnisse“ : Hotels, Restaurants und natürlich Jahrgangs-Champagner ?

Ganz in der Tradition der englischen Humoristen wie Stephen Clarke, die sich auf das Festland des Alten Kontinents wagten, stellt auch Brian Wheeler fest, dass dort alles so ganz anders ist als zu Hause. Eher an lautstarke Debatten im House of Commons gewöhnt, wo sich die „verehrten Kollegen“ von der Labour-Partei und den Tories – in aller Höflichkeit – anbrüllen, wundert sich Brian Wheeler über die Ruhe, die im Straßburger Parlament herrscht. Alle 785 Mitglieder des Europaparlaments, die MEPs, von denen jeder nur eine Minute Redezeit bekommt, lauschen in feierlicher Stiller so unterschiedlichen Themen wie der Situation im Gazastreifen, krebserregende Pestizide, oder wie schlecht ungarische Dolmetscher behandelt werden. „In Straßburg geht es immer um Kompromisse“, stellt der Reporter fest. „In Westminster ist das ein Schimpfwort.“

Der eher euroskeptische Journalist trifft zunächst britische MEPs der Labour Party und der Tories, dann aber auch Grüne und Abgeordnete der nationalistischen Partei Palid Cymru aus Wales, die beide der Freien Europäischen Allianz angehören „aus Gründen, die der Außenstehende nicht verstehen kann“. Alle klagen darüber, dass sie jeden Monat Sekretariat und Dolmetscher von Brüssel nach Straßburg verfrachten müssen, um dann eine Woche später die Rückreise anzutreten. Es überrascht Wheeler nicht, dass sich die Parlamentarier („Sie zeigen sich natürlich im besten Licht. Ich werde keine Skandale aufdecken… „) bei der 287-Euro-Frage, dem Tagessatz ihrer Spesen, Bescheidenheit vorschützen. Alle gestehen ein, dass in diesen harten Zeiten das System eventuell reformiert werden sollte.

Die Europarlamentarier sind eher stolz auf ihren Beitrag zur Politik der Union. Sie weisen darauf hin, dass die meisten Gesetze, die vor unsere nationalen Parlamente kommen, hier bereits beschlossen wurden. Dem Journalisten wird es schwindlig, als er entdeckt, mit welcher Geschwindigkeit über einen Text nach dem anderen abgestimmt wird. Die Ergebnisse flimmern über die elektronische Anzeigetafel wie bei einem Riesen-Bingospiel. „Polittheater“ seufzt ein Konservativer. Die wahre Macht, so meint der Korrespondent, liege bei den Rapporteuren in Brüssel. Für die Parlamentarier der euroskeptischen Partei UKIP, die 2004 9 Sitze gewann, ist die ganze Abstimmerei eine Farce. Wheeler stellt amüsiert fest, dass sie selber einen Sinn für Monty Python-Inszenierungen haben : Am 1. Januar 2009, dem zehnten Geburtstag des Euro, wurde Beethovens „Ode an die Freude“ 30 Minuten früher als geplant im Parlament abgespielt, sehr zum Ärger der königstreuen Nationalisten, die geplant hatten, an Stelle ein paar Takte eines bekannten Triumpfgesanges der Aristokratie zu singen… der Marseillaise !

Perplex verlässt Brian Wheeler das futuristische Gebäude in Straßburg, eine Parallelwelt, „in der man sich fühlt wie in den Bauten eines Science-Fiction-Films der 60er Jahre“. Für ihn ist das Glaslabyrinth ein Sinnbild des Projekts Europa: „Man sieht sofort, wo man hin will, doch dauert es eine Ewigkeit, bevor man es wirklich schafft“. Trotzdem : nach zehn Tagen in der Fremde nennt er die „Ode an die Freude“ versehentlich die Nationalhymne… God save the EU ?

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